Das Nibelungenlied

Alter Stoff neu erzählt

29:45 Minuten
Schwarz-Weiß-Aufnahme: Der oberkörperfreie Siegfried reitet auf einem weißen Pferd durch eine nebelverhangene Wiese. Vor ihm läuft der zwergige Alberich, im Hintergrund steht ein verdorrter Baum.
Mit seinem Stummfilm hat Fritz Lang 1924 die Reihe zahlreicher Nibelungenverfilmungen eröffnet. © imago / Prod.DB
Moderation: Dorothea Westphal · 03.12.2021
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Das Nibelungenlied erzählt von Siegfried dem Drachentöter, von dessen Ermordung und von Kriemhilds grausamer Rache. Der Stoff aus dem Mittelalter ist erstaunlich aktuell und wird von Autorinnen wie Felicitas Hoppe aufgegriffen.
Das Nibelungenlied ist ein faszinierender, schwer fassbarer Stoff. Es wurde zum Nationalmythos stilisiert, von den Nazis ideologisiert und in jüngerer Zeit literarisch vielfach interpretiert und bearbeitet, etwa von Autoren und Autorinnen wie Ulrike Draesner, Jürgen Lodemann oder Moritz Rinke.
Auch die Büchner-Preisträgerin Felicitas Hoppe und der österreichische Dramatiker und Romanautor Ferdinand Schmalz haben sich mit dem Stoff befasst. Der Roman „Die Nibelungen. Ein deutscher Stummfilm“ von Hoppe ist im Herbst 2021 erschienen. Das Theaterstück „Hildensaga. Ein Königinnendrama“ von Schmalz wird im Juli 2022 bei den Wormser Festspielen uraufgeführt.

Grausamkeit, Unerbittlichkeit, Unversöhnlichkeit

"Wirklich gelesen habe ich das Nibelungenlied, das um 1200 entstanden ist, erst vor zehn Jahren“, sagt Hoppe. „Weil ich ein Seminar zum Thema Glück und Geld machen wollte und dachte: 'Da kann ich den Nibelungenschatz gut gebrauchen.' Dann hat mich das sehr in den Bann gezogen, vor allem deshalb, weil der Stoff mir eigentlich sehr fremd ist, diese Art von Grausamkeit, Unerbittlichkeit, Unversöhnlichkeit. Aber: super Figuren.“
Auch Schmalz kannte die Geschichte von Siegfried dem Drachentöter eher als Schullektüre oder aus Filmen an langweiligen Regennachmittagen. Nachdem er von den Veranstaltern der Nibelungen-Festspiele gefragt worden war, ob er das nächste Stück dafür schreiben wolle, habe er sich den Stoff erst erarbeiten müssen.
Felicitas Hoppe, kurze braune Haare, Perlohrringe, schwarzes Oberteil, gestikuliert energisch.
"Super Figuren" biete das Nibelungenlied, findet Felicitas Hoppe, hier: auf der Buchmesse in Leipzig 2018.© imago / Gerhard Leber
Er fand es faszinierend, dass das Nibelungenlied, so wie es im Mittelalter verfasst wurde, mit diesen Nachmittagsfilmen wenig zu tun hat. Denn die Szenen, die jeder kennt, sind eigentlich eher Randnotizen im Nibelungenlied. „Die Drachentöterszene kommt in einer Strophe vor und davor und danach werden seitenweise Gewänder und Waffen beschrieben."
Den Zugang zum Mittelalter habe er über das Buch „Der Herbst des Mittelalters“ von Johan Huizinga bekommen. Das sei auch für Felicitas Hoppe eine Art Türöffner gewesen, als sie vor 15 Jahren an ihrem Roman über Jeanne d’Arc arbeitete.

Groteske Überzeichnung und Gewalt

Der Titel ihres neuen Romans „Die Nibelungen. Ein deutscher Stummfilm“ sei zwar keine Hommage an den berühmten Stummfilm „Die Nibelungen“ von Fritz Lang aus dem Jahr 1924, aber: „Dass die Kraft dieser Geschichte in den Gesten, in den Handlungen, in den Requisiten, in den Bildern, in diesen groß gezeichneten Bildern besteht, das erinnert mich doch sehr an den Stummfilm, auch die groteske Überzeichnung und diese unglaublichen Gewaltspiralen. Insofern ist mein Untertitel eher ein Anzeigen der Methode, mit der erzählt wird, als eine Hommage an Fritz Lang.“

Felicitas Hoppe: "Die Nibelungen. Ein deutscher Stummfilm"
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2021
Gebunden, 256 Seiten, 22,00 EUR

Von der Tatsache, dass Ferdinand Schmalz ein Stück für die Nibelungen-Festspiele geschrieben hat, war Felicitas Hoppe fasziniert: „Als ich ihn im September traf und er mir von seinem Vorhaben erzählte, war ich total begeistert, weil ich dachte: 'Endlich treffe ich jemanden, der das in echt tut, was ich sozusagen zur Kulisse meines Romans gemacht habe.'“

Hektoliter Theaterblut

Die Schwierigkeit dabei, ein solches Werk auf die Bühne zu bringen, liege bereits in der Menge der Figuren und der schieren Masse des Stoffes. Eigentlich könne man damit nur scheitern, sagt Schmalz, und es habe ihn gerade interessiert, dieses Abenteuer zu wagen: „Als junger Dramatiker ist man immer in einer Rolle, dass man für kleine Bühnen und für Studiobühnen schreibt und eigentlich Dramaturginnen und Dramaturgen gegenübersitzt, die sagen: 'Na ja, muss das so ausufernd sein? Können wir nicht da vielleicht die Rolle noch wegstreichen? Dazu fehlen uns die Mittel.' Und dort bei den Nibelungen-Festspielen: Das erste, was mir Roger Vontobel, der das Stück nächstes Jahr inszenieren wird, gesagt hat: 'Wir haben da die Möglichkeiten, alles zu machen. Wenn einer in Flammen aufgehen soll, dann geht er in Flammen auf. Wenn da Hektoliter Theaterblut fließen sollen, dann können wir das machen.'“

Ein ironisches, literarisches Spiel

Hoppes Roman ist zwar gegliedert wie ein Stummfilm, mit Texttafeln zwischen den Kapiteln, aber ansonsten erzählt die Autorin die Handlung entlang eines fiktiven Theaterspektakels in Worms in der heutigen Zeit. Es ist ein furioses, ironisches Spiel, in dem Raum und Zeit förmlich aus den Fugen geraten.
War es nur so möglich, dem Stoff beizukommen? Ja, sagt Hoppe. „Für mich war es schwierig, den Stoff nachzuerzählen, ohne Distanznahme und diese Inszenierung auf der Bühne, die hier natürlich romanhaft vorgenommen wird. Die erlaubt mir, das Geschehen aus der Distanz zu zeigen und es auch zu kommentieren. Ich habe natürlich als Romanautorin mehr Freiheiten, weil ich vieles tun kann, was nicht in Szene gesetzt werden muss. Aber mir haben sich dann schon ähnliche Fragen gestellt. Immer wieder kommt im Roman die Frage auf, ironisch natürlich: Gibt das Budget dies her? Können wir das inszenieren? Insofern beneide ich Herrn Schmalz, der offenbar reichlich Theaterblut zur Verfügung hat.“

Faszinierende Frauenfiguren

Trotzdem hat auch Ferdinand Schmalz die Handlung natürlich raffen müssen, um den Stoff auf die Bühne zu bringen. Und so hat er sich, wie schon im Titel „Hildensaga. Ein Königinnendrama“ angekündigt, auf die beiden Frauenfiguren Kriemhild und Brünhild konzentriert.
Ferdinand Schmalz, mit Hut und Anzug, schaut freundlich lächelnd in die Kamera.
Rückt die weiblichen Figuren des Nibelungenlieds ins Zentrum seiner Inszenierung: Ferdinand Schmalz.© imago / SKATA
Das stand relativ früh fest, erzählt der Dramatiker, denn die beiden Frauen hätten eine zentrale und handlungsentscheidende Rolle: „Man müsste eigentlich von einem Heldinnenepos sprechen, denn Hagen und Siegfried sind dagegen eher Nebenfiguren."
Diese Königinnen, „das sind Bomben, tolle Frauenfiguren“, meint auch Felicitas Hoppe. Schwergetan habe sie sich allerdings damit, dass der Streit der beiden Königinnen vor dem Wormser Münster, eine zentrale Szene im Nibelungenlied und die Eröffnungsszene in dem Theaterstück von Ferdinand Schmalz, in der Literaturwissenschaft gern als Zickenkrieg bezeichnet wird: „Diesen Begriff kennen wir auch aus anderen Bereichen. Und irgendwie bin ich mit einem ungeheuren Widerwillen erfüllt, wenn ich das Wort Zickenkrieg höre.“

Gegen toxische Männlichkeit

Auch Schmalz habe die Tatsache, dass die beiden Frauen vor dem Wormser Münster in einen Streit darüber geraten, wer der anderen den Vortritt lassen muss, und dass sie sich spinnefeind werden, genervt, obwohl sie eigentlich auf derselben Seite stehen, weil beiden übel mitgespielt wurde. Und so lässt er sie sich verschwestern, woraus sich schließlich eine wilde Jagd entspinnt. Hoffnungsvoll heutig findet Hoppe diese Wendung – und kühn.
„Ja“, sagt Schmalz, „'heutig' in dem Sinn, als es eine Wendung gegen die – heute würde man sagen – 'toxische Männlichkeit' ist, die dort an dem Hof zu Worms herrscht, wo es um Männerbünde geht, gegen die sich die Frauen dann wenden. Das ist natürlich eine sehr heutige Frage.“
In seinem Stück zeigt sich die Zeitlosigkeit des Stoffes, auch, wenn er es in mythischer Zeit spielen lässt. Um Macht ginge es im Nibelungenlied, darum, dass jeder und jedem klar ein Ort in der Gesellschaft zugewiesen war und die Ordnung wiederhergestellt werden musste – der kommenden Katastrophe, in die alle sehenden Auges geraten, zum Trotz. Ab dem Zeitpunkt des Königinnenstreits vor dem Dom gebe es wenig Möglichkeiten, aus diesem Teufelskreis auch wieder auszusteigen.

Eine MeToo-Debatte?

„Wir sind da eigentlich in einer Art MeToo-Debatte“, sagt Hoppe: „Deshalb fasziniert mich das in ihrem Stück, wie die beiden ins Handeln kommen, tätig werden. Wobei auch interessant ist: Wie handeln die Frauen? Sie handeln natürlich mit denselben Gewaltmitteln wie die Männer.“
(DW)

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