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Fazit / Archiv | Beitrag vom 20.12.2018

Die letzte Zeche schließt"Der männliche Mythos hat im Bergbau immer sehr gut funktioniert"

Werner Ružička im Gespräch mit Sigrid Brinkmann

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Bergmänner der Steinkohlezeche Prosper-Haniel bei Bottrop ( dpa/Felix Heyder)
Bergmänner der Steinkohlezeche Prosper-Haniel bei Bottrop nach Schichtende. ( dpa/Felix Heyder)

Steinkohle war der Treibstoff für das deutsche Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg. Zu Bestzeiten arbeiteten 600.000 Bergleute in mehr als 140 Zechen, doch nun ist der Kohleabbau: Das Bergwerk Prosper-Haniel in Bottrop schließt.

Schon in den 70er-Jahren hätten die Bergmänner geahnt, dass es mit ihrem Beruf auf das Ende zugeht, erzählt Werner Ružička. Er kennt das Ruhrgebiet; hat 33 Jahre lang die Duisburger Filmwoche geleitet, eigene Dokumentarfilme gedreht und ist für die Langzeitbeobachtung "Matte Wetter" Ende der 70er-Jahre selber ein paar Monate lang eingefahren. "Man konnte merken, dass so etwas wie Zukunftsangst bei den Kumpels zu spüren war. Natürlich waren sie gewerkschaftlich stark verankert und hatten, wenn man so will, den offiziellen Optimismus. Man konnte aber hören, dass sie schon skeptisch waren, was die Zukunft anging."

Eine verschwindende Arbeiterkultur

Das Ruhrgebiet war immer ein Ort der Arbeiterkultur, erklärt Ružička: "Man traf sich im Verein, man hat zusammen gesungen, man spielte Theater. Aber die ist nun leider mit dem Sterben der Zechen im Abwind, da geht etwas zu Ende."

Nun schließt in Bottrop das letzte Bergwerk. Es wird Gottesdienste geben und der Bundespräsident kommt zur Abschiedsveranstaltung an der Schachtanlage. Die Region werde auch ein Stück Identität verlieren, glaubt Ružička, denn dort heißt es: "Kratz' irgendeinen in Duisburg oder Essen und darunter findest du einen Stahl- oder Bergarbeiter, also einen Kumpel. Also dieses Wissen, wo man herkommt, das stiftet eine Gemeinsamkeit."

Die Zeche Prosper-Haniel in Bottrop (dpa)Die Zeche Prosper-Haniel in Bottrop schließt. (dpa)

Zurück bleibe ein Wir-Gefühl im Sentimentalen, so Werner Ružička. Allerdings sei dieses Gefühl "auch ein nicht ungeschicktes Marketing von denjenigen, die mit dem Bergbau viel Geld verdient haben. Zu sagen: Wir bilden ein Image des Bergmanns - dann sind sie auch bereit Jobs zu machen, die sehr gefährlich sind." Stark, kameradschaftlich, besonders. "Man hat gerne die ganzen Klischees und die ganzen Mythen absorbiert", so Ružička, "Man hat auch sehr gerne, wenn gesagt wurde 'die Kumpels sind die besten Kameraden', das übernommen. Der männliche Mythos hat im Bergbau immer sehr gut funktioniert."

(nh)

Deutschlandradio-Redakteur Matthias Dell hat zusammen mit Simon Rothöhler Gespräche mit Werner Ružička als Buch herausgegeben: "Duisburg Düsterburg. Werner Ružička im Gespräch", 168 Seiten, Verbrecher Verlag.

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Das Ende des Ruhrkohlebergbaus - Der letzte Deckel auf'm Pütt
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 19.12.2018)

Steinkohle-Bergbau im Ruhrgebiet - Schicht im Schacht
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