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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 09.02.2020

Die LanghantelDie Großmutter aller Fitnessgeräte

Von Elmar Krämer

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Historische Illustration des Athletensports in Wien um ca. 1893.  (imago images/ imagebroker)
Die Langhantel begeitet den Kraftsport seit Jahrhunderten. (imago images/ imagebroker)

"Das beste Instrument, um sich ganzheitlich zu entwickeln". Das sagt der Fitnessexperte Christian Zippel über die Langhantel. Bereits in der Antike wurde sie benutzt, um Gewichte in die Höhe zu drücken. Und bis heute ist die Langhantel nicht aus der Mode gekommen.

Ein Bodybuilding-Studio in Berlin: Martialisch aussehende Kraftmaschinen und vor Kraft strotzende Menschen, die an ihnen trainieren. Männer und Frauen mit Armen, breiter als die Oberschenkel eines Normalsterblichen. Im Trainingsraum: ganz viel Eisen, darunter etliche Langhanteln. Bodybuilding ohne dieses Trainingsgerät – unvorstellbar.

Ein hochpreisiges Edel-Fitnessstudio ebenfalls in der Hauptstadt: gläserne Wände, ein aufwendig illuminierter Pool. Hier trainieren überwiegend durchgestylte junge Menschen. Auf dem Kursplan steht neben Bodyshape, Pilates und Faszientraining auch Langhanteltraining.

Einfaches Trainingsgerät

Blick in eine der derzeit angesagten Crossfit-Boxen. Hier werden harte Trainingspläne mit der Stoppuhr im Nacken abgearbeitet. Eines der wichtigsten Trainingsgeräte auch hier: die Langhantel.

Eigentlich ist die Langhantel nur eine rund zwei Meter lange Eisenstange, auf die Hantelscheiben unterschiedlichen Gewichts geschoben werden. Kein Strom, keine Displays, keine Kabelzüge und Umlenkrollen, keine komplizierte Mechanik. Nur zwei Verschlüsse, damit die Scheiben nicht von der Hantelstange rutschen.

Ob Fußballspieler, Tennisprofis, Radfahrer oder Triathleten – auch die meisten Leistungssportler kennen die Langhantel aus dem ergänzenden Krafttraining oder sogar aus der Physiotherapie. Kein Wunder, meint Christian Zippel. Er ist Autor des Buchs "Langhantel-Basics", Personal Trainer und Doktor der Philosophie.

"Der Mensch wächst am Widerstand und er schrumpft an der Schonung" und unterscheide sich somit von Maschinen, erklärt der durchtrainierte Philosoph.

Ein Sportler sichert die Gewichte an der Hantel. (Unsplash/ Victor Freitag)Bei den Gewichten sollte fokussiert und mit Respekt an die Sache gegangen werden. (Unsplash/ Victor Freitag)

"Wenn wir Maschinen an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit belasten, dann wird der Verschleiß ineffizient groß und die Maschine geht kaputt", erklärt Zippel. "Das Schöne am Menschen ist - und das ist das Faszinierende und Wunderbare - wenn man ihn herausfordert und ihn an seine Grenzen bringt, dann fühlt er sich vielleicht schlecht, aber danach wird er besser, stärker, stabiler und gesünder. Wenn wir uns jetzt spielerisch in dieser Zeit, in der es uns gut geht, mit progressiven, also sich steigernden Widerständen konfrontieren, können wir genau daran sehr viel wachsen und uns ganzheitlich entwickeln. Für mich ist die Langhantel, so blöd ist auch klingen mag, das beste Instrument, um sich ganzheitlich zu entwickeln."

"Mens sana in corpore sano" sagt der Lateiner – gern übersetzt mit "Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper". Die Verbindung von Körper und Psyche ist altbekannt und jeder, der schon einmal hart trainiert hat, weiß, dass das ohne eine entsprechende Einstellung nicht möglich ist. Profiteams so ziemlich jeder Sportart nutzen diese Erkenntnis. Längst beschäftigen sie neben dem eigentlichen Coach auch Fitness- und Mentaltrainer.

Falscher Ehrgeiz ist fehl am Platz

Doch auch im Amateur-Krafttraining ist klar: Wer eine schwere Last heben und über den Kopf stemmen möchte, der muss sehr fokussiert an die Sache herangehen. Für Zippel, der als Kind eher schlaksig als muskulös war, wurden Hanteln zum Weg, Körper und Geist zu verändern. Er schwört seit frühester Kindheit auf die Langhantel:

"Das Schöne war für mich bei der Langhantel, dass ich nicht einfach muskulöser und stärker geworden bin, sondern ich bin deutlich selbstbewusster geworden. Das bedeutet für mich, zu wissen, wer man ist, was man kann und wo man noch mal Spielraum zum Wachsen hat. Alle denken immer an Muskeln und Kraft. Aber das ist nur die Oberfläche. Viel tiefer geht, dass man insgesamt menschlich daran reift."

Christian Zippel steht im Fitnessstudio und trainiert. (Deutschlandradio / Elmar Krämer)Der Philosoph Christian Zippel mit einer Langhantel. (Deutschlandradio / Elmar Krämer)

Allerdings nur, wenn man es langsam angeht. Falscher Ehrgeiz kann in jeder Form des Krafttrainings negative Folgen haben, auch im Langhanteltraining. Wichtig ist es deshalb, sich erst auf eine saubere Technik und dann auf steigende Gewichte zu konzentrieren.

"Es geht darum, die menschlichen natürlichen Bewegungen, die wir haben, einfach auszuführen, über den vollen Bewegungsumfang mit einer sauberen Technik und das mit ganz langsam, aber sukzessiv steigenden Widerständen", sagt Zippel. "Wenn das klappt, dann nehme ich beim nächsten Mal einfach fünf Kilo mehr."

So kann sich der Körper langsam an die neuen Herausforderungen gewöhnen. Außerdem müssen gegebenenfalls erst einmal muskuläre Dysbalancen ausgeglichen werden, die beim Langhanteltraining besonders deutlich sichtbar werden. Ist ein Arm beispielsweise schwächer als der andere, kann es beim Stemmen der Hantel zur Schieflage derselben kommen – ein deutliches Zeichen. Empfehlenswert ist es, sich die Technik des Langhanteltrainings von einem erfahrenen Profi beibringen zu lassen.

Zu klein für die Leichtathlektik

Berlin, Landesleistungszentrum der Gewichtheber und Kraftdreikämpfer und Trainingshalle des Turn- und Sportclubs Berlin (TSC). Hier treffe ich Marco Spanehl. Er ist Trainer und Gewichtheber aus Leidenschaft. Mehrfacher Deutscher Meister und Teilnehmer der Olympischen Spiele 1992. Seine aktive Wettkampfzeit liegt lange zurück, dennoch ist er Deutscher Rekordhalter im olympischen Gewichtheben in der Klasse bis 62 Kilogramm – eine Klasse, die es heute nicht mehr gibt. Er ist ein Mann, der alles über Langhanteln weiß und der seit bald 40 Jahren mit ihnen trainiert.

"Wie bin ich dazu gekommen? Ich bin ein sehr kleiner Mann und ich hatte verschiedene Sportarten mal ausprobiert", berichtet Spanehl.

Marco Spanehl bei den Olympischen Spielen 1992. (imago images / WEREK)Marco Spanehl zu aktiven Zeiten. (imago images / WEREK)

Für Ringen war er, wie er sagt, zu lieb, für Leichtathletik zu klein. Durch seine Körpergröße von 1,55 Meter war er seinen Gegnern gegenüber oft im Nachteil.

"Bei der Leichtathletik war dann ein Trainer gewesen, der gesagt hat: Marco, du bist sehr schnellkräftig und du siehst aus wie ein Gewichtheber", sagt Spanehl. "Das konnte ich damals selber nicht fassen, weil, auch in meinem Kopf existierten damals nur Gewichtheber, die riesengroß und riesenschwer waren, und da dacht ich erstmal so: Bin ich nicht. Also habe ich dann diesen Sport kennengelernt und dann habe ich mit 14 Jahren angefangen, Gewichtheben zu machen. Das war Liebe auf den ersten Blick. Also, ich habe mich da sehr gut verwirklichen können und hab mit einer schlechten Technik, aber mit viel Kraft, die ich einfach hatte, dann auch gleich im ersten Wettkampf die Bezirksrekorde angegangen. Das war kein Problem und dann musste ich erstmal die Technik lernen von diesem Sport."

Techniken und Bewegungen, die zur Herausforderung werden, wenn eine schwere Langhantel im Spiel ist. Auch wenn diese Bewegungen grundsätzlich eigentlich jeder kennt, weil er sie im Alltag regelmäßig ausführt, wie Zippel sagt:

"Aufheben bedeutet Kreuzheben - ich hebe die Hantel vom Boden auf. Aufstehen bedeutet Kniebeugen - ich belade meinen Oberkörper mit einer Langhantel, gehe in die Knie und richte mich dann wieder auf. Zu mir etwas hinziehen bedeutet Rudern - ich ziehe die Hantel zu mir hin. Von mir wegdrücken bedeutet, ich drücke die Hantel von mir weg. Wenn ich diese vier Basisbewegungen mit progressiven Widerständen trainiere, regelmäßig und mit sauberer Technik, dann werde ich ganzheitlich wachsen."

Schwer wie ein Tourenmotorrad

Beim olympischen Gewichtheben, das in Gewichtsklassen durchgeführt wird, beschränkt man sich darauf, die Langhantel auf zwei Arten vom Boden zu heben und in der Endposition mit gestreckten Armen über Kopf zu halten: Reißen und Stoßen.

"Beim Reißen greift man recht breit, zieht das Gewicht, wenn ich jetzt mal einfach erklären soll, mit einem Schwung nach oben - wir nennen das natürlich Zug, gruppieren das noch einmal um, du setzt sich in die tiefe Hocke unter die Hantel, und im günstigsten Fall hält du sie und stehst damit auf", erläutert Spanehl.

Die Weltrekorde in den schwersten Gewichtsklassen liegen derzeit im Reißen bei 155 Kilogramm bei den Frauen und 220 Kilogramm bei den Männern.

Qualifikation im Gewichtheben im Frauengewichtheben. (picture alliance/ augenklick / Bernhard Kunz)Reißen und Stoßen – zwei Arten eine Langhantel vom Boden und über den Kopf zu heben. (picture alliance/ augenklick / Bernhard Kunz)

"Beim Stoßen - das ist die zweite olympische Disziplin - setzt du das Gewicht vorher um. Das machst du aufs Schlüsselbein. Manche sagen, auf die Brust, auf der Brust, das wäre aber ein bisschen zu tief. Du hast es erst mal bis dahin umgruppiert und musst es dann noch ausstoßen", so Spanehl. "Manche haben die Technik des Ausstoßens im Ausfallschritt. Manche machen auch nur, dass sie die Beine links und rechts setzen, aber dann nochmal die Last über den Kopf bringen."

Beim Stoßen liegen die Weltrekorde der schwersten Gewichtsklassen bei 193 bzw. 263 Kilogramm. Zum Vergleich: So viel wiegt ein stattliches Tourenmotorrad.

"Und aus dem Reißen und aus dem Stoßen setzt sich der olympische Zweikampf zusammen", sagt Spanehl.

Im olympischen Wettkampf müssen also sowohl Reißen als auch Stoßen von den Athleten gezeigt werden. Die Maximalgewichte beider Disziplinen werden dann addiert und ergeben das Endresultat, das sogenannte Zweikampfergebnis. Bei derart hohen Lasten wird nichts dem Zufall überlassen:

"Im Wettkampf musst du natürlich wie alle anderen an der gleichen Hantel heben. Du gehst vorher nochmal hin, guckst, wie ist die im Griff, ist die scharf geschliffen, durch den Griff hast du eine Riffelung drauf und kannst dann entsprechende Vorbereitungen für die Hände... dass du dich mental darauf vorbereitet und nicht überrascht wirst."

Ob im Wettkampf oder im Training: Der Umgang mit der Langhantel ist letztendlich angewandte Physik. Man arbeitet immer gegen die Schwerkraft und bewegt die Hantel im Idealfall auf geradem Wege senkrecht zwischen Ausgangs- und Endposition. Das mag einfach klingen, ist aber harte Arbeit. An jeder Haltung und jeder Teilbewegung wird akribisch gearbeitet.

Herantasten an das Maximalgewicht

Umso schwerer die Hantel, desto mehr kommt es darauf an, dass die Bewegungsphasen, die Beschleunigung, die Atmung und die Konzentration auf dem Punkt sind. Doch auch wenn Sportler an der Langhantel einen eisernen Willen brauchen, um das schwere Eisen zu bewegen, dürfen sie gerade am Anfang keinen übertriebenen Ehrgeiz an den Tag legen. Denn die Komplexität der Bewegungen unter schwerem Gewicht birgt ein Verletzungsrisiko.

"Technik geht immer vor der Last", sagt Marco Spanehl, der als Trainer mit Sportlern unterschiedlicher Disziplinen arbeitet: mit Profis und Amateuren, Jugendlichen und Erwachsenen, Männern und immer mehr Frauen. An diesem Tag trainieren in der Gewichtheberhalle einige junge Athletinnen an respekteinflößenden Langhanteln. Eine von ihnen ist Anne-Sophie König, die sich 105 Kilogramm zum Warmmachen auflegt. Die Social-Media-Managerin ist hochkonzentriert, mit sinkenden Widerholungszahlen und steigendem Gewicht tastet sie sich an ihr Maximalgewicht heran:

Training mit Langhantel und Übungskontrolle im Spiegel. (Deutschlandradio/ Elmar Krämer)Das Training an der Langhantel gehört in Fitnessstudios zum Alltag. (Deutschlandradio/ Elmar Krämer)

"Dann fange ich mit der ersten Last an, drei Wiederholungen zu machen, und dann steigere ich noch mal und dann mach ich noch mal drei Wiederholungen. Das geht dann relativ weit hoch. Heute bei 116 Kilo und zwei Wiederholungen."

Ein Gewicht, unter dem die meisten Männer zusammenbrechen würden. Die junge Frau arbeitet gerade an der Kniebeuge.

Die Kniebeuge ist ein essenzieller Bestandteil des Trainings mit der Langhantel und des Gewichthebens. Das In-die-Knie-Gehen gehört zu den natürlichen Bewegungen, die jedes Kleinkind beherrscht und die auch in asiatischen Ländern, in denen die Menschen viel hocken, Standard und alltäglich sind - die in unseren Breiten aber von den meisten Erwachsenen verlernt wurden.

Kein Wunder also, dass das, was einmal zum natürlichen Bewegungsrepertoire gehörte, nun oft im Training wieder mühsam erarbeitet werden muss – anfangs ohne Last, später dann aber mit beeindruckendem Gewicht auf dem Rücken. Das macht eine saubere Technik unabdingbar.

Bei der olympischen Kniebeuge ruht die Langhantel auf dem oberen Rücken, die Hände greifen etwas weiter als schulterbreit. Die Ellenbogen sollen über die gesamte Bewegung senkrecht unter der Hantel bleiben und sich im Einklang mit dem Körperschwerpunkt bewegen.

"Man sollte beim Kniebeugetraining, wenn die Hantel auf dem oberen Rücken liegt, sich die ganze Zeit  so bewegen, dass sich die Langhantel genau über dem Mittelfuß bewegt. Da ist der Schwerpunkt unseres Körpers, und wenn wir uns da genau bewegen, haben wir auch keine Scherkräfte oder ähnliche destruktive Belastungen im Körper", erläutert Zippel.  

Beim Kniebeugetraining wird die Hantel ungefähr in Schulterhöhe aus einem stählernen Gestell, einem sogenannten Squat- oder Powerrack gehoben, dann folgt die Kniebeuge.

"Was braucht der Gewichtheber? Der baucht Beine, Beine und Beine. Wichtigste Übung und fast für alle anderen Leistungssportarten auch, das ist die Königsdisziplin, ist Kniebeuge. Fertig. Da holst du die ganze Kraft raus. Alle Kraft kommt aus dem Bein", sagt Spanehl.

Anne-Sophie König fing vor gut einem Jahr mit dem Gewichtheben an. Fitnessbegeistert ist sie aber schon lange. Sie kam vom Crossfit in die Gewichtheberhalle.

"Am Anfang war die Disziplin Gewichtheben im Crossfit nicht so meine Lieblingsdisziplinen", sagt König. "Ich habe auch versucht, das so ein bisschen zu umgehen. Nur aus dem Grund, weil mir das nie jemand so richtig beigebracht hat. Aber dann über die Jahre habe ich das wertschätzen gelernt und bin dann halt da reingewachsen. Dann habe ich ein paar Wettkämpfe mitgemacht und jetzt mache ich nur noch Gewichtheben."

Verbindung aus Kraft und Technik

Siege bei den Berliner Meisterschaften und den German Open – das motiviert und macht auch Trainer Spanehl stolz. Fünfmal in der Woche trainiert die ambitionierte Amateursportlerin. Im Wettkampf sei es ein Messen mit anderen, im Training vor allem mit sich selbst, sagt König: "Ich mag es gern, stark zu sein und ich glaube, das ist das beste Trainingsinstrument sozusagen, um stärker zu werden."

"Also man will sich selbst verbessern, und das kannst du an der Hantel sehr gut messen", sagt Spanehl. "Wenn ich eine Scheibe mehr auflegen kann und ich einen hochanspruchsvollen technischen Ablauf beherrsche und die Last auf den Punkt bringe und das bewältige, ist das natürlich ein sehr befriedigendes Gefühl."

"Ansonsten finde ich es auch immer sehr faszinierend, wie man mit einer Supertechnik Gewichte bewegen kann, von denen man vorher denkt, die kriege ich auf gar keinen Fall über meinen Kopf", so König. "Aber man muss natürlich stark sein, und zum anderen muss man auch wissen, wie."

Ihre Vereinskollegin Karina Scheelhase ergänzt: "50 Prozent Kraft und 50 Prozent Technik."

Während König und Scheelhase voll und ganz auf das Gewichtheben und das Training mit der Langhantel setzen, ist es für Kristin Syrbe eine Ergänzung. Sie ist seit frühester Kindheit eine erfolgreiche Wasserspringerin. Seit sie im Landesleistungszentrum in Berlin trainiert, bewegt sie auch regelmäßig die Langhantel.

"Es war schon immer interessant, aber ist auch angsteinflößend so etwas zu bewegen. Ich wurde auch liebevoll geschubst", sagt Syrbe. "Krafttraining ist immer wichtig, haben wir auch selbst in unserer Sportart. Ist halt nur wichtig, dass das auch richtig betreut wird. Man merkt schon, dass man besser vom Turm wegkommt."

Marco Spanehl ist sichtlich zufrieden mit seiner bunt durchmischten Trainingsgruppe beim TSC Berlin. Er blickt mit einem entspannten Lächeln über all die Langhanteln für Frauen und Männer, die sich in der Halle befinden:

"Die Langhantel hat sich weiterentwickelt. Es gibt jetzt Frauenhanteln und es gibt Kinderhanteln und es gibt die Männerhanteln. Der Durchmesser des Griffs ist zum Beispiel unterschiedlich, weil man den Frauen ermöglichen wollte, etwa die Daumenklemme zu machen."

Das hat geklappt. Die Langhantel erfreut sich auch bei Frauen zunehmender Beliebtheit.

Training auf kleinstem Raum

Eine Olympische Langhantel ohne Gewichte - also nur die Stange - wiegt bei den Männern 20 Kilogram, im Wettkampf der Frauen 15 Kilogramm. Die Stange ist 2,20 bzw. 2,01 Meter lang und hat an den geriffelten Griffpositionen in der Regel einen Durchmesser von 28 bzw. 25 Millimetern. Die Enden der Stange, auf die die Gewichtsscheiben geschoben werden, sind kugelgelagert und haben meist einen Durchmesser von 50 Millimetern.

Dass die Gewichtsaufnahmen der Langhantel kugelgelagert sind, ist notwendig, wenn man schwere Gewichte bewegt.

"Weil, wenn du sie hochreißt und der Drehimpuls sich auf die Scheiben vorsetzt und die würden sich nicht am Lager drehen, sondern die Hantel selber, die Stange würde sich mitdrehen, dann würden natürlich alle Reihe nach die Handgelenke wegfliegen", erklärt Spanehl.

Recherche im Internet: Was kostet eine Einsteiger-Langhantel mit Gewichten? Langhantel-Set nach olympischen Standards in der Ausführung der Langhantel, d.h. mit kugelgelagerten Scheibenaufnahmen, inklusive 70 Kilogramm Gewicht, ab ca. 250 Euro, mit doppelt soviel Gewicht rund 100 Euro mehr.

Mit einer Langhantel, so heißt es, sei es möglich, den gesamten Körper schnell und effizient zu trainieren – und das auf engem Raum. Kann das sein, wenn doch allein eine Kraftmaschine zum Training der Oberschenkel für zu Hause genauso viel kostet wie ein Langhantelset und die Studioausführung einer Maschine zum Training einer einzelnen Muskelgruppe schnell in die Tausende geht? Für den Philosophen Christian Zippel ist das keine Frage:

"All das braucht man nicht, weil, ich will ja meinen Körper natürlich und ganzheitlich trainieren und nicht nur verschiedene einzelne Teile von ihm in einer vielleicht völlig unnatürlichen Sitz- oder Liegeposition. Ich will einfach nur mich aufrichten, ich will aufstehen, ich will etwas zu mir heranziehen können und ich will etwas von mir wegdrücken können. Das sind für mich die vier Basisbewegung des menschlichen Körpers. Genau das funktioniert mit der Langhantel perfekt. Ich brauche kein einziges Gerät, um meinen Körper anderweitig oder noch besser zu trainieren. Weil genau so wurde er geschaffen für diese Bewegung. Genauso trainiere ich, und die Langhantel ist das perfekte und schlichteste Instrument dafür."

Das Training von Muskelketten ist effizienter als das Training isolierter Muskelgruppen, wie es in Fitnessstudios an Maschinen stattfindet. Das sagen Sportwissenschaftler wie Professor Lars Donath, Leiter der Abteilung für trainingswissenschaftliche Interventionsforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln:

"Man hat relativ früh erkannt, dass die zusätzliche Belastung den Trainingsstimulus erhöht, der natürlich entscheidend dafür ist, wie groß die Anpassungen sind, also was im Körper passiert. Da ist Langhanteltraining einfach eine sehr herausfordernde Trainingsmöglichkeit, also viel mehr Muskelaktivierung, vielmehr Stabilisationsarbeit, die zu leisten ist, viel mehr Energieumsatz, als wenn ich mich einfach isoliert in so ein Kraftmaschinchen lege und dort einfach meine Gewichte hin und herschiebe."

Optimales Zusammenspiel

Das Training von Muskelketten unter Last entspricht den Bewegungen des Alltags. Diese wiederum fallen leichter, wenn sie im Training unter erschwerten Bedingungen mit einer Langhantel geübt werden. Wer im Training regelmäßig Gewichte bewegt, wird zum Beispiel mit Getränkekästen keine Probleme haben.

Arbeitet der Körper im Training als Einheit unter der Langhantel, wird neben der Kraftsteigerung auch das Zusammenspiel von Muskeln, Gelenken, Sehnen und Bändern optimiert. Das machen sich Sportler unterschiedlicher Disziplinen zunutze. Dazu kommt, dass sich die einzelnen Strukturen adaptieren, wie Donath erklärt:

"Es gibt ganz vielfältige Anpassungsmechanismen. Einerseits passiert einiges am Knorpel, der Knorpel wird besser durchblutet. Er vermehrt sich. Er reagiert dann auf Folgebelastungen deutlich günstiger. Der Knochen wird angeregt zu wachsen. Es bilden sich Zellen, die dafür sorgen, dass der Knochen fester wird, widerstandsfähiger wird. Gerade bei Langhanteltraining, ist die Belastung auf aktive Strukturen wie Muskulatur und passive Strukturen wie Sehnen, Bänder, Knorpel, Knochen besonders wirksam und besonders hoch."

Beim Heben einer Langhantel hat der ganze Körper zu tun, denn es handelt sich um eine komplexe Bewegung. Die Sportwissenschaft spricht von intra- und intermuskulärer Koordination. Diese Begriffe beschreiben das Zusammenspiel von Nerven und Muskeln und von unterschiedlichen Muskeln bei einer Bewegung.

"Das ist der große Vorteil des Langhanteltrainings, dass ich permanent Haltearbeit verrichten muss für die Wirbelsäule, für die Gelenke", so Donath. "Das ist quasi der Hauptvorteil des Langhanteltrainings. Das heißt, alle Muskeln, die dafür Sorge tragen, dass der Körper stabilisiert wird, müssen arbeiten. Das führt natürlich dazu, dass insgesamt mehr Energie pro Zeit umgesetzt wird oder mehr Kalorien verbrannt werden."

Das Training mit Gewichten zur Maximierung der Körperkraft und der Nutzen im Kampf oder Wettkampf ist seit Jahrtausenden bekannt. Antike Abbildungen zeigen Athleten bei der Körperertüchtigung auch mit langhantelähnlichem Gerät oder anderem, wobei der Kreativität in Bezug auf die Steigerung des Gewichts keine Grenzen gesetzt waren.

Der Legende nach soll der griechische Ringkämpfer Milon, der als einer der erfolgreichsten und berühmtesten Wettkämpfer seiner Zeit galt, zu Trainingszwecken ein Kalb auf seinen Schultern getragen haben. Das Kalb wuchs und mit ihm sein Gewicht. Milons Körperkraft musste sich an das wachsende Gewicht adaptieren. Muskeln, Sehnen, Bänder und Knochen wurden fester und stärker, so heißt es. So stark, dass Milon der Legende nach das Kalb immer noch stemmen konnte, als es zum ausgewachsenen Stier herangewachsen war.

"Ein ganz ehrliches Trainingsgerät"

Die Langhantel ist mit Sicherheit komfortabler als ein Kalb - und auch wenn sie sich über die Jahre leicht verändert hat und Hantelscheiben mittlerweile gummiert oder bunt sind – letztendlich ist sie nur eine Stange mit Gewichten daran. Aber eine sehr effiziente.

"Es ist ein ganz ehrliches Trainingsgerät. Du legst auf und entweder du schaffst es oder du schaffst es nicht. Dazwischen gibt's nichts", sagt Spanehl. Und seine Athletin König ergänzt: "Die Langhantel gibt einem sofort die Quittung, wenn was nicht richtig war."

Für den Philosophen Zippel ist die Quintessenz des Langhanteltrainings noch etwas anderes: "Das ist ein enorm wertvolles Gefühl, wenn man das schafft. Erst, sage ich mal, in gewissem Sinne zusammengedrückt zu werden von einem schweren Gewicht, es dann aber schafft, wieder aufzustehen, sich aufzurichten mit erhobenem Haupt, dann kann man enorm daran wachsen, weil man merkt, wie mächtig man sein kann, und dass es nicht darauf ankommt zu verhindern, dass man mal in die Knie geht im Leben, sondern dass es darauf ankommt, immer und immer wieder aufzustehen."

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