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Interview / Archiv | Beitrag vom 16.02.2018

Die Initiative "Speak Up"Hilfe und Prävention gegen Sexismus in der Filmbranche

Daniela Elstner im Gespräch mit Dieter Kassel

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Eine Frau wehrt mit ausgestrecktem Arm einen Mann ab. (imago / Reporters)
So nicht mehr! Die Iniative "Speak Up" postioniert sich als konkrete Anlaufstelle für Opfer sexueller Belästigung. (imago / Reporters)

Sie hat sexuelle Gewalt erfahren und fand keine Hilfe: Heute ist Daniela Elstner Geschäftsführerin eines Filmvertriebs und stellt auf der Berlinale die Initiative "Speak Up" vor, die belästigten Frauen Hilfe bietet. "Hätte es so das damals gegeben - mein Leben wäre anders verlaufen", sagt Elstner.

Natürlich spielt die Debatte um Sexismus und sexuelle Übergriffe eine Rolle auf der Berlinale. Unter anderem wird hier mit der Verlesung eines Manifests die Initiative "Speak Up" vorgestellt. Sie will es Betroffenen erleichtern, öffentlich über ihre Erfahrungen zu berichten, ihnen auch konkrete Hilfsangebote vermitteln und im akuten Fall juristische Beratung zur Verfügung stellen Eine der Initiatorinnen ist Daniela Elstner, CEO von Doc & Film International, einem weltweiten Filmvertrieb mit Sitz in Paris. Sie hat selbst bereits von ihren Erfahrungen mit einer versuchten Vergewaltigung vor 20 Jahren berichtet.

Ebenso schlimm wie die Erfahrung sexueller Gewalt seien anschließend die abwiegelnden und verharmlosenden Reaktionen derjenigen gewesen, denen sie von dem Übergriff erzählt habe, sagt die heute 46-Jährige.

"Hätte ich damals so etwas (wie ‚Speak Up‘) gehabt, wäre vielleicht mein ganzes Leben etwas anders verlaufen."

Schulungen für Führungskräfte

Da es nicht nur darum gehe, einzelne Personen an zuklagen, sondern an den Strukturen etwas zu ändern, wolle auch Schulungen für Führungskräfte und für Arbeitnehmer anbieten, um diese für das Thema zu sensibilisieren. Es gehe um den Dialog und das sich Bewusstwerden dessen, was in den Firmen passiere.

"Natürlich muss das Ganze in eine Debatte eingebettet werden, die sich auch mit den Quoten beschäftigt und die dann weitergeht, in diese ganzen Machtstrukturen rein. Aber der Anfang war für uns ganz wichtig: Mal ganz konkret anzufangen und nicht sofort in eine mehr philosophische Debatte einzusteigen – wie geht man mit Quotenregelungen um und so weiter…."

Elstner sagte weiter: Sie selbst würde aus persönlichen Gründen davon Abstand nehmen, mit ihrem Unternehmen Filme zu vertreiben, an denen sexuelle Belästiger oder Vergewaltiger beteiligt seien. Dafür sei es ihr wichtig, dezidiert Filme von Frauen zu fördern: Zwei der drei Filme, die ihr Unternehmen auf der Berlinale vertrete, seien von Frauen produziert.
(mkn)


Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Natürlich spielt die Debatte um Sexismus und sexuelle Übergriffe in der Branche eine große Rolle auf den Berliner Filmfestspielen, unter anderem wird morgen Nachmittag mit der Verlesung eines Manifests die Initiative "Speak Up!" vorgestellt, die Betroffenen erleichtern will, öffentlich über ihre Erfahrungen zu berichten, und die ihnen auch konkrete Hilfe anbieten möchte. Eine der Initiatorinnen ist Daniela Elstner. Sie ist Chefin von Doc and Film International, einem weltweiten Filmvertrieb mit Sitz in Paris, und sie hat selbst bereits von ihren eigenen Erfahrungen mit einer versuchten Vergewaltigung berichtet. Ich habe mit ihr gesprochen und sie gefragt, ob die #MeToo-Debatte ihr eigenes Leben eigentlich inzwischen schon verändert hat.

Daniela Elstner: Ja. Langsam aber sicher. Ich habe am Anfang, als dieses ganze Thema rauskam, das erst mal so ziemlich verdrängt, eben aus eigener persönlicher Erfahrung. Ich war also, das ist jetzt schon relativ lange her, vor 20 Jahren einem Vergewaltigungsversuch ausgesetzt, mit dem ich mich dann eigentlich nicht weiter beschäftigt habe, weil auch mir alle gesagt haben, es wäre doch gar nicht so schlimm gewesen, und es wäre ja überhaupt Teil von meinem Beruf und so weiter. Und nachdem diese ganze Weinstein-Sache herauskam, habe ich am Anfang das auch erst mal weiter verdrängt, inklusive Weinstein, und bin dann erst so nach zwei Monaten mir bewusst geworden, dass ich tatsächlich manchmal in der Frühe einfach in Tränen ausgebrochen bin und nicht wusste, warum, und bin dann da ganz bewusst wiederum an die Presse gegangen.

Kassel: Ich hab das so verstanden bei dem, was ich gelesen habe in diesem Zusammenhang, dass Sie damals eigentlich die vielen Menschen, die – ich fasse das mal sehr kurz zusammen – eigentlich gesagt haben, stell dich nicht so an, da kann man jetzt auch nichts weiter machen, dass die Sie fast mehr verletzt haben als der Mann, der versucht hat, Sie zu vergewaltigen.

Elstner: Das Problem ist wirklich, nicht gehört zu werden und nicht ernst genommen zu werden, und dass man einem nur sagt, dass das ja irgendwie dazugehört, und es wäre ja alles nicht so schlimm, und schau mal, wie du angezogen bist und so weiter, und so fort. Das sind ja zwei Traumas dann. Das eine ist dieser tatsächliche Vergewaltigungsversuch, und das andere ist dann wirklich auch danach, dass man dann einem einfach sagt, diese 20 Minuten in deinem Leben oder halbe Stunde, was weiß ich, wie lange das gedauert hat, die gab es eigentlich gar nicht. Oder wenn es die gab, dann braucht man da nicht weiter drüber zu sprechen.

Kassel: Hat man denn danach, hatten Sie bei Ihrer weiteren Arbeit in der Branche ständig das Gefühl, ich bin Sexismus ausgesetzt, und das könnte jederzeit wieder so ähnlich ablaufen, oder verdrängt man das?

"Damals war ich vermutlich noch etwas naiv"

Elstner: Ich glaube, dass ich vor allem sehr schnell sehr viel reifer geworden bin. Ich war ja damals so 24, das war der erste Job, und damals war ich vermutlich noch etwas naiv. So was war mir sofort bewusst, dass mir so was nicht mehr passieren wird. Ich hab mich dann schon dementsprechend verhalten, dass ich mich solchen Situationen auch nicht mehr aussetzen musste.

Kassel: Es gibt inzwischen große Debatten, es gibt in Europa und in den USA verschiedene Initiativen, die versuchen, Betroffenen zu helfen, aber auch die Situation zu verändern. Was genau soll Ihre Initiative, die Sie morgen auf der Berlinale vorstellen, Speak Up, tun?

Elstner: Uns geht es um Dialog, und uns geht es um die Möglichkeit, dass Opfern einfach eine Anlaufstelle zur Verfügung gestellt wird, wo man sich erst mal an etwas, im Falle der Internetwebsite, wenden kann, und dann an jemanden. Und ich denke, also das ist wirklich aus ganz persönlicher Erfahrung heraus eben gewachsen. Hätte ich damals so irgendwas gehabt, wäre vielleicht mein ganzes Leben danach etwas anders verlaufen. Aber ich denke, dass wir wirklich eine Anlaufstelle sein wollen, wo man zu anderen Vereinigungen verwiesen wird.

Es gibt ja auch viele Sachen heutzutage in ganz Europa, was ja auch gut ist. Aber was natürlich, während man auf so einem Festival ist, wo man einfach nicht zu Hause ist, wo man nicht in seinem Arbeitsumfeld ist, da denkt man an solche Sachen gar nicht, was es eigentlich alles gibt. Wir wollen zum einen Definitionen geben, was ist was, was ist sexueller Missbrauch und so weiter, an wen kann ich mich wenden, und wenn es wirklich sehr schlimm ist und wirklich direkter Unterstützung bedarf, dann haben wir da auch Juristen, die mit uns zusammenarbeiten.

In Frankreich ist die Debatte noch nicht fertig

Kassel: Wie wird eigentlich diese Debatte in Frankreich geführt? Ich frage Sie das, weil Sie ja in Frankreich überwiegend leben. Das ist ja der Hauptsitz von Doc and Film International, der Firma, die Sie leiten. In Deutschland hat man da ja vor allem diesen Aufruf von ungefähr hundert Frauen mitbekommen, Cathérine Deneuve, die berühmteste, der ja eher wie so eine Gegeninitiative zu sein schien. Aber ich hoffe doch sehr, dass das Bild, das wir da in Deutschland haben, täuscht, dass #MeToo in Frankreich nicht so ganz angekommen wäre?

Elstner: In Frankreich kommt immer alles an, und das Gegenteil kommt auch an. Es ist ja ein sehr diskussionsfreudiges Land. Die #MeToo-Debatte ist natürlich schon direkt angekommen und übernommen worden. Es gab ja auch dieses Balance tempor, aber dann hat sich natürlich in dieser Debatte dieser Feminismus, der in Frankreich immer noch wirklich im Vordergrund steht, auf eine etwas ungeschickte Weise da hineingemischt. Und das hat natürlich dann dieses Ganze etwas verzerrt. Ich denke, dass diese Debatte in Frankreich nicht fertig ist, sie hat vielleicht auch nicht tief genug angefangen. Aber ich bin mir sicher, dass es in den nächsten Monaten sicher ein paar Initiativen geben wird, die das noch mal ins richtige Licht rücken.

Kassel: Tom Tykwer, der in diesem Jahr der Präsident der Berlinale-Jury ist, hat im Interview hier in Deutschlandfunk Kultur gesagt, was ihm an der Debatte manchmal nicht so ganz gefalle, in Deutschland und anderswo, sei, dass sie sich so auf einzelne Figuren stürzt, die dann an den Pranger gestellt werden, und dass eine generelle Debatte über die Strukturen in der Film- und Fernsehlandschaft, die dazu geführt haben, die auch, Sie haben es ja selbst beschrieben, dieses Schweigen drumherum möglich gemacht haben, dass die nicht so richtig geführt wird. Also, man zeigt ein paar Täter, versucht die kaltzustellen, und dann soll alles erledigt sein. Beobachten Sie das ein bisschen ähnlich?

Mehr als philosophische Debatten

Elstner: Ja, natürlich, und ich denke, deshalb geht es ja genau bei "Speak Up!", also es geht jetzt erst mal um diese konkrete Website während des Festivals, aber dann geht es uns wirklich um Dialog und um Bewusstwerden, was in den Firmen passiert, was gemacht werden kann. Wir hätten gern auch dann wirklich Seminare einfach, mit Schulungen für Manager und auch für Arbeitnehmer. Uns geht es auch darum, natürlich muss das dann in eine Debatte eingelegt werden, die dann wirklich sich mit den Gründen beschäftigt und die dann weitergeht in diese ganzen Machtstrukturen rein. Aber ich denke, der Anfang für uns war irgendwie sehr wichtig, mal ganz konkret anzufangen und nicht sofort in eine mehr philosophische Debatte einzusteigen, wie geht man mit Quotenregelungen um und so weiter.

Kassel: Hat das eigentlich Ihre konkrete Arbeit verändert schon bei Doc and Film International? Würden Sie zum Beispiel einen Film, bei dem Sie, woher auch immer, sich sicher sind zu wissen, dass der Regisseur, der Produzent, einer der Darsteller, sich sexueller Übergriffe schuldig gemacht hat, würden Sie einen Film heute noch in den Vertrieb nehmen?

Elstner: Aus persönlichen Gründen würde ich das nicht tun. Das ist aber jetzt eine sehr persönliche Entscheidung. Diese ganze Debatte um Werk/Künstler ist eine sehr schwierige Debatte. Ich glaube, da hat keiner bis jetzt die richtige Lösung gefunden, und alle versuchen so ein bisschen, den richtigen Weg einzuschlagen. Ich persönlich sicher. Ich kümmere mich vor allem auch darum, dass ich viele Filme von Frauen in mein Programm aufnehme. Ich hab dieses Jahr in der Berlinale drei Filme in den verschiedenen Programmen, zwei davon sind von Frauen. Das ist für mich wirklich auch sehr wichtig.

Kassel: Was glauben Sie denn, wie lange wird es dauern – das geht ja nicht von heute auf morgen, organisatorisch nicht, auch von den Talenten nicht –, wie lange wird es dauern, bis wir so eine Parität haben bei Regisseurinnen, Produzentinnen und vielen anderen Filmschaffenden?

Elstner: Die französische Kultusministerin hat gerade einen Artikel geschrieben, dass sie 2020, '22 gern Parität in Frankreich hätte. Ich denke, wenn – meine Tochter ist jetzt 13, wenn die mit 25 da ein bisschen schon in so einer Paritätswelt leben würde, würde ich mich sehr freuen.

Kassel: Das sagt Daniela Elstner. Sie ist CEO, also Leiterin des internationalen Filmvertriebs Doc and Film International und die Initiatorin von "Speak Up!". Und, sie hat es ja erwähnt, morgen Nachmittag wird diese Initiative auf der Berlinale vorgestellt, und erst ab dann, jetzt noch nicht, aber ab morgen Nachmittag wird sie dann auch im Internet erreichbar sein unter der Adresse speakupnow.eu. Wie gesagt, erst morgen Nachmittag.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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