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Sonntag, 31.05.2020
 
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Lesart | Beitrag vom 20.01.2020

Die GartenstadtbewegungBürgerlich, revolutionär und grün

Tobias Roth im Gespräch mit Joachim Scholl

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Eine Straße in der Gartenstadt Hellerau in Dresden. Gelb gestrichene Häuser mit grünen Türen und Fensterläden.  (imago images / Hanke)
Die Gartenstadt Hellerau in Dresden. Noch heute wird hier genossenschaftlich gebaut. Das revolutionäre Potenzial des Gemeinschaftseigentums am Boden gab es in Deutschland aber nicht. (imago images / Hanke)

Urban Gardening ist ein heutiger Ausdruck für die Sehnsucht von Stadtbewohnern nach Landleben und Natur. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es diese Sehnsucht schon einmal: Sie manifestierte sich im Bau der Gartenstädte. Ein neues Buch erzählt ihre Geschichte.

Joachim Scholl: Astu non vi: mit List, nicht mit Kraft – das ist das Motto des Berliner Verlags "Das kulturelle Gedächtnis". Seit knapp zwei Jahren werden hier ausgesucht originelle und bibliophil auch immer sehr schöne Bücher veröffentlicht, mit Neuausgaben vor allem bedeutender, aber meist vergessener Werke aus Literatur- und Kulturgeschichte.

Jetzt gibt es dieses Neue: "Gartenstadtbewegung" heißt das Buch schlicht, es versammelt Flugschriften, Essays, Vorträge und Zeichnungen aus dem Umfeld der historischen Gartenstadtgesellschaft. Herausgegeben und kommentiert hat den Band Tobias Roth. Er ist einer der vier Köpfe des Verlags.

Uns ist dieses Buch natürlich sofort ins Auge gestochen, Herr Roth, vor dem Hintergrund der aktuellen Wohnungsnotdiskussionen, bei denen es ja oft auch darüber hinaus um Ideen, Konzepte anderen Wohnens und Lebens geht. War das auch Ihr Ansatz?

Roth: Ja, also auf dieses Ins-Auge-Stechen hatten wir natürlich gehofft - momentan und entlang der Idee unseres Verlages, dass wir versuchen, die alten, vergessenen, schönen, schrägen Texte auszugraben, die aber für heute brauchbar sind und die wir benutzen können, die uns Stichwörter geben können.

Da schien mir diese Konstellation aus zu wenig Wohnung, Sehnsucht nach Grün, auch quasi Do-it-yourself-Bewegungen und dieses stärkere Bewusstsein für das Selbstgemachte, das schien mir alles zusammenzuspielen und die Zeit reif zu machen, mal wieder die Gartenstadtgesellschaft rauszuziehen.

Ein Parlamentsstenograf hatte die Idee

Scholl: Blicken wir mal zurück, Ende des 19. Jahrhunderts wird die Idee geboren. Wie ging es denn los mit dieser Vorstellung einer Gartenstadt? Was sollte das überhaupt sein?

Roth: Die Idee der Gartenstadt kommt eigentlich aus einem Buch, also kommt tatsächlich aus einem literarischen Setting und gar nicht so sehr aus der Werkstatt des Architekten selbst, wie man meinen könnte. Es geht zurück auf ein Buch von einem Engländer, Ebenezer Howard, ein 1850er- Jahrgang, der allerdings Parlamentsstenograf war und sich mit Städtebau hobbyartig beschäftigt hat.

Der synthetisiert ganz viele verschiedene Ideen zur Genossenschaft, zum Siedlungsbau, städteplanerische Ideen und so weiter und kommt mit dieser Idee der Gartenstadt daher.

Das entsprechende Buch, das hieß am Anfang einfach nur "Tomorrow: A peaceful path to real reform", es geht um Frieden, es ist ein stark pazifistischer Ansatz, um die gute Zukunft.

Eine historische Ansicht der Gartenstadt Hellerau. Das Schwarz-Weiß-Bild zeigt im Vordergrund zwei Damen vor den Häusern der Gartenstadt. (imago images / Arkivi)Die Gartenstädte waren als Kleinhaussiedlungen gedacht. Es ging um Gemeinschaftseigentum am Boden. Es geht von Anfang an darum, Spekulationen mit Boden zu unterbinden. (imago images / Arkivi)

Dieses Buch erscheint 1898, und was dann losgeht, ist wirklich erstaunlich. Diese Idee verbreitet sich rasend, also, innerhalb von fünf bis zehn Jahren ist ganz Europa überzogen mit Gartenstadtgesellschaften, Ortsgruppen gründen sich, tatsächliche Siedlungen, die diesem Ideal nacheifern, entstehen, Leute tun sich zusammen, finanzieren. Dann wächst sich das Ganze aus, und erst der Erste Weltkrieg kann die Sache eigentlich knicken.

Scholl: Also rasch wird sie zur einflussreichsten Denkfigur des Städtebaus im 20. Jahrhundert, schreiben Sie. Was ist aber denn eigentlich die Denkfigur? Also wenn ich einfach Gartenstadt höre, denke ich, ja, Gärten in der Stadt. Was ist denn da so sensationell dran?

Roth: Es gibt zwei Aspekte, die man, glaube ich, ein bisschen trennen muss. Das ist einmal das architektonisch-urbanistische Erscheinungsbild, und es ist eine bestimmte soziale Idee, die dahintersteht.

Schon das Erscheinungsbild ist tatsächlich zum Ende des 19. Jahrhunderts nicht radikal, aber doch revolutionär, insofern man sagt, es geht um Kleinhaussiedlungen, Einfamilienhäuser im Grünen mit Garten außen rum für Arbeiter. Das ist die Idee.

Es wird immer gedacht von den Schwächsten der Gesellschaft oder den Schwächsten des Geldbeutels her, die zum Ende des 19. Jahrhunderts in Mietskasernen unter üblen Bedingungen hausen. Wir hatten es ja jetzt gerade in den Nachrichten, dass es um die Welt geht, wenn einzelne Personen infiziert sind mit Krankheiten. Und Ende des 19. Jahrhunderts ist es ganz normal, dass auch in Hamburg tausende Leute pro Jahr an Cholera sterben.

Diese dicht gedrängten Arbeiter will man quasi aus der Stadt hinaus ins Grüne ziehen. Es geht um eine offene Bebauung, man will die Bevölkerungsdichte drastisch reduzieren, und der Weg dazu ist die Neugründung. Das ist ein ganz entscheidender Punkt.

Die Gartenstädtler, vor allem Howard, die denken in Neugründungen, die denken an neue Städte, komplett neue Strukturen, und – jetzt kommt der soziale Gedanke hinein, der diese Kleinhaussiedlung, jetzt mal ganz knapp gesagt, durchzieht – es geht um Gemeinschaftseigentum am Boden. Deswegen auch die Neugründung. Es geht von Anfang an darum, Spekulationen mit Boden zu unterbinden.

Nachhaltig, ökologisch und urban

Scholl: Was noch dazukommt, das fällt sehr auf, dass diese Bewegung von Beginn an so einen starken lebensreformerischen Touch hat, also über das rein Soziale weit hinausgehend. Es wurde zur Lebenseinstellung. Könnte man sagen, dass die Gartenstädter so etwas wie die ersten Alternativen einer auch nachhaltigen Ökostadtbewegung waren?

Roth: Ja, also nachhaltig, öko und urban waren sie definitiv. Ich bin jetzt auch nicht der größte Spezialist für die Lebensreform, aber so wie sich das mir darstellt, sind die Gartenstadtleute tatsächlich zu den Braveren zu rechnen. Das ist doch tatsächlich ein bürgerliches, gediegenes Milieu, aus dem diese Ideen kommen.

Das sind jetzt nicht die harten Antialkoholiker, die harten Freikörper, Vegetarier, Frauenrechtler, Kommunisten. Also, das sind nicht die ganz wilden Vögel, aber es ist natürlich eingebettet in dieses gesamte Milieu der Lebensreform. Auch künstlerisch, ästhetisch ist das eine ganz wichtige Sache.

Es ist aber ein Moment in der Geschichte, wo sich solche Gedanken berühren können, also wo quasi wohlhabende Villen besitzende Buchhändlersprösslinge sich dann plötzlich Gedanken machen, wie denn den Arbeitern ein besseres Leben zu ermöglichen sei, wo die Leute quasi mit Begeisterung und in wallenden klimthaften Gewändern Nietzsche lesend durch den Park spazieren und dann aber Volksfeste organisieren.

Man merkt, dass da eine ganz große Kontaktfreudigkeit in bestimmten Bereichen der Gesellschaft gegeben ist, die uns heute sehr weit entfernt voneinander erscheinen.

Akazienhof in der Siedlung Gartenstadt Falkenberg in Berlin-Treptow, auch genannt "Tuschkastensiedlung", Wohnsiedlung von Architekt Bruno Taut. (dpa / picture alliance / Jürgen Henkelmann)Akazienhof in der Siedlung Gartenstadt Falkenberg in Berlin-Treptow, auch genannt "Tuschkastensiedlung", Wohnsiedlung von Architekt Bruno Taut. (dpa / picture alliance / Jürgen Henkelmann)

Scholl: Die praktische Wirkung zeigt sich auch in den Entwicklungen der Baugenossenschaften, wie viele Schriften da in Ihrem Buch zeigen. Also 1890 gab es in Deutschland 38 dieser Institutionen, 1940 sind es schon 1.100. Ich meine, nun wurden nach Ebenezer Howard keine Gartenstädte richtig gegründet, aber inwieweit haben denn die Genossenschaften das Konzept umgesetzt und gartenstädtisch dann gebaut?

Roth: Die ersten Genossenschaften, die entstehen, die gibt es teilweise noch bis heute, und da wird auch teilweise noch weiter dran gebaut. Also zum Beispiel die Gartenstadt Hellerau in Dresden ist, denke ich, eine der bekannteren. Da sind heute noch Flächen frei, und da wird heute noch in diesem Sinne und genossenschaftlich gebaut.

Das ging durchaus weiter. Was weggefallen ist, war dieses doch revolutionäre Potenzial des Gemeinschaftseigentums am Boden. Das ist in Deutschland nie realisiert worden. Auch der Aspekt der Neugründung ist natürlich weggefallen.

Wie wir heute Gartenstädte kennen, mit den Einfamilienhäusern mit Garten, ist natürlich Vorstadtbezirke, also Gartenvorstädte und nicht Gartenstädte wurden realisiert. Dadurch kann die Reform nicht so weit gehen. Natürlich dringt der traditionelle oder der klassische kapitalistische Wohnungsmarkt und Bodenumgang immer wieder auch da hinein. Was man da jetzt gerade heute auch sieht, wie da nachverdichtet wird.

Scholl: Man kann zum Beispiel in Berlin in mehreren Bezirken die Vision von Bruno Taut bestaunen, die berühmte Hufeisensiedlung im Neuköllner Stadtteil Britz. Zugleich sprechen Sie, Herr Roth, allerdings von einer Mauer zwischen den historischen Vorschlägen seinerzeit und wie sie umgesetzt wurden und den urbanen, ökologischen und sozialen Problemen von heute. Was ist das für eine Mauer?

Roth: Ich weiß nicht, ob Mauer der richtige Begriff ist. Was wir im Verlag, was wir uns auch immer wieder sagen, ist natürlich, diese alten Texte lösen nicht unsere heutigen Probleme. Diese Übertragbarkeit hat natürlich Grenzen, und es gilt, jedes Problem individuell anzupacken. Natürlich, diese verstrichenen etwas über 100 Jahre waren – das wissen wir ja - natürlich heftige etwas über 100 Jahre, sei es auf dem Gebiet der Produktion ...

Der Staat baut "Homes for Heroes"

Scholl: Zwei Weltkriege.

Roth: ... sei es auf dem Gebiet der Zerstörung, ganz genau. Das lässt sich schon zum Ende des Ersten Weltkriegs beobachten, dass quasi gartenstädtische oder Gartenstadt-architektonische Ideen sehr früh auch für Veteranenwohnungen hergenommen werden – "Homes for Heroes" heißen sie in England – und sich der Staat auch dieser Ideen bemächtigt, was am Anfang private Initiative hätte sein sollen. Aber klar, für unsere heutige Situation ist es eine Denkanregung.

Viele Probleme haben die damals noch nicht gesehen, die uns heute anders dringlich erscheinen, also diese ganze Flächenfraßproblematik. Wenn der Gartenstadttheoretiker sehr schön sagte, pro Kleinfamilie bräuchten wir ungefähr 700 Quadratmeter Platz – das ist natürlich hart. Also wie man eine Megacity, wie man jetzt den Ruhrpott mit seinen zehn Millionen Leuten aufdröseln soll in einen Gartenstadtteppich, wo jeder 700 Quadratmeter hat, das sind natürlich Probleme.

Andererseits – das ist die witzige Kapriole, die die Geschichte hier schlägt – funktioniert die Welt der Gartenstadt oder diese Vorschläge, die wir im Buch lesen können, funktionieren ohne bestimmte Dinge, die uns heute Probleme machen. Zum Beispiel funktioniert das alles ohne Automobil, weil das gibt es noch überhaupt nicht. Das funktioniert alles mit Fahrrad und Trambahn und zu Fuß. Insofern ist es schon so gedacht, der Individualverkehr, der stellt sich überhaupt nicht, weder als Service noch als Problem.

Porträt des Herausgebers Tobias Roth. (Thomas Stimmel)Tobias Roth ist einer der Verleger des Berliner Verlags "Das Kulturelle Gedächtnis" und Herausgeber des Buches über die Gartenstadtbewegung. (Thomas Stimmel)

Scholl: Ich selbst war ja verblüfft bei der Lektüre über eine besondere historische Wirkung. Die Idee der Gartenstadt hat bei der Gründung und dann auch räumlichen Errichtung Israels eine entscheidende Rolle gespielt. Theodor Herzl war ein Gartenstadtbewegter.

Roth: Genau, Theodor Herzl gehört da dazu, auch Figuren wie Franz Oppenheimer, die in der Gartengesellschaft und in Israel beide sehr konkret tätig waren, und das ist ja auch quasi die Stärke dieser Neugründungsgedanken, also dass man sagt, wie bauen wir eine Siedlung von null weg.

Das ist natürlich für jegliche Form von Gründung und auch von Kolonisation, also auch die Kolonialmächte waren natürlich interessiert daran, wie man Deutschostafrika zum Beispiel Gartenstädte bauen kann, und es sind dann teilweise auch dieselben Architekten oder Architekturbüros, die in ganz Europa, im Nahen Osten, in Afrika diese Siedlungen gestalten und in Israel natürlich am Anfang auch dieser stark sozialistische und auf Gemeinschaftseigentum zielende Gedanke, das passte natürlich wahnsinnig gut zusammen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Tobias Roth (Hrsg.): Gartenstadtbewegung
Das kulturelle Gedächtnis, Berlin 2020
256 Seiten, 24 Euro

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