Dienstag, 18.12.2018
 

Elektronische Welten / Archiv | Beitrag vom 21.06.2012

Die Fallstricke des digitalen Nachlasses

Für Hinterbliebene gehören im Computerzeitalter auch immer Daten zum Erbe

Von Susanne Billig

Nicht selten gehören uralte Floppy-Disketten zum digitalen Erbe. (AP Archiv)
Nicht selten gehören uralte Floppy-Disketten zum digitalen Erbe. (AP Archiv)

Kaum jemand macht sich Gedanken darüber, welche Datenspuren von ihm zurückbleiben. Das aber ist für die Hinterbliebenen ein großes Problem. Ältere Menschen stehen oft überfordert vor den digitalen Hinterlassenschaften ihres tragisch ums Leben gekommenen Kindes und kommen nur mit Hilfe eines Fachmanns weiter.

Ein Mensch stirbt - ein Unfall vielleicht, ein Selbstmord, eine tödliche Krankheit. Die Welt hört auf sich zu drehen - so fühlen sich Angehörige und Freunde im ersten Schock. Doch bald stehen Verpflichtungen an: Die Beerdigung muss in die Wege geleitet werden. Konten müssen aufgelöst, Versicherungen gekündigt werden. Mit dem Internet ist eine neue Aufgabe hinzugekommen - und manchmal fühlen sich die Angehörigen damit so überfordert, dass sie ohne Fachmann nicht weiter wissen:

"Mein Name ist Christian Marco Pandera. Ich betreibe die Firma Digitaler Nachlass. So wie früher der Entrümpler oder der Wohnungsauflöser die Dinge gefunden hat, die zu Hause hinter den Schränken versteckt waren - die sind heute größtenteils natürlich im digitalen Nachlass zu finden."

Computerdaten liegen nicht offen da wie Fotoalben oder Kleidungsstücke. Auf Festplatten sind sie verstreut, auf ZIP-Disketten oder Floppy-Disks, für die es kaum noch Lese-Geräte gibt. Oder sie verbergen sich in der Cloud - sicherheitstechnisch abgeschottet wie die Juwelen der Königin. Häufig gleicht der digitale Nachlass einem chaotischen Sammelsurium. Dann stößt der Nachlassverwalter auf tausende von wild gemischten Dokumenten. Veraltet? Wichtig? Wertvoll? Das weiß nur der Nutzer dieser Daten - und der liegt im Grab.

"Manche haben ja auch keinen PC, ja? Dann müsste man im Prinzip ausdrucken, was bei fünfzehntausend Word-Dateien natürlich ein immenser Kostenaufwand wäre. Soll der E-Mail-Verkehr ausgewertet werden? Sind eingescannte Dokumente von besonderer Wichtigkeit? Viele haben auch auf die papierlose Verwaltung umgestellt. Die scannen alles, die sind scan-süchtig, die scannen jedes Dokument, von jeder Versicherung, von jedem Arzt. Die scannen alles in elektronische Ordnersysteme und - ja, der die dann mal erbt, der hat viel Spaß."

Auch junge Menschen können plötzlich aus dem Leben gerissen werden - zurück bleibt ein Wust an Bits und Bytes. Online-Bankgeschäfte, Blogs, die niemand löschen kann, Bilder eines vergangenen Glücks in Foto-Communities und die gigantischen Datenfluten der sozialen Netzwerke: Party-Impressionen und Urlaubsgrüße, Briefchen und Lieblingslieder, Terminkalender, Zukunftspläne...

"StudiVZ und Facebook sind natürlich in erster Linie daran interessiert, Mitglieder zu bekommen. Die blasen ihre Mitgliederzahlen künstlich hoch, ob die tot sind oder nicht, das interessiert die auch nicht, weil die wollen natürlich Werbe-Einnahmen - und die kriegt man nur durch Auflage."

Bei Facebook lässt sich das Konto von Verstorbenen mittlerweile in einen Gedenkzustand versetzen, so dass nur Freunde noch Zugang haben. Wer eine Sterbeurkunde beibringt, kann das Profil auch löschen lassen, ebenso bei StudiVZ. Doch erst einmal muss man wissen, wo der Tote überall aktiv war. Manchmal ging er dabei auch finanzielle Verpflichtungen ein. Das merken die Hinterbliebenen oft erst, wenn Mahnschreiben ins Haus flattern.

"Wenn jemand eine Versteigerung macht, dann läuft die irgendwann datumsmäßig aus, aber wenn jemand einen Shop betreibt und Leute immer weiter bestellen können, die überweisen vielleicht noch vorher, ja?! Machen Sofortkauf etc. So! Und der, der zurückgeblieben ist, der muss diese ganze Sache aufarbeiten. Der muss sie in erster Linie schnell stoppen können - was er wiederum nicht kann, wenn er nicht weiß, dass sie existent sind."

Der Datenschutz eines Menschen endet mit seinem Tod. Was immer an digitalen Hinterlassenschaften übrig bleibt - es wird den Erben gehören. Und die erleben nicht selten Peinlichkeiten. Auf einmal trudeln im Postfach des tragisch ums Leben gekommenen Ehegatten Liebesbriefe von der Single-Börse ein. Oder seine sexuellen Vorlieben werden publik.

"Durch Anschreiben von Pornoseiten-Betreibern, wo nicht die Zahlungen eingegangen sind und niemand das weiß. Also das ist sowieso schon eine ziemlich harte Geschichte für manche, und die kann durch so eine Unterlassung von Information der Nachwelt, nämlich um diese ganzen Dinge abschalten zu können, die kann dann noch härter werden. Und das sind einfach die Dinge, über die sich jeder mal im Bilde sein müsste."

Ob jung oder alt, ob krank oder gesund - Vorsorge und Selbstverantwortung sind gefragt, dafür plädiert der Fachmann. Am sinnvollsten ist es, eine Liste mit Zugangsdaten und Anweisungen bei einer Vertrauensperson oder einem Notar zu hinterlegen.

"Jeder der schon einmal einen Todesfall abgearbeitet hat, sage ich jetzt mal, der weiß genau, was er den anderen nicht zumuten möchte - dass diese Sache von Menschen dann bewerkstelligt werden müsste, die dann auch noch emotional völlig im Keller sind - und da sollte sich jeder einfach mal in einer stillen Stunde mit beschäftigen, wie er die Sachen regelt, zur Lebzeit."

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