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Religionen / Archiv | Beitrag vom 28.04.2019

Die Erfindung der KonfirmationZweite Taufe bei klarem Verstand

Von Adolf Stock

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Darstellung einer Konfirmation 1820. (picture alliance / dpa / Mary Evans Picture Library)
Die Konfirmation wurde in einem kleinen hessischen Städtchen erfunden. (picture alliance / dpa / Mary Evans Picture Library)

Im nordhessischen Ziegenhain entstand 1539 mit der Ziegenhainer Zuchtordnung die Konfirmation. Diese war nicht zuletzt ein Friedenschluss zwischen Protestanten und Andersgläubigen - vermittelt durch einen ungewöhnlich liberalen Landesherrn.

Schon bald nach der Reformation sorgte sich Landgraf Philipp von Hessen um die Einheit der protestantischen Kirche. Damals wurde heftig über die Bedeutung der Erwachsenentaufe und über das Abendmahl gestritten. Für Martin Luther war Jesus Christus beim Mahl des Herrn persönlich anwesend, während Reformatoren wie der Schweizer Huldrych Zwingli im Abendmahl nur einen symbolischen Akt sahen. Der religiöse Konflikt drohte mehr und mehr zu eskalieren

"Eine der virulenten Bewegungen der damaligen Zeit war das Wiedertäufertum, Gläubigentäufer, wie sie selber sagen würden", erklärt Pfarrer Christian Wachter. "Und der Kaiser hatte dem Landgrafen erlaubt, diese Sekte entweder des Landes zu verweisen oder sie auch hinzurichten, zu töten." Wachter ist Dekan im nordhessischen Ziegenhain, wo dieser Streit 1539 mit der Ziegenhainer Zuchtordnung befriedet werden konnte.

Den Vögeln zum Fraß hingehängt

Besonders großen Einfluss gewann die Täufer-Bewegung im westfälischen Münster. Der Filmemacher Georg Brintrup zeigt auf den Kirchturm im Zentrum der Stadt: "Wir sitzen ja hier vor der Lamberti-Kirche, und am Turm da oben, da hängen drei Käfige, in denen die Wiedertäufer ausgehängt wurden. Die wurden erst gequält, ganz schlimm, wurden öffentlich aufgehängt und von den Vögeln dann aufgefressen."

Brintrup lebt heute in Rom. Er stammt aus Münster und hat 1976 einen Spielfilm über die Wiedertäufer gedreht, die Altäre zerstörten und Bücher und Bilder verbrannten.

Privateigentum und Leibeigenschaft abschaffen

Die radikalen Christen wollten nach strengen Regeln leben, die sie der Bibellektüre entnahmen. Sie wollten die Trennung von Kirche und Staat und forderten die Erwachsenentaufe, denn schließlich könne ein Säugling die Sakramente nicht bewusst empfangen.

"Es war natürlich der soziale Aspekt dabei", sagt Brintrup. "Sie wollten keine Leibeigenschaft mehr, sie wollten, dass das Privateigentum abgeschafft wird. Deswegen nannte man sie ja auch die ersten Kommunisten. Sie wurden immer radikaler – das ging so weit, dass ein Mann vier Frauen nehmen konnte."

Luther befürwortet die Verfolgung der Wiedertäufer

Die Täufer wurden zur realen Bedrohung. Ab 1529 durften sie als Ketzer verfolgt werden. Noch im selben Jahr lud Landgraf Philipp Martin Luther, Huldrych Zwingli und weitere Reformatoren nach Marburg zum Disput, zumal der Einfluss der Wiedertäufer damals bis nach Hessen reichte.

Martin Luther fand die Verfolgung der Wiedertäufer richtig. Ganz anders Landgraf Philipp: Er wollte in seiner Grafschaft keine Andersgläubigen verfolgen oder gar töten. Das war ungewöhnlich in jener Zeit, sagt Dekan Christian Wachter: "Den Mönchen wurde verboten, ihre Lehre weiter zu predigen, aber die meisten durften in den Klöstern wohnen bleiben, die sind versorgt worden, oder es hat hier in Hessen selber keine Bauernkriege gegeben. Philipp der Großmütige war kein Waisenknabe. Er hat in Münster mitgekämpft gegen die Täufer und hat auch die Bauerkriege in Thüringen mit angeführt, aber für seine eigene Grafschaft hat er andere Wege gefunden."

Geburtsstunde der Konfirmation

An dieser Stelle kommt der Straßburger Theologe Martin Bucer ins Spiel. Er wurde beauftragt, die hessischen Wiedertäufer für die evangelische Landeskirche zurückzugewinnen. "Über Melanchthon und auch über das Religionsgespräch in Marburg kannte der Landgraf ihn und hat ihn dann gebeten, Gespräche mit den Täufern zu führen", erklärt Christian Wachter. "Und aus diesen Täufergesprächen wurde eine Kirchenordnung, und diese Kirchenordnung wurde hier in Ziegenhain redigiert, von führenden Theologen der Region nachgelesen, überarbeitet und dann im Jahre 1539 veröffentlicht."

Diese Ziegenhainer Kirchenzuchtordnung gilt heute als Ursprung der Konfirmation. "Die Geistlichen mit den Kirchenältesten zusammen sollten dafür Sorge tragen, dass die jungen Menschen, wenn sie alt genug sind, den Katechismus lernen und dann der Gemeinde vorgestellt und eingesegnet und konfirmiert werden", so Wachter. "Das geht bis hin in die Formel, die wir heute noch sprechen, diese Formel ist auch in jener Zeit schon aufgeschrieben worden: Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist schenke Dir seine Gnade, Schutz und Schirm vor allem Argen, Stärke und Hilfe zu allem Guten."

Selbstbewusst den Weg zum Christentum finden

Eine halbe Stunde nordwestlich von Ziegenhain liegt Bad Wildungen. Am Dienstagnachmittag treffen sich die dortigen Konfirmanden in der Wandelhalle, wo zurzeit der Nachbau einer historischen Druckerpresse steht. Für die Pfarrerinnen Kerstin Hartge und Andrea Hose-Opfer und den Pfarrer Hubertus Marpe ist die alte Druckerpresse eine gute Gelegenheit, ihren Konfirmanden die kulturelle Dimension der Reformation zu erklären.

Die Pfarrerinnen und ihr Kollege wollen, dass die Konfirmanden selbstbewusst ihren Weg zum Christentum finden, ganz so wie es Dekan Christan Wachter formuliert: "Der evangelische Glaube zeichnet sich dadurch aus, dass die Christen mündig sind und sprachfähig werden im Glauben, dass wir also eigene Worte finden, um den Glauben auszudrücken und auch zu vermitteln, und sich nicht alles nur von der Kirche oder der Obrigkeit vorsagen lassen, um es dann nachzusprechen."

Luther war die Konfirmation zuwider

Bei der Konfirmation sollen die getauften Kinder nach Unterweisung im Katechismus ihr Glaubensbekenntnis bekräftigen, um so ein vollwertiges Mitglied der Gemeinde zu werden. Diese Idee fand allerdings bei Luther kein positives Echo.

"Ihm war diese Konfirmation eigentlich auch zuwider, weil sie zu sehr Anlehnung hatte an das Sakrament der Firmung in der katholischen Kirche", sagt Wachter. "Und er hatte Angst, dass dieser Landgraf da in Hessen anfängt, weitere Sakramente zu implementieren, und das wollte er nicht."

Menschenrechte im Hinterkopf

Aber diesmal konnte sich Luther nicht durchsetzen. Das ist vor allem den Pietisten zu verdanken, die eine zunächst regionale Tradition weltweit verbreitet und durchgesetzt haben. Entsprechend stolz ist Dekan Christian Wachter, dass die heute weltweit akzeptierte Konfirmation in Ziegenhain ihren Ausgang nahm:

"Luther war ja nicht immer sehr besonnen in solchen Dingen, und da habe ich den Landgraf Philipp hier sehr schätzen gelernt als jemanden, der auch sehr dynamisch nach vorne geht aber im Grunde genommen auch schon so etwas wie Menschenrechte im Hinterkopf hat bei vielen Entscheidungen, die getroffen wurden."

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