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Kompressor | Beitrag vom 14.09.2018

Die Deutschen und der Wald"Der Wald war immer lieblich und schaurig zugleich"

Viktoria Urmersbach im Gespräch mit Max Oppel

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Ein Baumhaus von Aktivisten im Hambacher Forst  (dpa-Bildfunk / Christophe Gateau)
Ein Baumhaus von Aktivisten im Hambacher Forst (dpa-Bildfunk / Christophe Gateau)

Beim Konflikt im Hambacher Forst geht es nicht nur um Braunkohle, meint die Autorin Viktoria Urmersbach. Sondern es geht auch um den Wald als Sehnsuchtsort, an dem der moderne Städter das Gute, Wahre, Echte findet und wo er sich mit der Natur verbinden will.

Die Deutschen seien ein Volk des Waldes, hat der britische Journalist und Deutschland-Korrespondent der Times, Roger Boyes, einmal gesagt. Und da ist es dann auch nicht weiter verwunderlich, dass so heftig protestiert wird, wenn es dem Wald an den Kragen geht - wie derzeit im Hambacher Forst.

"Der Wald war immer schon ein Ort von hoher gesellschaftlicher Resonanz und von großen Emotionen", sagt Viktoria Urmersbach, die ein Buch über die Kulturgeschichte des Waldes geschrieben hat. "Das ist eigentlich auch eine Konstante über die Jahrhunderte, dass wir uns so eine Art identitätsstiftendes Motiv im Wald immer suchen." Speziell seit der Industrialisierung und vor allem seit der Romantik ist der Wald für viele ein Sehnsuchtsort, an dem sie sich mit der Natur verbinden wollen. 

"Früher ging niemand freiwillig in den Wald"

Damit säßen wir natürlich auch einem romantisierten Waldbild auf, so die Autorin. "Der Wald wurde ja schon lange, lange gerodet und in früheren Zeiten viel weniger geschützt als heute. Also, da muss man ein bisschen differenzieren, wenn man sagt, dass wir die letzten wahren Urwälder oder so jetzt noch schützen und bewahren wollen. Die gibt es leider schon lange nicht mehr."

Das durch die Baumkronen eindringende Sonnenlicht schafft in einem Waldstück bei Titisee-Neustadt im Schwarzwald eine Atmosphäre, wie in einem verwunschenen Märchenwald.  (dpa/ picture-alliance/ Heinz-Dieter Linke)Der Schwarzwald ist für viele ein Märchenwald. (dpa/ picture-alliance/ Heinz-Dieter Linke)

Auch emotional war der Wald nicht immer so eindeutig positiv besetzt wie heute. "Der Wald war immer lieblich und schaurig zugleich – wie im Märchen." Früher dagegen hätte man vor allem das Schaurige wahrgenommen, meint Urmersbach. "Es ging ja auch niemand freiwillig in den Wald."

Der Wald als imaginierter Rückzugsraum

Gerade in Krisenzeiten wie heute fungiert der Wald auch als ein imaginierter Rückzugsraum: "Diese Klimapolitik bewegt einfach viele Menschen - zu Recht natürlich. Dass also für den Braunkohletagebau da die Bäume abgeholzt werden, das ist natürlich im krassen Widerspruch zu dem, wie die Menschen sich Politik und Wirtschaftspolitik wünschen."

(uko)

Viktoria Urmersbach: "Im Wald, da sind die Räuber. Eine Kulturgeschichte des Waldes" Vergangenheitsverlag, Berlin 2009
180 Seiten, 14,99 Euro
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