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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 09.06.2016

Die AuserwähltenDie ersten "Retortenbabys" sind erwachsen

Von Lydia Heller und Tim Wiese

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Das erste Retortenbaby der Welt, Louise Joy Brown, mit ihren Eltern John (r) und Lesley bei ihrem ersten Fernsehauftritt in der amerikanischen "Donahue Show" (Sendung mit Phil Donahue) in Chicago am 7. September 1979. Das durch künstliche Befruchtung außerhalb des Körpers der Mutter gezeugte Baby wurde am 25. Juli 1978 in Großbritannien geboren. | (picture alliance / dpa)
Das erste Retortenbaby der Welt, Louise Joy Brown, mit ihren Eltern John (r) und Lesley (1979). (picture alliance / dpa)

Die ersten "Retortenbabys" sind heute erwachsen und sie sind keine Ausnahme mehr: Heute gibt es etwa vier bis fünf Millionen Menschen weltweit, die mit Hilfe der künstlichen Befruchtung gezeugt wurden. Wie leben sie mit dem Wissen um ihre Zeugung? Und was sagen Wissenschaftler über die Risiken?

Kentenich: "..und hier fangen wir an, von dem Zeitpunkt an, wo Eizelle und Samenzellen zusammengebracht wurden."

Fertility Center Berlin. Ein Büro. Ein Bildschirm. Ein Video.

"Dann sehen sie eins-zwei Vorkerne, die Befruchtung hat geklappt."

Heribert Kentenich. Professor für Reproduktionsmedizin.

"Jetzt ist der nächste Tag, das ist ein Zweizell-Embryo, ein Vierzell-Embryo…"

Zu sehen: Graugrüne Blasen, sanft pulsierend. Erst eine, dann zwei, vier…

Kentenich: "Tag drei. Achtzell-Embryo. Jetzt entwickelt sich der Zellhaufen weiter, kommt zusammen, das sind etwa 100 Zellen. Und das ist Tag fünf. Daraus wird der Mensch und daraus wird der Mutterkuchen. Stark, wa?"

Tim: "Sie sind ja wirklich ..ganz am Anfang dabei, ..das muss doch schon ein besonderes Gefühl sein, was damit verbunden ist?"

Kentenich: "Natürlich! Also man kann beobachten, wie die Natur abläuft. Und wenn ich hier sehe, wie ein Embryo innerhalb von fünf Tagen wächst, und sich entwickelt – ich glaube,  der wurde auch schließlich zur Schwangerschaft und Geburt – dann ist das schon was Erstaunliches. Und wenn ich das vergleiche mit vor dreißig Jahren: Da war man ja gar nicht in der Lage, sowas zu beobachten. Und das ist heute eine Beobachtung, die wir jeden Tag machen." 

Fünf Millionen Menschen weltweit sind schon mit Hilfe der Reproduktionsmedizin entstanden. Allein hier in Deutschland kommen jedes Jahr zwischen zehn- und 13tausend Kinder zur Welt, die außerhalb des Mutterleibs gezeugt wurden.

Eizellen mit Spermien nach einer künstlichen Befruchtung (Waltraud Grubitzsch, dpa picture-alliance)Eizellen mit Spermien nach einer künstlichen Befruchtung (Waltraud Grubitzsch, dpa picture-alliance)

"Assistierte Reproduktion" nennen Fachleute das. Und die wird von Paaren inzwischen ziemlich selbstverständlich in Betracht gezogen, als Möglichkeit, ein Kind zu bekommen, wenn es auf natürlichem Weg nicht klappt. Hier im Fertility Center in Berlin, bei Professor Kentenich, werden pro Jahr 1.300 künstliche Befruchtungen vorgenommen.

Kentenich: "Also wo Eizellen und Samenzellen gewonnen werden und zusammengebracht werden..."

Im Labor. In einer Glasschale mit Nährflüssigkeit.

Kentenich: "..und dann ein oder zwei Embryonen zurückgegeben werden."

Das ist die eine, inzwischen sehr gängige Methode – die In-Vitro-Fertilisation. Seit 1991 gibt es zudem das "ICSI-Verfahren", die "Intrazytoplasmatische Spermieninjektion".

Kentenich: "Die war damals ganz sinnvoll einzuführen bei Problemen, wo sehr schwere Störungen der Samenzellen vorhanden sind, also sehr wenige Samenzellen, schlechte Beweglichkeit der Samenzellen. Und da ist dieses Verfahren sehr erfolgreich. Da nimmt man eine einzige Spermie und injiziert die in die Eizelle."

Ist Louise ein normales Baby?

Die Geburtenrate nach assistierter Reproduktion liegt heute pro Versuch bei etwa 15 bis 20 Prozent.

Kentenich: "Das sind Routineverfahren in allen Zentren."

Ganz anders war das noch vor 38 Jahren, als in England Louise Brown geboren wurde – das erste "Retortenbaby" der Welt.

Da liefen im Kreißsaal die Kameras des englischen Fernsehens, der BBC, mit und vor dem "General Hospital" in Oldham lagerten Reporter. Denn schon da war klar: hier wird Medizingeschichte geschrieben. Und dazu kam: Die Leute wollen einfach auch wissen, ob Louise wirklich ein normales Baby ist.

Ende der 1970er, Anfang der 80er Jahre gab es gesellschaftlich große Vorbehalte gegen die "künstliche Befruchtung". Reproduktionsmediziner erhielten sogar Morddrohungen. Auch hier in Deutschland.

Ralf Dittrich: "Die Mitarbeiter durften nicht die Labore benennen, die ganzen Schilder mussten weg an den Eingangsbereichen, damit keiner die Labore findet. Und es wurde auch ein Aufnahmesystem eingeführt, damit man also Anrufe mit Drohungen direkt mitschneiden konnte."

Professor Ralf Dittrich. Biologe und Leiter der Reproduktionsmedizin am Universitätsklinikum Erlangen.

Dort kam 1982 das erste "Retortenbaby" Deutschlands zur Welt: Oliver Wimmelbacher.

Reporter: "Das Kind wog bei der Geburt 4.150 Gramm und hatte eine Körperlänge von 53 Zentimetern."

Kirchenvertreter sprachen damals von einem "Eingriff in die Schöpfung", "schlimmer als die Atombombe". Von "Frankenbabys" war die Rede und von Baby-Zuchtanstalten.

Umfrage, Rias 1983: "Also ich finde das nicht gut, weil ich da eine Gefahr sehe für die Zukunft."

Eine Straßenumfrage in Berlin. Anfang der 1980er Jahre.

Umfrage, Rias 1983: 

"Unnormal und unnatürlich."

"Dass eines Tages Babys vom Fließband kommen, dass man Babys durch die Genforschung richtig herstellen kann, wie man sie haben will, dass der eine unheimlich schlau auf einem Gebiet ist, also ich hab da richtig Angst vor."

1987 warnte zum Beispiel ein Professor für Psychotherapie und Psychiatrie in Hannover vor den Folgen der künstlichen Befruchtung.

Lydia Heller: "Hier der Artikel, Peter Petersen heißt der, lies mal."

Tim Wiese: "Wir wissen wenig. Das Wenige, was wir wissen, ist für das Wohl des zukünftigen Kindes unheilvoll."

Heller: "Und noch 2014 nannte die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff in einer Rede Menschen, die durch künstliche Befruchtung gezeugt wurden, 'Halbwesen'." 

Wiese: "Nicht ganz echt sind sie in meinen Augen, sondern zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas."

Bahn-Durchsage: "Nächste Station: Halle/Saale Hauptbahnhof."

In einer Siedlung am Stadtrand von Halle treffe ich Margit Göbel.

Margit Göbel: "... ja. Ich … bin 30 Jahre alt, bin Architektin…"

Das Monitorfoto zeigt das Einbringen einer Samenzelle in eine Eizelle mittels Mikropipette unter dem Mikroskop. (Hubert Link, dpa)Das Monitorfoto zeigt das Einbringen einer Samenzelle in eine Eizelle mittels Mikropipette unter dem Mikroskop. (Hubert Link, dpa)

Eine junge Frau, blond, groß, schlank. Begrüßt mich in einem weißen Einfamilienhaus mit kleinem Garten. Hier lebt sie mit ihrem Mann und Tochter Clara, zwei Jahre alt.

Göbel: "Oh Gott – ich bin.. ich bin doch so ungern im Mittelpunkt…."

Margit Göbel ist eines der ersten in-vitro gezeugten Kinder Ostdeutschlands, das erste des damaligen DDR-Bezirkes Halle. Als sie 1986 im Klinikum Halle-Kröllwitz zur Welt kam, war das eine kleine Sensation.

Göbel: "Das erste Mal, dass es mir wirklich aktiv aufgefallen ist, war zum zehnten Geburtstag. Da war zum ersten Mal das Fernsehen zuhause. Hm. Gefilmt zu werden, wie man Hausaufgaben macht und die Einladungen zum Geburtstag schreibt, das war schon ein bisschen merkwürdig."

Heller: "Das macht Sie verlegen, oder? Das Interesse an Ihrer Person. Immer noch – nach 30 Jahren!"

Göbel: "Genau, ja! Ich bin ja nur ich! (lacht) Es ist eben einfach komisch, die Aufmerksamkeit regelmäßigen Abständen zu bekommen. Weil – es ja das Normalste der Welt ist, ja? Da zu sein."

Roswitha Göbel schaut vorbei, Margits Mutter, sie wohnt nur wenige Autominuten entfernt. Margit Göbel erwartet ihre zweite Tochter – auf natürlichem Weg gezeugt übrigens, wie auch die große schon. Die Frauen besprechen die Einrichtung des Baby-Zimmers.

Mehr als dreißig Frauen hatten sich 1985 im Klinikum Kröllwitz für das damals noch neue Verfahren der künstlichen Befruchtung entschieden – und die dazugehörige Prozedur: Hormontherapie, Eizell-Entnahme, Befruchtung in der Petrischale, warten, hoffen, Embryos einsetzen lassen, warten, hoffen. Roswitha Göbel bringt als einzige schließlich ein Baby zur Welt.

Roswitha Göbel: "Das war so ein Tumult da, es hat sich gar keiner um mich kümmern können. Die haben so viele Entbindungen gehabt! Ich war Nummer XY da, so hinten dran. Da hab ich mir erstmal eine Schwester rangeholt, ich sach: Das ist ein Retortenbaby! Da hab ich dann die Joker-Karte gezogen. Und dann war das alles schön. Unser kleines Prinzesschen."

Heller: "Aber – Sie haben ja auch viel in Kauf genommen, um Margit zu bekommen – ist das dann so, dass man sich um diese Kinder dann besonders viel Sorgen macht? Haben Sie Margit besonders behütet?"

Roswitha Göbel: "Das wäre vielleicht gewesen, wenn es das erste gewesen wäre. Aber es war das zweite, da siehste sowieso alles viel relaxter. Und – ja! Du bist arbeiten gegangen, sie ist ja dann auch in die Kinder-Einrichtungen gegangen, Krippe, Kindergarten – das lief ganz normal durch!"

Heller: "Ja? Finden Sie das auch? Sind Sie vielleicht irgendwie anders zu Clara, als Ihre Mutter zu Ihnen war?"

Margit Göbel: "…ähm… Mutter-Kind-Beziehung, die ist jetzt genauso innig, würde ich mich jetzt mal aus dem Fenster lehnen, wie ich jetzt mit meiner Tochter, man fetzt sich genauso, wie ich mich mit meiner Tochter fetze…also – alles, alles okay!"

Mehrlings-Kinder zeigen häufiger Verhaltensauffälligkeiten

"Alles okay" – das ist schön. Und: es ist nichts Besonderes! Denn inzwischen gibt es eine Reihe von Studien darüber, ob es bei im Labor gezeugten Kindern zu Auffälligkeiten kommt. Und ob die, wenn es sie gibt, damit zu tun haben, dass Mütter, die sich für so eine Behandlung entscheiden, pathologische Persönlichkeitsveränderungen aufweisen.

Kentenich: "Und die Antwort ist: Die haben sie nicht! Sind Menschen wie Du und ich."

Professor Heribert Kentenich.

"In der psychoanalytischen Literatur war es damals so, dass man gesagt hat, ..sie wären psychologisch nicht reif für die Mutterrolle. Da hat man Frauen mit malträtiert, ..ein negatives Etikett drauf getan. Und das ist in der Forschung rausgekommen, dass das falsch ist."

Wischmann: "Wir wissen inzwischen – und das ist weltweit Standard – dass diese pathologie-orientierte Sichtweise vollkommen veraltet ist. Das heißt, sowohl die Paare als auch die Kinder, um die es jetzt heute geht, entwickeln sich in der Regel vollkommen normal."

Doktor Tewes Wischmann, Psychologe am Universitäts-Klinikum Heidelberg. Seit 25 Jahren untersucht er Paare mit Fruchtbarkeitsstörungen – und deren Kinder.

Wischmann: "In der Beratung von den Paaren sage ich, dass die Entwicklung, die psychosoziale Entwicklung, sogar eher positiv ist, weil das meistens Wunschkinder sind. ..Das weiß man von den Studien, dass die Eltern ein größeres emotionales Engagement zeigen, mehr Freude an der Elternschaft zeigen, im Vergleich zu Eltern von spontan konzipierten Kindern."

Aber genau deswegen wäre es doch nicht verwunderlich, wenn Eltern in-vitro-gezeugte Kinder doch sehr zu einem Projekt machen würden und deren Entwicklung besonders überwachen?

Wischmann: "Da gab es so erste Indizien, dass die Mütter in ihrer Selbsteinschätzung bei den jungen Kindern geschrieben haben, naja, vielleicht beduddel ich die ein bisschen, wie man das umgangssprachlich ausdrückt. Man geht auch öfter mit dem Kind ins Krankenhaus, ... aber das wächst sich sozusagen aus. Wenn die Kinder sechs bis sieben Jahre alt sind, gibt es da keinerlei Unterschiede zu spontan konzipierten Kindern."

Einschränkungen macht Tewes Wischmann dann aber doch: Die Studien beziehen sich alle auf Einlinge. Bei Mehrlings-Schwangerschaften – und die kommen nach einer künstlichen Befruchtung häufiger vor – ist es problematischer: Die Eltern trennen sich öfter, Mehrlings-Mütter haben ein größeres Risiko, depressiv zu werden und Mehrlings-Kinder zeigen häufiger Verhaltensauffälligkeiten.

Seine Zeugung wurde aufwändig geplant

Und dann sind da auch noch die Kinder, die durch Insemination, also Samenspende, gezeugt worden sind. Insemination zählt auch zu den Methoden der "künstlichen Befruchtung" – und ist sogar die gängigste.

Malte Czarnetzki: "So jetzt sind wir hier bei mir Zuhause in unserem schönen Häuschen in Oberboihingen."

Ich bin mit Malte Czarnetzki verabredet. Der 21-Jährige und sein Zwillingsbruder Tim wurden mit Hilfe eines anonymen Samenspenders gezeugt. Ebenso sein jüngerer Bruder Lasse.

Malte: "Schuhe ausziehen!"

Wir besuchen Maltes Mütter. Malte studiert Medizin, in Witten, 400 Kilometer entfernt. Die Familie sieht sich nur unregelmäßig.

Maltes Mütter sind seit 30 Jahren ein Paar. Sie haben sich im Biologiestudium kennen gelernt und wünschten sich bald ein Kind. Anfang der 1990er Jahre eine Herausforderung.

Heike Czarnetzki: "Das war noch sehr aufwendig. Es gab kein Internet."

Pascale: "Es gab keine Handys."

Heike Czarnetzki: "Wir haben eine Liste ausgedruckt bekommen mit Reproduktionsmedizinern und haben uns die Liste abtelefoniert, bis wir dann so langsam jemanden gefunden haben, wo es nicht gleich hieß: Nein, Frauenpaare behandeln wir nicht!"

Heike Czarnetzki ist die leibliche Mutter von Malte und Tim. Ihre Partnerin Pascale hat Lasse zur Welt gebracht. Und – nein: Sie konnten sich den Samenspender nicht aus einem Katalog aussuchen. Wollten sie auch nie.

Czarnetzki: "Was den Praxen wichtig war, uns vorher kennenzulernen, denn die haben sich alle ein Stück weit mitverantwortlich gefühlt, wohin sie den Samen geben, was das für Eltern sind. Und dann gab es noch so einen Typabgleich. Also sie haben geschaut, dass der Spender der Partnerin grob ähnlich ist. Aber mehr stand da nicht zur Debatte. Von wegen blaue Augen oder Bildungshintergrund. Das war nie Thema."

Für Malte Czarnetzki sind die beiden Frauen seine Eltern. Er fühlt sich mit beiden gleich verbunden. Und sich selbst als nicht besonders – auch wenn seine Zeugung aufwändig geplant wurde.

Malte Czarnetzki: "Auch heterosexuelle Paare überlegen sich ja, wann sie bereit sind und wann es eine gute Zeit ist, Kinder zu kriegen. Deshalb denke ich nicht, dass ich da jetzt bevorzugt werde oder mehr geliebt als der Großteil der Kinder, die es auf der Welt gibt. Egal wie die jetzt entstanden sind. Ich denke, Eltern lieben ihre Kinder und speziell, wenn da ein Wunsch da war, Kinder zu kriegen."

Ralf Dittrich: "Man weiß auch, dass Kinder, die wissen, dass sie selber mit der Hilfe von reproduktionsmedizinischen Techniken entstanden sind, sogar ein Gefühl der Geborgenheit entwickeln, weil sie wissen, dass sie sehr gewünscht sind von den Eltern."

Anonyme Samenspenden nicht mehr zulässig

Reproduktionsbiologe Ralf Dittrich hat für eine Studie junge Erwachsene befragt, die an seinem Institut in Erlangen gezeugt wurden.

Dittrich: "Für mich das wichtigste Ergebnis und auch schönste Ergebnis war, dass diese Kinder sich wirklich als nicht außergewöhnlich betrachten. Gar keine Berichte, dass sie sich selber als etwas Besonderes fühlen oder sich auch minderwertiger fühlen. Das ist doch ein Hinweis, dass sie auch keine Probleme damit haben, dass sie mit Maßnahmen der assistierten Reproduktionstechnologie gezeugt wurden."

Aber was ist mit dem biologischen Vater? Viele Spenderkinder kennen ihn nicht, auch Malte Czarnetzki nicht. Wollte er nie wissen, wer der Mann ist?  

Das ist die Frage, die ihm in der Tat häufig als erstes gestellt wird. Auch von mir.

Malte Czarnetzki: "Es ist nicht so, dass da jetzt ein tiefer Wunsch oder ein Gefühl mir gesagt hat: ‚Hey, da musst du dich ran klemmen, den musst du kennenlernen‘. Ich kann mich ja vielleicht auch mit dem Menschen gar nicht verstehen und dazu kommt halt diese emotionale Komponente, dass man sein Leben ja gelebt hat mit vielen Menschen um einen rum. Mit den Eltern und der Verwandtschaft und man nicht das Gefühl hat, dass einem etwas fehlt."

Tim Wiese: "Aber interessiert Dich nicht auch Deine genetische Herkunft?"

Malte Czarnetzki: "Eigentlich ist das ja eine super Lehre, dass ich weiß, dass ich jemand geworden bin, wie ich bin und ganz viel darauf zurückfällt auf die Leute, die mich umgeben haben in meiner Entwicklung und meiner Kindheit und zum Teil auch die Biologie. Aber ich denke, dieses Wissen, wer jetzt mein Vater ist und wie der aussieht oder wie der sich verhält, würde ja daran nichts mehr ändern."

Wischmann: "Es sind auch nur sehr wenige, die letztlich sich auf die Suche machen nach den biologischen Wurzeln."

Psychologe Tewes Wischmann: "Nur, wenn die die Chance nicht haben, dann ist das in der Regel eine ganz extreme Verunsicherung dieser jungen Menschen und auch der Erwachsenen. Vielen ist das aber auch egal. Nur sie brauchen die Option, das ist wichtig."

Deshalb sind anonyme Samenspenden in Deutschland inzwischen auch nicht mehr zulässig. Denn es gibt Spenderkinder, die von einer Identitätskrise berichten.

Reproduktionsmedizin ist ein emotionales Thema

Im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg treffe ich Andreas Bernard – Autor des Buches "Kinder machen".

Sieben Jahre hat der Professor für Kulturwissenschaft zu verschiedenen Reproduktionstechnologien recherchiert – hat Eltern und Kinder getroffen, Befürworter und Gegner. Ich frage ihn nach den Ursachen der Identitätskrise einiger Spenderkinder.

Andreas Bernard: "Stellen Sie sich vor, Sie sind 19 oder 21, 23, Student oder Studentin, mit vielleicht intakter Familien, intaktem Elternhaus. Und dann, ankündigungslos, von einem Tag auf den anderen, erfahren Sie, der eigene Vater ist biologisch gesehen nicht der eigene Vater. Und so, wie es ein Spenderkind formuliert hat: Eine von zwei Säulen, auf denen man steht, bricht weg. Und das kann, glaub ich, schon zu einem erheblichen Labilitätsgefühl führen."

Wenn man erst als junger Erwachsener – vielleicht bei einem Blutgruppentest – zufällig herausfindet, dass der Vater nicht der biologische Vater ist, kann das traumatisch sein. Man hat aber auch festgestellt: Wenn Eltern schon früh und offen mit ihren Kindern über die Umstände ihrer Zeugung sprechen, akzeptieren sie das in der Regel problemlos.

Nach sieben Jahren Recherche und unzähligen Interviews – wie kritisch steht Andreas Bernard der Reproduktionsmedizin heute gegenüber? Würde er sie empfehlen?

Ja, würde er. Aber er hat eine sehr interessante Erfahrung gemacht: Reproduktionsmedizin ist einfach ein sehr emotionales Thema, das im wahrsten Sinne des Wortes die "Ur-Momente", die Grundpfeiler unserer Existenz berührt. Andreas Bernard beschreibt das sehr schön anhand einer ICSI-Zeugung.

Bernard: "Wenn man wie ich relativ oft neben dem Mikroskop saß und auf einem Bildschirm verfolgt hat, wie dieser Moment der Spermieninjektion sich vollzieht, also dass mit der einen Pipette dieses Spermium festgehalten wird und mit der anderen Pipette die Eizelle fixiert wird und dann gewissermaßen das Spermium hineingestochen wird in die Eizelle. Was für ein im Grunde genommen gewaltsamer Akt das beinahe ist. Dann kann man sich des Gedankens fast nicht erwehren, dass dieser Moment der Zeugung etwas mit dem Menschen tun wird."

"Du bist in einem Reagenzglas geboren"

Studio-Schalte nach Basel.

Adrien Membrez: "Ja, hmm: Also, ich heiße Adrien Membrez, ich bin 25 Jahre alt und – ja, ich bin Apotheker, arbeite in der Pharmaindustrie in Basel. Ich fahre gern Velo, mache viel Sport."

Adrien Membrez ist eines der ersten in-vitro-Kinder der Schweiz.

Membrez: "Ganz genau weiß ich nicht mehr, aber so zwischen zehn und 15 – dann haben meine Eltern mir gesagt, Du bist in einem Reagenzglas geboren. Ein "bébé-éprouvette", wie man das auf Französisch sagt. Und natürlich war dieser Begriff ganz nicht klar."

Aber – er weckt Interesse:

"Ja, ich hab mir schon ein bisschen Fragen gestellt: Was ist das genau, was heißt das, wie kann das sein, oder? Weil, ich hab mich immer gesund gefühlt und ich hab auch immer Sport gemacht, wie meine Freunde. Und von dem her war ich wie alle anderen, einfach, vielleicht mit anderen Techniken geboren, sozusagen. Also, diese Techniken haben mich immer fasziniert, ohne die wäre ich gar nicht da, ich bin natürlich dankbar für das. Vielleicht hat es dazu beigetragen, dass ich später Naturwissenschaften studiert habe."

Als Teenager nimmt Adrien Membrez an Studien teil, in denen Urs Scherrer die Entwicklung außerhalb des Mutterleibs gezeugter Kinder untersucht. Später schreibt er seine Master-Arbeit in der Forschungsgruppe des Professors.

Zeigen vorzeitige Alterung der Arterien auf

Der Berner Kardiologe erforscht seit rund zwanzig Jahren die Zusammenhänge zwischen Ereignissen rund um die Geburt – und Herz-Kreislauf-Erkrankungen im späteren Leben.

Urs Scherrer: "Was wir zeigen konnten ist, dass in-vitro-fertilisierte Kinder, die sonst völlig normal aussehen und auch sich völlig wohlfühlen, dass die eine vorzeitige Alterung der Arterien aufweisen. Das heißt, die Arterien dieser Kinder sind steifer, sie sind verdickt und sie können sich ungenügend erweitern."

Mögliche Folgen: erhöhter Blutdruck und ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall. In-vitro-Fertilisation, so Urs Scherrer, sei ein Stressor. Ähnlich wie Nahrungsmangel kurz vor oder nach der Geburt oder eine Schwangerschaftsvergiftung könne sie epigenetische Veränderungen in der Erbsubstanz des Fötus auslösen, Veränderungen in der Gen-Aktivität.

Scherrer: "Es könnten einfach Bedingungen sein, die nicht ideal sind für den sich entwickelnden Embryo, zum Beispiel nicht ideale Kompositionen der Nährmedien, auf denen diese Embryonen gezüchtet werden. Variationen der Sauerstoff- oder der CO2-Konzentration, mechanische Faktoren, also die Manipulation des Embryos, um ihn vom Nährmedium dann in die Gebärmutter einzubringen. Gefrieren könnte eine Rolle spielen."

Neuste Studien an in-vitro gezeugten Mäusen zeigten: Veränderungen des Nährmediums konnten diese vorzeitige Gefäßalterung vermindern.

Heller: "Sie haben ja bei Urs Scherrer studiert – verfolgen Sie seine Arbeit eigentlich noch?"

Membrez: "Doch, doch, ich bin natürlich nicht mehr so im Bild, wie als ich damals auch mitgeforscht habe. Aber ich beobachte das immer noch ein bisschen, ja."

Heller: "Und? Wenn Sie lesen, dass Sie vielleicht ein höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben – gibt es da so einen Moment des Erschreckens?"

Membrez: "Doch, ja, wahrscheinlich schon, jaja. Also ich achte schon darauf, dass ich mich gesund ernähre und dass ich auch Sport mache. Aber, ob das einen Einfluss hatte, dass ich jetzt noch mehr in die gesunde Richtung gehe, ich weiß nicht. Vielleicht ein bisschen unbewusst, ja. …Was mich - also beunruhigt, ist, dass wir noch nicht alles wissen, klar. Wir müssen weiter forschen, wenn es Probleme gibt, dass wir dann sehen, wo die Ursache liegt, damit diese Techniken immer sicherer werden, damit es gewährleistet wird, für die Paare, die das wollen, das in den optimalsten Konditionen zu machen."

Einfluss von Nährmedien wird erforscht

Reproduktionsmediziner verfolgen die Forschungen von Urs Scherrer mit Interesse. Besonders beunruhigend finden viele seiner Kollegen die Ergebnisse bisher aber nicht.

Dittrich: "Es gibt fünf Millionen geborene Kinder weltweit nach IVF. Man hat schon einen Überblick über 30 Jahre."

Ralf Dittrich vom Universitätsklinikum Erlangen.

Dittrich: "Und ich erwarte nicht, dass diese Kinder mit 60 Jahren alle herzkrank sind."

Auch der Einfluss unterschiedlicher Nährmedien wird weiter erforscht, sagt Ralf Dittrich, zum Beispiel auf das Geburtsgewicht. Dass die Kultivierung von Embryonen in der Petrischale epigenetische Veränderungen zur Folge haben kann, schließt aber auch er nicht aus.

Dittrich: "Aber auch hier weiß man, dass die Veränderungen nicht schwerwiegend sind. Das Gewicht ist etwas erhöht vielleicht, die Diabetesrate ist erhöht. Was also auch sicher ist, dass die Lebensbedingungen der Eltern vorher, zum Beispiel das Übergewicht der Eltern oder das Untergewicht, eine viel größere Rolle spielen als die Maßnahme der In-Vitro-Fertilisation."

Bekannt ist auch, dass es bei im Labor gezeugten Kindern zu Fehlbildungen kommen kann – vier statt zwei Nieren zum Beispiel oder Herzfehler. Die kommen allerdings auch bei sechs bis sieben Prozent der natürlich gezeugten Kinder vor. Und bei Kindern, die nach künstlicher Befruchtung geboren wurden, sind nur wenig mehr betroffen, etwa acht Prozent.

Dittrich: "Wobei, diese acht Prozent, da weiß man nicht, worauf die zurückzuführen sind. Tatsächlich auf die Technik oder nicht auf die Tatsache, dass die Paare ja schon eine Sterilitätsursache haben und sehr häufig sind diese Paare ja auch schon ein bisschen älter als die Bevölkerung, die normalerweise den Kinderwunsch erfüllt."

Bleibt das Risiko der Mehrlings-Schwangerschaft – und die damit verbunden Folgen: zu frühe Geburt, geringes Geburtsgewicht, später häufig Verhaltens- und Sprachstörungen.

Kentenich: "Frühgeburtlichkeit ist das größte Problem in Bezug auf die spätere Entwicklung der Kinder. Vor allem auf die Hirnfähigkeiten."

Professor Heribert Kentenich vom Fertility Center Berlin: "Und daher das größte Problem im Bereich der Reproduktionsmedizin: 20 Prozent aller Geburten sind Zwillingsgeburten. Das ist zu viel. Im Ausland ist es, durch eine sehr rigide Politik auch, dass man nur einen Embryo zurücksetzt, gelungen, diese Rate auf etwa zehn Prozent, zwölf Prozent zu senken. Das ist in Deutschland noch nicht so gelungen."

"Das beste Argument: Ich bin da, ich lebe"

Zurück nach Halle, zu Margit und Roswitha Göbel.

Heller: "Haben Sie sich eigentlich jemals besondere Sorgen gemacht, um Ihre Gesundheit?"

Margit Göbel: "Hm, schwieriges Thema. ..Man war genauso krank wie jeder andere. Und ich hab mir auch das Bein und den Arm gebrochen wie jedes andere Kind. Aber nichts Besonderes. Man ist ja jetzt nicht ein genetische modifizierte Mensch, der besonders schlau, stark oder sonst was ist, ja? Man ist ein Durchschnittsbürger wie jeder andere mit genauso Wehwehchen..."

Heller: "Haben Sie während der Schwangerschaft Angst gehabt, dass mit Margit etwas nicht in Ordnung sein könnte?"

Roswitha Göbel: "Nein! Ich war ja in absoluter medizinischer Rundum-Kontrolle und Versorgung. Alle 14 Tage rein, Ultraschall, kucken: Ist alles dran, also – ich habe von jeder Entwicklungsphase hab ich ein Bild da…"

Roswitha Göbel hat ein Foto-Album aufgeschlagen.

Roswitha Göbel: "Sie hatten mir damals zehn Eier entnommen, vier waren befruchtet, eins war im Vierzell-Stadium und drei im Zweizellstadium und das Vierzell-Stadium haben sie mir eingesetzt. Da hab ich ein Bild davon! Das ist meine Tochter!"

Graue Blasen auf mattschwarzem Untergrund.

Margit Göbel: "..schon ganz hübsch!"

Roswitha Göbel: "Genau!" 

Heller: "Und denken Sie manchmal an die drei Zweizell-Stadien? Aus denen vielleicht auch Kinder hätten werden können? Dass da eine Auswahl stattgefunden hat?"

Roswitha Göbel: "An der Stelle war das sicherlich eine Auswahl. Aber, wenn die Ärzte das so entschieden haben und – die Aussicht, dass das Zweizell-Stadium hinterher abstirbt und ein Risiko für das Vierzell-Stadium da ist – fand ich das total okay."

Dittrich: "'Ausgewählt' – der Ausdruck wird halt unterschiedlich interpretiert. Was wir machen ist, dass wir die Embryonen aussuchen, die eine Entwicklungsfähigkeit haben. Es wird nicht nach Eigenschaften ausgesucht, die später evident werden. Haarfarbe, Größe, selbst nach Geschlecht wird in Deutschland ja nicht ausgesucht. Auch im natürlichen System, wenn ich das so nennen darf, ist es so, dass sich nicht jeder Embryo zum Kind entwickelt."

Heike Czarnetzki: "Malte, hast du mir noch mal ein scharfes Messer bitte?"

Malte Czarnetzki: "Ja"…

Es ist spät geworden, in Oberboihingen bereiten Heike, Pascale und Malte Czarnetzki das Abendessen vor.

Palscale Czarnetzki: "Und nimmst du noch mal die Oliven raus?"

Sie kommen am Esstisch zusammen, ein zentraler Ort, an dem Zeit miteinander verbracht und geredet wird.

Bernard: "Wir wissen ja, Ende der 70er und 80er Jahre gab es noch unzählige Aufsätze, dass die Familie stirbt, zeigt sich daran, dass man nicht mehr zusammen isst."

Kulturwissenschaftler Andreas Bernard. – Aber?

Bernard: "Wenn man wie ich recherchiert hat bei solchen Familien, dann fiel mir immer auf, welche irrsinnige Bedeutung das Essen hat. Und alle sitzen immer zweimal am Tag zusammen und man isst und reicht sich die Salatschüssel und bricht das Brot etc. Also an solchen symbolischen Sphären kann man sehen, wie genau diese bürgerlichen Insignien des Familiären wieder stark gemacht worden sind."

Bernard: "Die Reproduktionstechnologien und die Menschen, die sie in Anspruch nehmen, haben der Familie aus der Patsche geholfen."

Membrez: "Das ist vielleicht das beste Argument: Ich bin da, ich lebe. Und ..meine Eltern haben mich wirklich gewollt. Und ich spüre das natürlich auch in der Beziehung, die ich mit denen habe. Also früher als Kind vielleicht noch mehr als heute. Ja, ist sehr nah, ja."

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