Seit 23:05 Uhr Fazit

Mittwoch, 13.11.2019
 
Seit 23:05 Uhr Fazit

Lesart / Archiv | Beitrag vom 05.09.2010

Die arabischen Radioprogramme der Nazis

Jeffrey Herf: "Nazi Propaganda for the Arab World", Yale University Press, New Haven/London, 2009

Rezensiert von Tobias Korenke

Podcast abonnieren
Hitler gab sich größte Mühe, Araber und Muslime im Nahen Osten und in Nordafrika zu umwerben - und hatte Erfolg. (AP)
Hitler gab sich größte Mühe, Araber und Muslime im Nahen Osten und in Nordafrika zu umwerben - und hatte Erfolg. (AP)

Von der NS-Propaganda im arabischen Raum zeichnet Jeffrey Herf ein völlig neues Bild. Er zeigt, dass es den Nationalsozialisten um mehr ging als um das Gewinnen von Bündnispartnern im Krieg gegen Engländer und Amerikaner. Sie wollten vor allem ihre antisemitische Grundposition verbreiten.

Das neue Buch von Jeffrey Herf trifft offenbar einen empfindlichen Nerv. Noch hat sich kein Verlag gefunden, der das jüngste Werk des US-amerikanischen Professors für Zeitgeschichte an der University of Maryland ins Deutsche übersetzen würde.

Auf einschlägigen Web-Sites liefern sich deutsche Israel-Sympathisanten und Palästinenser-Freunde jedoch bereits erbitterte Gefechte. Dabei geht es letztlich um die Frage, wie stark nationalsozialistische und faschistische Ideologien – und hier insbesondere die Judenfeindschaft – das Denken und Handeln heutiger Islamisten prägen.

Dass sich das NS-Regime während des Zweiten Weltkrieges und des Holocaust größte Mühe gab, Araber und Muslime im Nahen Osten und in Nordafrika zu umwerben, ist bekannt. Dass diese Anstrengungen durchaus erfolgreich waren, auch: Die Tatsache einer wesentlichen islamistischen und arabisch-nationalistischen Kollaboration mit Nazideutschland ist mittlerweile unwiderlegbar bewiesen. Ein prominentes Beispiel dafür ist die enge Beziehung zwischen NS-Größen und dem Mufti von Jerusalem, Mohammed Amin el-Husseini, die inzwischen in zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten gut dokumentiert ist.

Von den Zielsetzungen der NS-Propaganda im arabischen Raum zeichnet Jeffrey Herf ein völlig neues Bild. In einer brillanten Analyse zeigt er, dass es den Nationalsozialisten um mehr ging als um das Gewinnen von Bündnispartnern im Krieg gegen Engländer und Amerikaner. Wir haben es hier nicht nur mit einer "antiimperialistischen", gegen die Westmächte gerichteten Agitationsvariante an Muslime und muslimische Nationen zu tun. Vielmehr ging es darum, die NS-Ideologie zu verbreiten, vor allem ihre antisemitische, auf Vernichtung zielende Grundposition.

"Für Hitler war die Ausdehnung der 'Endlösung' auf Territorien außerhalb Europas ein 'logisches' Ergebnis seiner Vorstellung, dass eine internationale jüdische Verschwörung Krieg gegen das Dritte Reich führe. Wenn das so war, dann durfte der Gegenangriff, also die 'Endlösung' nicht weniger international sein."


Cover: Jeffrey Herf: "Nazi Propaganda for the Arab World" (Yale University Press)Cover: Jeffrey Herf: "Nazi Propaganda for the Arab World" (Yale University Press) Die wichtigsten Quellen, auf die Herf seine Untersuchung stützt, sind die speziell für die arabische Welt konzipierten Radioprogramme, die ein deutscher Kurzwellensender vom Herbst 1939 bis zum März 1945 sieben Tage und Nächte in der Woche brachte. Gerade hier wird deutlich, dass die arabischsprachige Propaganda des Dritten Reiches die konventionelle militärische Strategie der Achsenmächte kommunikativ unterfütterte und der Anstachelung diente zu einem "Krieg" gegen die zivile jüdische Bevölkerung, vergleichbar den in Europa geführten Vernichtungsfeldzügen.

Geschickt verzahnten die Programm-Macher – Journalisten aus dem Propagandaministerium und arabische Exilanten – die nationalsozialistische Ideologie mit Strömungen des radikalen arabischen Nationalismus und des radikalen Islamismus. "Mein Kampf" spielte dabei eine geringere Rolle als der Koran.

Herf weist nach, dass die NS-Propaganda an judenfeindliche Elemente in der islamischen Überlieferung anknüpfen konnte. Und er zeigt, wie die Agitation ein bisher im Islam unbekanntes Bild einführte: das Bild des mächtigen, die Weltherrschaft anstrebenden bösen Juden. In einer Radiosendung vom 19.Mai 1943 heißt es:

"Die Juden können nicht als eine Rasse wie die Araber oder die Arier angesehen werden. Die arischen Führer haben diese Tatsache erkannt und folglich die Juden bekämpft (…) Was Deutschland betrifft, so ist es auf den Kampf gegen die jüdische Gefahr eingeschworen (…) Die Araber sind auf dem Wege, die jüdische Bedrohung zu beseitigen. Wie groß auch die Hindernisse sein mögen, wie lange es auch dauern mag, die Araber werden ihr Ziel erreichen."

Bei vielen Dokumenten, die Herf ausgräbt, stockt dem Leser der Atem. So sehr gleichen Inhalt, Sprache und Tonalität jenen Pamphleten, die heute regierungsamtlich im Iran oder in Hamas-Kreisen kursieren. Kommt uns die Passage aus einem am 4. März 1944 gesendeten Programm nicht allzu bekannt vor?

"Araber! Erhebt Euch wie ein Mann und kämpft für Eure heiligen Rechte. Tötet die Juden, wo immer Ihr sie findet. Das gefällt Gott, der Geschichte und der Religion. Es dient Eurer Ehre. Gott ist mit Euch."

Herf arbeitet viel zu präzise und zu gewissenhaft, um eine grobe Kontinuitätslinie von der Nazi-Propaganda zur Agitation heutiger Islamisten zu ziehen. Weil er selbst keine arabischen und persischen Quellen lesen kann und weil viele relevante Archive im arabischen Raum nicht zugänglich sind, lässt er sich auch nicht zu eindeutigen Aussagen zur Rezeption der NS-Propaganda hinreißen.

Obwohl viele Indizien vermuten lassen, dass die Radioprogramme, die flankiert wurden durch breit angelegte Flugblattaktionen, einen großen Hörerkreis hatten. Gerade weil in der arabischsprachigen Welt eine kritische Reflektion der Kollaboration mit dem nationalsozialistischen Deutschland bisher nicht stattgefunden hat, ist aber natürlich zu fragen, welche Wirkung die NS-Propaganda hatte. Herf konstatiert:

"Hier geht es um ein wichtiges Kapitel der politischen, intellektuellen und kulturellen Geschichte des Nationalsozialismus im Zweiten Weltkrieg und auch um ein Kapitel in der Geschichte der radikalen islamistischen Ideologie und Politik, die nach Kriegsende nicht einfach verschwanden."

Es ist klar, dass angesichts der Forschungslage nicht abschließend über den Einfluss nationalsozialistischer und faschistischer Ideen auf den modernen Islamismus geurteilt werden kann. Niemand weiß das besser als der Autor selbst. Er versteht sein Buch als Ausgangspunkt für weitere wissenschaftliche Arbeiten. Jeffrey Herf hat dafür ein ausgezeichnetes Fundament gelegt. Ein wichtiger Beitrag zu einer längst überfälligen Debatte.


Jeffrey Herf: Nazi Propaganda for the Arab World
Yale University Press, New Haven/London 2009

Lesart

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur