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Interview / Archiv | Beitrag vom 26.02.2015

Deutschland und der Kolonialismus"Die Untaten unserer Urgroßväter"

Filmemacher Martin Baer im Gespräch mit Korbinian Frenzel

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Eine Mine im Kongo, in der unter anderem Coltan geschürft wird. Um diese Rohstoffe gibt es immer wieder kriegerische Auseinandersetzungen in dem Land.  (JUNIOR D. KANNAH / AFP)
Ehemaliges Kolonialland Kongo: Arbeiter einer Mine, in der unter anderem Coltan geschürft wird. (JUNIOR D. KANNAH / AFP)

Der Kolonialismus in Afrika ist für Deutschland ein düsteres Kapitel. Doch eine Auseinandersetzung damit hat nie statt gefunden. Der Filmemacher Martin Baer, der das Deutsche Reich und seine Kolonien in Dokumentarfilmen thematisierte, meint, nach der Verarbeitung des Nationalsozialismus denken viele: "Das brauchen wir jetzt nicht auch noch."

 Heute vor 130 Jahren endete in Berlin eine international besetzte politische Runde: Sie hatte die sogenannte 'Kongo-Akte' geschmiedet. Zu Markte getragen wurden der freie Handel an Kongo und Niger sowie die Abschaffung der Sklaverei in Afrika. Eher kleingedruckt wurde ein großer Teil Afrikas unter den USA, dem osmanischen Reich und Europa aufgeteilt - mit Grenzen, die bis heute gelten. Deutschland etablierte sich als Kolonialmacht in Teilen des heutigen Namibia, Togo, Kamerun, Kenia, Tansania, Burundi und Ruanda.

Ein unrühmliches Kapitel. Dennoch hat es in der deutschen Öffentlichkeit kaum eine Auseinandersetzung mit dem deutschen Kolonialismus stattgefunden. Der Filmemacher Martin Baer ist einer der wenigen, die dieses Kapitel der deutschen Geschichte in Büchern oder Filmen behandeln. "Befreien Sie Afrika", "Weiße Geister - der Kolonialkrieg gegen die Herero", "Kinshasa-Symphony" - so heißen einige seiner Dokumentationen.  

Kein Interesse an einer Aufarbeitung

"Ich denke, dass wir Deutschen kein großes Interesse hatten, uns auch noch mit den Untaten unserer Urgroßväter zu beschäftigen....Weil jeder weiß, dass das nicht gerade erfreulich ist." Nach der Aufarbeitung und Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus "hatte man hierzulande wirklich das Gefühl: Das brauchen wir nicht auch noch zu machen." Das Argument sei häufig: Es seien ja "nur 30 Jahre" gewesen, in denen Deutschland als Kolonialherr auftrat. Doch 30 Jahre seien eine komplett Generation.

Auffällig sei immer wieder, das junge Afrikaner aus den ehemals unter deutscher Kolonialherrschaft stehenden Ländern viel neugieriger auf Deutschland seien und viel besser informiert über die Geschichte als umgekehrt.


 

Das Interview im Wortlaut:

Moderator: Minsk I, Minsk II, das sind so große Konferenzen, die uns aktuell beschäftigen. Es gibt andere große Konferenzen, wir alle kennen die Konferenz von Jalta, die wichtige Linien bezogen hat. Es gibt aber auch Konferenzen, die heutzutage zumindest nicht mehr so bekannt sind. Eine Konferenz, die unter dem Titel Kongo-Konferenz firmiert, vor 130 Jahren fand sie statt, oder um genau zu sein, vor 130 Jahren endete sie in Berlin, auf Einladung von Bismarck hat sie stattgefunden. Darüber sprechen wir jetzt, ich freue mich, Martin Baer begrüßen zu können. Er ist Filmemacher und häufig in Afrika unterwegs. Einen schönen guten Morgen!

Martin Baer: Guten Morgen!

Moderator: Worum ging es, was wurde beschlossen?

Baer: Die Idee zu dieser Konferenz stammt wahrscheinlich von Leopold II, dem König von Belgien, der einen Weg sah, sich als Vertreter oder als Oberhaupt eines doch kleinen und relativ im kolonialen Wettstreit unbedeutenden Landes in Afrika sozusagen mit an den Tisch zu setzen und den Großmächten, den Franzosen und den Briten, aber auch den Deutschen etwas von der erwarteten Beute in Afrika streitig zu machen. Er regte diese Konferenz an, Bismarck ergriff die Chance, das Deutsche Reich zum Gastgeber dieses Treffens zu machen und damit auch einige andere politische Vorhaben zu verwirklichen. Die Belgier oder Leopold II konnte sich ein riesiges Stück Afrikas, man kann wohl sagen: einverleiben, nämlich das Kongobecken.

Das sollte frei von kolonialen Bestrebungen bleiben, das sollte eine Freihandelszone werden. Angeblich sollten da aus humanitären Gründen dann auch Sklavenhandel und so weiter eingedämmt werden. Und das wurde Privatbesitz des belgischen Königs, der hat das 20 Jahre lang mit grauenhaften Mitteln verwaltet, dass selbst die belgische Regierung ihm dann irgendwann die Oberherrschaft über den Kongo aberkannt hat. Das wurde sozusagen enteignet. Das war der Erfolg für Leopold. Der Erfolg für Bismarck war, dass er überhaupt diese Konferenz erfolgreich zum Abschluss bringen konnte. Bismarck war dann der ehrliche Makler zwischen diesen ... Also, der auch ein bisschen zum Ausgleich beitragen konnte. Man musste sich ja auch wegen des gewonnenen Krieges gegen Frankreich 1870/1871 ein bisschen gutstellen mit den Nachbarn. Und außerdem war damit klar, dass die ... Immerhin gab es ja zu diesem Zeitpunkt schon deutsche Besitzungen in Afrika oder zumindest Bestrebungen, deutsche Kolonien einzurichten, die waren damit sozusagen ohne großes weiteres politisches Tauziehen anerkannt.

Die alten Grenzen aus der Kolonialzeit

Moderator: Sie haben in vielen Filmen sich mit Afrika und auch mit dieser Geschichte beschäftigt. "Kinshasa Symphony" ist einer, "Weisse Geister", "Der Kolonialkrieg gegen die Herero" ein anderer. Das liegt nun 130 Jahre zurück, vieles dieser Kolonialgeschichte liegt weit zurück. Wenn Sie auf das Afrika heute schauen, so wie Sie das getan haben, wie stark sind diese kolonialen Linien im echten Sinne – also, die Grenzziehung, darüber haben wir gesprochen, aber auch im übertragenen Sinne – noch da?

Baer: Fast jede Grenze auf dem afrikanischen Kontinent lässt sich mehr oder weniger auf die Vereinbarung der Kolonialmächte oder auf die Kriege zwischen den Kolonialmächten zurückführen. Aber was man heute auch noch über dieses Politische oder Geografische hinaus feststellen kann, wenn man nach Afrika reist: Sie kommen da als Deutscher in Kontakt mit Menschen, die über Ihre Geschichte oft sehr viel besser Bescheid wissen, als wir vielleicht über afrikanische Geschichte Bescheid wissen. Das liegt nahe. Viele wissen, dass vor 130 Jahren eben etwas hier abgelaufen ist, was das Schicksal ihrer Länder, aber auch bis heute das Schicksal der Menschen, die dort leben, stark beeinflusst. Und spätestens an der Stelle wird einem doch als Besucher aus Europa oder aus Deutschland bewusst: Vielleicht empfiehlt es sich, ein bisschen was darüber zu wissen!

Moderator: Das Interessante ist ja: Gerade wenn wir Deutschland vergleichen mit Frankreich und Großbritannien – wir beschäftigen uns ja ziemlich wenig mit dieser Kolonialgeschichte –, da ist die naheliegende Antwort, dass unsere Kolonialgeschichte auch sehr früh endete, eigentlich mit dem Ersten Weltkrieg. Aber haben Sie den Eindruck, dass es da auch noch tiefer liegende Gründe gibt?

Baer: Ich denke, dass wir Deutschen kein großes Interesse hatten, uns auch noch mit den Untaten unserer Urgroßväter zu beschäftigen oder der Generation davor, also mit der Kolonialgeschichte, weil jeder weiß, dass das nicht gerade erfreulich ist. Also, so viel wissen die meisten über Kolonialgeschichte. Also das Wort schon, Kolonialgeschichte, also, dass ein Volk ein anderes kolonialisiert und unterdrückt und beherrscht, das ist doch eher unangenehm.

Großes Erstaunen über die Unkenntnis in Deutschland

Also, ich glaube, nach der Erfahrung mit der Aufarbeitung des Nationalsozialismus hatte man hier zulande wirklich das Gefühl, das brauchen wir nicht auch noch zu machen. Und das hört man ja auch heute noch: Wieso, die Deutschen, das war ja nur 30 Jahre! – 30 Jahre ist immerhin eine Generation. Und in der Zeit, in Tansania, im heutigen Tansania oder in Namibia, Togo, Kamerun, da ist vieles geschehen, was für die heutige Zeit auch noch große Bedeutung hat. Was nicht nur in Geschichtsbüchern oder für Akademiker interessant und wichtig und bedeutsam ist, sondern eben auch für die Menschen, die da heute noch leben. Es gibt in Kamerun und Togo und auch in den anderen ehemaligen deutschen Kolonien viele, die aus echtem Interesse gerade deswegen Deutsch, die wollen Deutsch lernen, die studieren deutsche Sprache, deutsche Geschichte, die interessieren sich dafür. Die sind, gelinde gesagt, erstaunt, wenn die dann mal mit Deutschen in Berührung kommen und erfahren, dass wir manchmal gar nicht wissen, ach, Kamerun, das war mal deutsche Kolonie?

Moderator: Was folgt daraus für Sie politisch?

Baer: Für mich bedeutet das, dass die Globalisierung, über die hier heute alle reden und vor der viele erschrecken oder mit der viele negative Folgen für unser Land verbinden, die hat in anderen Teilen der Welt viel, viel, viel früher angefangen. Also, jemand, der heute in Afrika lebt, der kann sagen: Die Globalisierung ist über diese Menschen, diese Völker und Länder hereingebrochen in vor, sagen wir mal, 130 Jahren. Und wurde beschlossen hier in Europa, hier in Berlin, in Deutschland. Die Menschen damals haben sich wahrscheinlich auch gefragt: Was wollten diese ganzen Europäer hier bei uns in Afrika? So wie hier heute viele fragen: Was wollen denn die ganzen Afrikaner, die hier Asyl oder Zuflucht oder Arbeit suchen? Na ja, das ist nicht so viel anders. Früher waren es die Ressourcen Öl oder Gold oder Elfenbein, und heute ist es die Ressource Arbeit oder Bildung.

Moderator: Heute vor 130 Jahren endete die Kongo-Konferenz in Berlin. Martin Baer, der Filmemacher, war hier zu Gast. Vielen Dank für das Gespräch!

Baer: Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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