Lesart / Archiv 04.06.2015

Deutsches Literaturarchiv Marbach"Wir können keinen Ruhm verteilen"Ulrich Raulff im Gespräch mit Joachim Scholl

Direktor Ulrich Raulff in einer Ausstellung des Deutschen Literaturarchivs in Marbach, aufgenommen am 2.5.2011. (picture-alliance / dpa / Thomas Niedermüller)Direktor Ulrich Raulff in einer Ausstellung des Deutschen Literaturarchivs in Marbach (picture-alliance / dpa / Thomas Niedermüller)

Schon zu Lebzeiten ins Deutsche Literaturarchiv Marbach - das wünscht sich wohl mancher Schriftsteller. Doch diesen Platz gibt es nicht für alle: Archivdirektor Ulrich Raulff erzählt, wie das Literaturarchiv von der Eitelkeit der Autoren profitieren kann.

Schriftsteller und Wissenschaftler können dem Deutschen Literaturarchiv Marbach bereits zu Lebzeiten ihr Material übergeben: als sogenannten "Vorlass". Das haben zum Beispiel Hans-Magnus Enzensberger, Martin Walser, Gabriele Wohmann, Durs Grünbein oder der Kunsthistoriker Horst Bredekamp schon getan.

Mittlerweile befänden sich in Marbach rund 100 solcher Vorlässe, sagte Archivdirektor Ulrich Raulff im Deutschlandradio Kultur. Die Archive der Schriftsteller würden allerdings meist noch ungeordnet in Marbach eintreffen:

"Die überlassen das gerne uns. Das machen dann die Bibliothekare, die Archivare. Sie machen das nach einem ganz bestimmten Reglement, so dass man die Sachen dann also auch möglichst schnell wiederfindet."

Ein Platz zwischen bewunderten Autoren 

Welche Motivation haben Vorlass-Stifter - ist es Platzbedarf, Geldbedarf oder etwa nur Ruhmbedarf? Der Wunsch nach Ruhm könne vielleicht ein Grund sein, sagte  Raulff, gab aber zu bedenken:

"Das klingt immer so großsprecherisch. Als wenn wir nun also mit vollen Händen Ruhm verteilen könnten. Das können wir nicht. Aber manch einer, der vielleicht zu Lebzeiten den wohlverdienten Büchner-Preis nicht bekommen hat, empfindet das dann durchaus als Auszeichnung, zwischen lauter bewunderten Autoren irgendwann seine Papiere in Marbach zu wissen."

Der Autor wird auch angelockt

Man profitiere durchaus von der Eitelkeit der Schriftsteller, sich schon zu Lebzeiten zu historisieren, meinte Raulff. So spiele das Deutsche Literaturarchiv Marbach auch eine gewisse Rolle bei der Kanonbildung. Manche Autoren würden gezielt angesprochen werden:

"Wir gehen auch auf Leute zu. Und laden sie zunächst zu Lesungen nach Marbach ein. Und dann zeigen wir ihnen unser Archiv. Machen sie damit vertraut. So wie der routinierte Angler den Fisch erst einmal anlockt, so locken wir den Autor und den erhofften Bestandsbildner an. Und wenn er das dann als attraktiv findet, dann stellen wir ihm irgendwann die Gretchenfrage."

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