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Lesart / Archiv | Beitrag vom 02.02.2015

Deutsche LiteraturTerroristen als Mörder und Helden

Michael König im Gespräch mit Sigrid Brinkmann

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Passanten laufen an einer Leinwand vorbei. Zu sehen ist der Bericht über die Ermordung des japanischen Journalisten Kenji Goto. (AFP / Toru Yamanaka)
Journalist und Terroropfer: Der Japaner Kenji Goto wurde von IS-Kämpfern ermordet. (AFP / Toru Yamanaka)

Es vergeht inzwischen kaum ein Tag, an dem die Medien nicht über einen neuen Terroranschlag berichten. Woher kommt die entgrenzte Gewalt? Der Germanist Michael König hat in der deutschen Literatur nach Antworten gesucht.

Vollbesetzte Flugzeuge, die in Hochhäuser fliegen, unschuldige Menschen, die auf Marktplätzen in die Luft gesprengt, Geiseln, die enthauptet werden: Solche Ereignisse machen uns fassungslos. Soziologische und kulturelle Erklärungsmuster helfen nicht wirklich, die Taten zu verstehen, und auch psychologische Analysen der Täter offenbaren allenfalls die halbe Wahrheit. Die Frage, was Menschen zu grausamen Attentätern werden lässt, wird wohl nie ganz zu enträtseln sein.

Alle suchen nach Antworten, doch der Terrorakt ist nicht verstehbar

Dennoch hat sich auch die Literatur mit dem Phänomen des Terrors beschäftigt und versucht, ihre eigenen Antworten zu finden. Ist ihr das gelungen? Im Grunde nein, sagt der Germanist Michael König, der gerade das Buch "Poetik des Terrors" vorgelegt hat. Denn der Terrorakt sei letztlich nicht nachvollziehbar. Die Literatur erschließe den Terror mit Fakten, die Protagonisten der Geschichten kämen oft aus dem Journalismus – und doch bleibe ein nicht zu ergründender Rest zurück.

Für sein Buch hat König 20 Texte untersucht – so beispielsweise Ulrike Draesners Roman "Spiele" – und mit elf Autoren lange Interviews geführt. Allen Texten merke man an, dass die Autoren die Attentäter verstehen wollten, meint er. Die Texte hätten zudem eine spezifisch deutsche Perspektive auf den Terror. Trotz der allgegenwärtigen Gotteskrieger im Namen Allahs beschäftigen sich deutsche Literaten noch immer gern mit der RAF. Überraschend fand König, dass die Autoren die entgrenzte, brutale Gewalt nicht als Spektakel ausschlachten – Gewalt finde in den Romanen trotz des Terrors als Thema relativ wenig statt.

Als literarische Figuren sind Terroristen Mörder - und Helden

Als Hauptpersonen in Romanen, Krimis und Thrillern sind Terroristen Mörder, aber auch Helden. "Sie sind als literarische Figuren interessant, weil sie diesen letzten Schritt zum Akt der Gewalt wagen", sagt König. Terroristen sind bereit, für ihre Überzeugung alles in Kauf zu nehmen, den Verlust des eigenen Lebens inclusive. Das sei in unsere Kultur nicht integrierbar, so König: Damit könnten wir einfach nicht fertig werden.

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Literatur-Zeitschrift "Spuren" - Sartre in Stammheim
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 28.11.2013)

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