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Sein und Streit | Beitrag vom 19.08.2018

Deutsche Identität: Thea Dorn vs. Max CzollekAufgeklärter Patriotismus oder Desintegration?

Moderation: Simone Miller

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Thea Dorn und Max Czollek (picture/alliance/dpa/Foto: Frank Pusch / imago/Rolf Zöllner)
Die Schriftstellerin Thea Dorn und der Essayist Max Czollek (picture/alliance/dpa/Foto: Frank Pusch / imago/Rolf Zöllner)

Was ist deutsch? Woran machen wir das fest? Und wer entscheidet darüber, wer dazu gehört? Die Publizistin Thea Dorn und der Lyriker Max Czollek streiten über Identitätsfragen angesichts konservativer Rufe nach "Volk", "Heimat" und "Nation".

"Dürfen wir unser Land lieben? Dürfen wir es gar ‚Heimat‘ nennen?" So fragt die Schriftstellerin Thea Dorn in ihrem Buch "deutsch, nicht dumpf". In jüngster Zeit stehen solche Fragen wieder weit oben auf der politischen Agenda. Innenminister Horst Seehofer machte die Sorge um die "Heimat" sogar zum Auftrag seines Ministeriums. Worauf könnte sich eine deutsche Heimatliebe beziehen, ohne in Nationalismus umzuschlagen, fragt sich Dorn. Während konservative und rechte Politiker und Publizisten ein neues deutsches Selbstbewusstsein propagieren, indem sie Minderheiten ausgrenzen, plädiert Thea Dorn für einen "aufgeklärten Patriotismus".

Ein positiver Bezug auf das eigene Land

Dorn: "Mir liegt alles daran zu zeigen, dass ich einen kulturellen Begriff vom Deutschen retten kann, ohne in diesen verdammten Sumpf des Völkischen zu verfallen. Die Leute brauchen ein vernünftiges, ruhiges Selbstbewusstsein. Und für mich gehört dazu auch ein positiver Bezug auf das eigene Land, in dem man lebt."

Der Lyriker und Essayist Max Czollek kritisiert dagegen, Minderheiten in Deutschland würden heute in eine bestimmte Rolle gezwängt: Sie sollten immerzu bestätigen, dass Deutschland eine offene Gesellschaft sei. Diese Art und Weise, Minderheiten in den Dienst zu nehmen, um eine fragwürdigen "Läuterung" der Deutschen zu inszenieren, sei problematisch.

"Integrations-Theater"

Zum einen würden dadurch Kontinuitäten völkischen Denkens in den Hintergrund geraten. Zum anderen verstelle dieses "Integrationstheater" den Blick auf die innere Vielstimmigkeit der Minderheiten. Ohnehin sei die deutsche Gegenwartskultur so divers, dass sie jegliche Phantasien von "ethnischer Homogenität" ad absurdum führe.

Thea Dorn und Max Czollek im Berliner Funkhaus (Deutschlandradio / Sarah Elsing)Thea Dorn und Max Czollek im Berliner Funkhaus (Deutschlandradio / Sarah Elsing)
"Die ist so hochgradig geprägt durch unterschiedliche Perspektiven und unterschiedliche Narrative und wird auch nur dadurch wirklich interessant, dass es für mich überhaupt keinen Mehrwert mehr hat, von sowas wie ‚Leitkultur‘ zu sprechen, und auch wie eine Anmaßung scheint, sowas wie ‚Integration‘ zu fordern."

Gemeinsame Werte

Die Rede von einer "deutschen Leitkultur" weist auch Thea Dorn zurück. Kultur sei ein viel zu "unübersichtliches Feld", um daraus eine "Leitfunktion" abzuleiten. Erst recht sei dies nicht Aufgabe der Politik. Sie erinnert daran, dass der deutsch-syrische Politologe Bassam Tibi mit dem Begriff "Leitkultur" ursprünglich darauf abzielte, gemeinsame Werte zu definieren, die Einwanderern und Ansässigen in europäischen Gesellschaften einen Orientierungsrahmen bieten. In diesem Sinne vertritt Dorn den Anspruch einer verbindlichen "Leit-Zivilität":

"Ich kann aus einem Respekt für die Würde des Individuums, des Einzelnen, das, was sich in der westlichen Welt in den letzten Jahrhunderten herausgebildet hat, daraus kann ich für mich so etwas wie eine Leit-Zivilität ableiten, und die muss nach meiner Ansicht in westlichen Gesellschaften von allen eingehalten werden."

Gesellschaftliche Vielfalt

Czollek hingegen warnt in seiner Streitschrift "Desintegriert Euch!" vor einem positiven Nationalismus, der "kultureller Dominanz" Vorschub leiste und plädiert für radikale gesellschaftliche Vielfalt:

"Es ist nicht in Ordnung, wenn ein bestimmter Teil der Gesellschaft darüber entscheidet, wer sich zu integrieren, also anzupassen hat. Desintegration heißt: Die Menschen, die in Deutschland sind, definieren das, was Deutschland zu einem bestimmten Zeitpunkt X ist"

Wäre es denn in Ordnung, wenn muslimische Eltern bestimmen, wer der Ehemann ihrer Tochter sein soll, hakt Dorn nach? "Nein, andersherum wird ein Schuh daraus", antwortet Czollek: "In dem Moment, wo das passiert ist das noch keine Grundlage dafür, die Leute von der Zugehörigkeit zu Deutschland auszuschließen, aber das ist, was de facto passiert."

Auf welches kulturelle und politische Erbe könnte sich ein "aufgeklärter Patriotismus" stützen? Und wie kann gesellschaftlicher Zusammenhalt jenseits der Idee von einer zentralen kulturellen Identität gedacht werden? Auch darüber haben wir mit Thea Dorn und Max Czollek diskutiert.

Literatur zum Thema:

Thea Dorn: Deutsch, nicht dumpf. Ein Leitfaden für aufgeklärte Patrioten
Knaus, München 2018, 336 Seiten, 24 Euro

Max Czollek: Desintegriert Euch!
Hanser, München 2018, 208 Seiten, 18 Euro

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