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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 05.02.2020

Deutsch-SüdwestafrikaDeutschlands fast vergessene Kolonialgeschichte

Von Michael Hollenbach

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Menschen auf Pferden mit Flaggen: Nachkommen der Herero gedenken der Opfer des Völkermordes durch die Deutschen. (dpa / Jürgen Bätz)
Nachkommen der Herero haben sich am Rand der Omaheke-Wüste in Namibia versammelt, um den Opfern des Völkermordes durch die Deutschen zu gedenken. (dpa / Jürgen Bätz)

Die Geschichte des deutschen Kolonialismus in Namibia ist kurz, aber grausam: Zehntausende Herero und Nama wurden von deutschen Truppen während der Kolonialzeit in Namibia getötet.

Es ist kein Zufall, dass gerade Südwestafrika zunächst zum sogenannten deutschen "Schutzgebiet" und ab 1884 Kolonie wurde. Denn schon seit den 1830er-Jahren waren hier fromme Christen der Rheinischen Missionsgesellschaft unterwegs. 

"Die Missionare haben eine besondere Rolle, weil das Konzept der Mission ein Schlüsselkonzept dieser Kolonialideologie war, die ja zur Rechtfertigung eingesetzt wurde, wieso man überhaupt kolonisieren durfte", erläutert der Hamburger Historiker und Kolonialismusforscher Jürgen Zimmerer.

"Es ist die Zwangsmissionierung der sogenannten Heiden. Das wird dann später säkularisiert und durch eine Rassenideologie ersetzt, die wieder sagt: Wir sind die überlegende Rasse und deshalb dürfen wir in fremde Länder gehen und nehmen, was wir wollen, ohne dass wir eingeladen wurden."

Missionierung als Schlüsselkonzept der Kolonisation

Vor Ort fungieren die Missionare als Brückenköpfe. Sie sind – so Zimmerer – "Agenten der späteren kolonialen Durchdringung Südwestafrikas". Die eigentliche Kolonialgeschichte beginnt, als der Bremer Tabakhändler Adolf Lüderitz die später nach ihm benannte Bucht sowie fünf Meilen Hinterland vom Volk der Nama kauft.

"Als Lüderitz sich dieses Gebiet angeeignet hat, war bei ihm der ursprüngliche Impuls, Gold und Diamanten zu finden", berichtet Brigitte Reinwald, Professorin für Afrikanische Geschichte an der Universität Hannover. Das Deutsche Reich nutzte den Landkauf. Reichskanzler Otto von Bismarck erklärte am 24. April 1884, "Lüderitzland" stehe ab sofort unter dem Schutz des Deutschen Reiches.

"Es ist niemandem entgangen, dass es sich hier um eine Sandwüste handelte, also um ein großes Land, eineinhalb Mal so groß wie das Deutsche Reich, sehr dünn besiedelt, 200.000 Menschen, die oft nicht sichtbar waren, weil es sich hier um Viehhalter handelte, die über große Strecken ihr Vieh geweidet haben."

200.000 Menschen. Das waren vor allem 80.000 Herero, 60.000 Owambo, 35.000 Damara und 20.000 Nama, die sogenannten Hottentotten. Und anfangs nur wenige deutsche Siedler. Bis 1915 stieg deren Zahl auf rund 12.000.

"Dieses Gebiet eignete sich in allererster Linie als deutsche Siedlungskolonie, zum zweiten für Viehzucht, und dafür war der Blick auf die großen Rinderherden der Herero verantwortlich."

Verfechter der "Lebensraum-Ideologie"

In Berlin rangen um die Jahrhundertwende zwei politische Strömungen um die Ausrichtung der Kolonialpolitik: Die "Wirtschaftskolonisten", die sich ab 1907 durchsetzen konnten, forderten eine Steigerung der Rentabilität und eine Modernisierung des Arbeitspotenzials der Kolonien.

Doch zunächst dominierten die Verfechter einer "Lebensraum-Ideologie": Sie sahen – unter anderem durch Auswanderungen in die USA – die "deutsche Nationalkultur" in Gefahr und propagierten Siedlungskolonien in "Neu-Deutschland", wie man Südwestafrika nannte. Dort erhielten deutsche Siedler seit Mitte der 1880er-Jahre Ländereien, die man den Herero und Nama "abgekauft" hatte.

"Wobei – hier muss man problematisieren: Bei den Herero und den Nama gab es keinen privaten Besitz an Land, und das bedeutete, dass die Transaktionen in einer Grauzone stattfanden, dass man da verhandelte, um etwas, was seitens der Landgeber nicht in denselben Rechtstermini verstanden wurde."

Zugleich versuchten Organisationen wie die Deutsche Kolonialgesellschaft, Interesse an den Kolonien in Afrika zu wecken.

"In der Regel begann das mit den Hagenbeckschen Völkerschauen, dann kam die Phase der sogenannten Kolonialausstellungen, darunter die erste deutsche Kolonialausstellung in Berlin im Treptower Park 1896."

Dort wurden auch Nama und Herero vorgeführt, die in Schaukämpfen mit ihren Speeren antraten. 

Rinderpest und Heuschreckenplage

In Deutsch-Südwestafrika verschlimmerte sich die Situation vor allem der Herero dramatisch. Sie wurden zum Eisenbahnbau gezwungen sowie von den deutschen Siedlern von ihren traditionellen Weideflächen immer mehr zurückgedrängt. Eine auch durch die Kolonialpolitik bedingte Rinderpest vernichtete 1897 75 Prozent ihres Tierbestandes. Dazu kam wenige Jahre später noch eine Heuschreckenplage.

"Das bedeutet, dass ab diesem Zeitpunkt mussten diejenigen, die zuvor eigenständige Viehherden hatten, sich nun als Landarbeiter verdingen und hatten nun einen Knecht-Status. Das hat einen enormen Statusverlust und eine tiefempfundene Not hervorgerufen."

Die Folge: der sogenannte Herero-Aufstand im Januar 1904. Die Reichsregierung entsandte im Sommer 1904 den für seine Brutalität berüchtigten Generalleutnant Lothar von Trotha als neuen Oberbefehlshaber nach Deutsch-Südwest.

"Ab diesem Zeitpunkt ist es von einem Krieg mit ungleichen Waffen zu einem bewusst geführten Unterwerfungs- oder Vernichtungskrieg geworden."

Der mörderische General von Trotha

Am 2. Oktober veröffentlicht von Trotha einen Aufruf an das Volk der Herero: "Ich, der große General der deutschen Soldaten, sende diesen Brief an das Volk der Herero. Die Hereros sind nicht mehr deutsche Untertanen. Innerhalb der Deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen."

Die Folge ist der erste Genozid des 20. Jahrhunderts. Bis 1908 sterben 80.000 Herero und Nama. Auf der Seite der Deutschen 1400 Siedler. Danach wird das Land für die Kolonialmacht wirtschaftlich interessant, berichtet Brigitte Reinwald.

"1908 hat man im größeren Umfang Diamanten gefunden. Das hat dann auch zum ersten Mal Privatinvestoren angezogen, also Menschen, die dachten, hier gehe es um Land, auf dem man schnell reich werden kann."

Bis 1914 wurden Diamanten im Wert von 150 Millionen Reichsmark gefördert. Dann beginnt in Europa der Erste Weltkrieg. Truppen der mit England alliierten Südafrikanische Union besetzen bereits im Herbst 1914 die Lüderitzbucht. Im Sommer 1915 kapituliert das deutsche Militär in Südwestafrika. Formell endet die Geschichte der Kolonie Deutsch-Südwestafrika mit dem Versailler Friedensvertrag vom 28. Juni 1919.

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