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Literatur | Beitrag vom 03.05.2020

Der weiße Pfad Wie sich die Welt mit dem Buch bereisen lässt

Von Norbert Hummelt

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(Unsplash / Kourosh Qaffari)
"Jedes neue Buch ist ein Aufbruch", schreibt der Lyriker und Autor Norbert Hummelt. (Unsplash / Kourosh Qaffari)

Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen. Wer keine Reise tut, lässt Hut und Stock, wo sie sind – und greift zur Lektüre. Reisebeschreibungen gibt es seit jeher. Und wer sich was erzählen lässt, erlebt auch was.

Auf den Weg macht sich nicht nur die Reisende, auch der Lesende. "Jedes neue Buch ist ein Aufbruch", schreibt der Lyriker und Autor Norbert Hummelt in seiner persönlichen Annäherung an literarische Reisebeschreibungen. "Erst einmal steht gar nichts da. Tabula rasa, weißes Blatt, oder leerer Bildschirm. Dann sieht man etwas, geht ein Stück. Trägt erste Spuren ein. Die Reise kann beginnen."

Sie beginnt im Weißen, Leeren - nicht zufällig hat Hummelt sein Feature "Der weiße Pfad" genannt. Den Briten Robert Macfarlane zitiert er zu Beginn. Macfarlane macht sich von Cambridge aus auf ins Land: "Ich folgte dem Feldweg in ostsüdöstlicher Richtung hinauf zur Kuppe eines langgestreckten Kreidehügels, der im Dunkeln wie ein Walfischrücken glänzte. (…) Diesen Pfad bin ich vermutlich öfter gelaufen als jeden anderen. Es ist ein junger Weg, vielleicht fünfzig Jahre alt, kaum mehr."

Glück des Spurenlesers

Der Weg hat ein jugendliches Alter, und Robert Macfarlane sind alte Pfade lieber. Ihnen geht er nach, zu Fuß, in England und anderswo. Der Reisende, dem Macfarlane die Stimme leiht und der einige Erfahrungen mit Macfarlane teilen dürfte, reist als Spurenleser. Mühelos findet er immer wieder, was es im 21. Jahrhundert, so glauben die meisten, nicht mehr gibt: weiße Flecken, unerforschte Weltgegenden, das nicht auf der Karte oder im Navi Verzeichnete. Nur liegen die weißen Flecken des öfteren nicht im Raum, sondern in der Zeit.

Zuweilen führt ein weißer Pfad zu den weißen Flecken. Es gilt allerdings, ihn zu erkennen:

"An diesem Abend war der Pfad eine graue Schneegasse, die ich bis zu einem mit Birken bewaldeten Hang hinaufging, wo der Lehmboden in blanke Kreide übergeht. Am hinteren Saum des Birkenhains schlüpfte ich durch eine efeubedeckte Lücke auf das vierzig Morgen große freie Feld. Auf den ersten Blick schien das Feld makellos; eine weite Eisfläche. Doch als ich es betrat und querfeldein lief, entdeckte ich mehr und mehr Abdrücke. Zu all den Spuren fügte ich meine hinzu. Der Schnee war erstaunlich gut lesbar." (Alte Wege. Übersetzt von Andreas Jandl und Frank Sievers. Matthes & Seitz Berlin 2016)

Wissen. Sehen. Darüber schreiben. Überschreiben

Macfarlane betrachtet die Welt vor den Toren von Cambridge wie ein Buch – eines, das er liest und im selben Augenblick neu schreibt: erst mit seinen Augen und Füßen, es begehend, dann mit seinen Händen am Schreibtisch, es schildernd, wobei die als Buch gelesene Landschaft wieder zum Buch wird, zu einem neuen und anderen Buch. Im Weißen schießt also allerlei zusammen: die weiße Fläche des Pfades, des Schnees und des Papiers. Das Weiß der Kreideformationen im Süden Englands. Die weißen Klippen von Dover. Die weiße Kreide, mit der an die Tafel geschrieben wird.

Ein Reiseführer ist "Alte Wege" nicht, sein Autor womöglich schon. Das lässt sich von anderen, meint Norbert Hummelt, nicht behaupten. Goethe zum Beispiel findet mit der "Italienischen Reise" keine Gnade vor den Augen seines Erzählers im Feature: "Ich hatte mir dieses Buch völlig anders vorgestellt. Nicht so beschreibungsfaul. Andauernd findet er etwas 'unbeschreiblich' oder behauptet, es lohne sich nicht, näher darauf einzugehen." Weshalb eben dies dann auch nicht beschrieben wird.

Zudem, so Hummelts Erzähler verärgert über den Klassiker, vergesse Goethe an keiner Stelle, dass er Goethe heißt. Auch das bekomme dem Gesehenen und Erlebten nicht. "Man sieht nur, was man weiß", dieser alte Werbespruch der DuMont-Reiseführer, stamme vollkommen zu Recht von niemand anderem als – Goethe. Er lasse sich nämlich nicht ein und sehe vornehmlich, was er zuvor im Baedeker gelesen hat. Dafür hätten Hut und Stock womöglich an ihrem Platz bleiben können.

(pla)

Das Manuskript können Sie hier herunterladen.

Es sprechen: Stephanie Eidt, Bettina Kurth, Tonio Arango, Niklas Korth, Friedhelm Ptok.
Ton: Hermann Leppich.
Regie: Stefanie Lazai.
Redaktion: Jörg Plath.

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