"Der Volksaufstand hatte keine Chance auf Erfolg"

Demonstranten werfen am 17. Juni 1953 in Berlin Steine auf einen sowjetischen Panzer © AP Archiv
Rezensiert von Konstantin Sakkas · 16.06.2013
Zwei Forscher aus der Stasi-Unterlagenbehörde beschäftigen sich in ihren Büchern mit dem "Volksaufstand in der DDR". Sie zeigen: Die Machthaber in Ost-Berlin und Moskau verstanden, dass sich wirtschaftliche Zwangsverwaltung ohne politische und militärische Gewalt nicht lange halten lässt.
Die DDR ist längst Geschichte, aber der "Volksaufstand des 17. Juni" lebt im kollektiven Gedächtnis fort und wirkt fast noch mächtiger nach als die friedliche Revolution von 1989. Immerhin wurde er zum westdeutschen Nationalfeiertag und schien bis zur Wiedervereinigung den Deutschen ein demokratisches, allen gemeinsames und dabei ideologisch unproblematisches Erinnern möglich zu machen – etwas, was sonst nur den westlichen Demokratien gelang, die bis heute über ein Geschichtsbewusstsein verfügen, das die Gegensätze überbrückt.

Ilko-Sascha Kowalczuk bringt es darum auf den Punkt, wenn er den 17. Juni in einen größeren historischen Kontext rückt:

"Der Volksaufstand zählt zu den wenigen revolutionären Massenbewegungen in der deutschen Geschichte, die – die Mainzer Republik einmal außen vor gelassen – von 1848 über 1918/19 bis zu 1989 reichen. Das waren Ereignisse mit ganz unterschiedlichen Zielen, Formen und Erfolgen. Das Jahr 1953 reiht sich in diese Aufzählung ein. Es unterscheidet sich von seinen Vorgängerereignissen dadurch, dass es mit dem Jahr 1989 eine unverhoffte Vollendung fand."

Kowalczuk arbeitet in der Forschungsabteilung der Behörde für die Unterlagen der Staatssicherheit als Historiker. Den 17. Juni zählt er zu den wenigen echten Volksaufständen in der deutschen Geschichte. Er stand in der Tradition jener sozialen Proteste, die weniger politischen Motiven entsprungen sind als wirtschaftlicher Not. Und er ist ein dezidiert ostdeutsches, ja osteuropäisches Ereignis.

Unmittelbar zuvor hatte nämlich das SED-Regime seinen wirtschaftspolitischen Bankrott erklärt, indem es beschloss, die Arbeitsnormen zu erhöhen. Es war daran gescheitert, die DDR auf dem Wege der Kollektivierung in kürzester Zeit lebensfähig zu machen.

Ostdeutschland steckte noch tief in der Mangelwirtschaft der Nachkriegszeit. Aber nicht nur das. Der Tod Stalins und das sogenannte Tauwetter in der Sowjetunion, die ungewisse territoriale Zukunft Deutschlands verunsicherten ebenso wie die soziale Not. Diese Gemengelage schürte eine breite oppositionelle Stimmung, die sich schließlich im Aufstand entlud.

Diese eher tagespolitischen Motive begrenzen denn auch seine Wirkung. Nicht der Staat DDR wurde infrage gestellt, sondern eine Phase, in der er noch unfertig und unterentwickelt war. Jenseits der angeprangerten Missstände fehlten den protestierenden Arbeitern Feindbild und Alternative. Außerdem wusste die Bevölkerung der geballten sowjetischen Militärmacht nichts entgegenzusetzen. Entsprechend nüchtern fällt Ilko-Sascha Kowalczuks Resümee aus:

"Der Volksaufstand hatte auch deshalb keine Chance, erfolgreich zu sein, weil die politische Großwetterlage eine Veränderung des Status quo weder vorsah noch zuließ. Daran waren weder die Westmächte noch die Supermacht Sowjetunion interessiert."

Eine große Rolle spielte der Apparat der Staatssicherheit. Er hatte aus Sicht der Partei im Vorfeld des Aufstandes versagt und entwickelte sich nach seiner Niederschlagung zum zentralen Instrument der Machtausübung.

Cover: "17. Juni 1953" von Ilko-Sascha Kowalczuk
Cover: "17. Juni 1953" von Ilko-Sascha Kowalczuk© C.H. Beck Verlag
Ilko-Sascha Kowalczuk: 17. Juni 1953
C.H. Beck Verlag, München 2013
128 Seiten, 8,95 Euro, auch als E-Book erhältlich


Die Bürger waren ideologisch noch nicht festgelegt

Ein anderer Forscher aus der Stasi-Unterlagenbehörde hat jetzt ausgewählte Geheimberichte von 1953 in einer Edition herausgegeben. Sie geben, so Roger Engelmann, bemerkenswert ungeschminkt Aufschluss über den Widerstand in der Bevölkerung.

"Trotz unübersehbarer handwerklicher Schwächen und zwangsläufiger Redundanzen liefern die Berichte eine Fülle von Informationen, die historische Realität anschaulich werden lassen."

Die Bürger – das machen die Berichte deutlich – waren damals ideologisch noch nicht festgelegt. Noch gibt es keine Konfrontation zwischen parteiamtlichem Dogma und aufgeklärter revolutionärer Emphase wie später in den 80er-Jahren.

Vielmehr stehen der erbitterte Unterwerfungswille von Partei und Staat auf der einen Seite und die nackten Existenzängste der Menschen auf der anderen. Das schafft ein besonderes Klima der Aufrichtigkeit und Authentizität – sowohl bei denen, die berichten, als auch bei jenen, über die berichtet wird.

"1953 ist ein Schlüsseljahr der DDR-Geschichte. Es ist geprägt von einem doppelten Scheitern: dem Scheitern des SED-Regimes bei dem Versuch, die 'sozialistische Umgestaltung' in einem Parforceakt zu vollziehen, und dem Scheitern der Volksbewegung bei dem Versuch, die Machthaber – die ihr eigenes Scheitern mit der Verkündung des 'Neuen Kurses' gerade eingestanden hatten – am 17. Juni abzuschütteln."

Letztlich bleibt 1953 Episode einer Geschichte, in deren Verlauf der Osten Deutschlands in die sozialistischen Gesellschaftskonzepte Osteuropas eingebunden werden sollte. Die Bevölkerung spürte instinktiv, dass die politische Führung mit ihr einen unnötigen und unsinnigen Umweg ging, denn sie hatte den Vergleich mit dem Westen. Und genau deshalb kam es acht Jahre später zum Mauerbau.

Der 17. Juni – das zeigen beide Publikationen – lehrte die Machthaber in Ost-Berlin und Moskau, dass sich wirtschaftliche Zwangsverwaltung ohne politische und militärische Gewalt nicht lange halten lässt.

Cover: "Die DDR im Blick der Stasi 1953" von Roger Engelmann
Cover: "Die DDR im Blick der Stasi 1953" von Roger Engelmann© Verlag Vandenhoeck & Ruprecht
Roger Engelmann: Die DDR im Blick der Stasi 1953.
Die geheimen Berichte an die SED-Führung

Verlag Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 2013
320 Seiten, 29,99 Euro