Seit 14:05 Uhr Kompressor

Mittwoch, 16.10.2019
 
Seit 14:05 Uhr Kompressor

Religionen / Archiv | Beitrag vom 07.01.2012

Der verwundbare Krieger

Wie ein US-Soldat im Irakkrieg zum Buddhismus fand

Von Kerstin Zilm

Podcast abonnieren
Ein US-Soldat vor einem irakischen Kind in Bagdad. In solchen Situationen halfen dem Soldaten Paul Kendel buddhistische Lehren. (AP)
Ein US-Soldat vor einem irakischen Kind in Bagdad. In solchen Situationen halfen dem Soldaten Paul Kendel buddhistische Lehren. (AP)

Der US-Soldat Paul Kendel hat bei seinem Einsatz im Irak nach Wegen gesucht, auch in der Konfrontation mit dem Gegner Mitgefühl und Güte zu praktizieren. Buddhistische Lehren boten Kendel dabei unerwartete Hilfe.

Ende Juni 2005 traf bei Sakyong Mipham, dem spirituellen Oberhaupt von Shambhala International, einer Abzweigung des tibetischen Buddhismus, die email eines Feldwebels vom US-Militärstützpunkt in Bagdad ein. Paul Kendel war seit fast zwei Monaten mit einer Infanterietruppe der Nationalgarde im Irak-Einsatz. Er spürte wachsende Rachegelüste, nachdem innerhalb von sechs Tagen acht seiner Kameraden durch Sprengstoffsätze getötet wurden. Gleichzeitig konnte er aber auch die irakischen Bewohner Bagdads verstehen, die sich gegen die Militärpräsenz sträubten.

Der damals 38 Jahre alte Kendel hatte eher durch Zufall ein Buch von Sakyong Mipham im Gepäck und war überrascht, wie sehr dessen Botschaft, den Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt mit Barmherzigkeit zu durchbrechen, seine eigenen Gedanken widerspiegelte. Die email, in der Kendel um praktischen Rat bat, wird inzwischen regelmäßig in buddhistischen Seminaren über die Kunst, Frieden in Zeiten von Krieg zu praktizieren, zitiert. Zum Beispiel von Shambhala-Präsident Richard Reoch in einer Klausur 2009:

"Meditieren ist schwierig hier. Allein ist man nur in der Dusche oder in einem aufgeheizten Toilettenhäuschen. Beides sind keine der Meditation zuträglichen Orte. Andererseits bietet tagelanges Herumfahren mit dem Geländewagen im Bewusstsein, jederzeit in die Luft gejagt zu werden, reichlich Gelegenheit zum Nachdenken. Aber wie kann man eine Gruppe von Leuten, deren beste Freunde gerade in tausend Stücke gerissen wurden,davon überzeugen, dass die Antworten auf diese Tat Liebe und Mitgefühl sind?"

Mit dieser email begann ein reger Austausch zwischen dem Feldwebel und der Shambala-Gemeinde. In ihren Nachrichten an Kendel bestärkte sie sein Bemühen, auch in Extremsituationen sein Gegenüber als Mitmenschen zu sehen - selbst wenn Kameraden und Kommandanten das als inakzeptables Zeichen von Schwäche verhöhnten. Kendel hatte in seinem Gepäck neben Romanen von Dostojewski, Hemmingway und Thomas Mann auch einen Koran und eine Bibel.


Die religiösen Bücher hatte er lediglich aus historischem Interesse dabei. Kendel ging als Kind mit seinen Eltern sonntags in die Kirche, beschäftigte sich mit dem Christentum aber erst wieder während seines Studiums der Nahostgeschichte und der Anthropologie. Je mehr er über Kreuzzüge und Kriege im Namen von Jesus und Mohammed lernte, desto skeptischer wurde er gegenüber den Religionen. Diese Skepsis wurde vom Verhalten der Soldaten in seiner Einheit bekräftigt:

"Ihre christliche Liebe galt nur sich selbst, ihrer Familie und ihren Freunden im Zelt, aber niemandem außerhalb des Stacheldrahts. Die da draußen - auf die schießt du und bringst sie um. Meine Kameraden missbrauchten Jesus, um als Krieger in seinem Namen andere zu töten."

Kendel hoffte, beim Einsatz im Irak mit seinem Wissen Brücken bauen zu können. Er merkte allerdings schnell, dass daran niemand interessiert war, besonders nachdem mehrere Mitglieder seiner Einheit in die Luft gesprengt wurden. Obwohl auch er Rachegelüste spürte, identifizierte sich der Feldwebel mehr und mehr mit dem Bild des verwundbaren Kriegers aus den buddhistischen Lehren. Darryl Burnham vom Shambhala Zentrum in Los Angeles erklärt: dieser Krieger trägt keine Rüstung und keine schweren Waffen. Im Gegenteil: er zeigt seinen Mut, indem er mit offenem Herzen und offener Hand auf sein Gegenüber zugeht.

"Ein Krieger in diesem Sinne zu sein bedeutet, Hindernisse und Gewohnheiten zu erkennen, die uns davon abhalten, die Wirklichkeit zu erkennen und dann mit Bestimmtheit zu handeln. Es bedeutet, immer offen, präsent und wach zu sein. Ein Krieger in diesem Sinne hat den Mut, innezuhalten und sich umzuschauen, besonders wenn er Unbehagen spürt."

Paul Kendel setzte sich innerlich immer mehr von seinen Kameraden und deren Kriegsmentalität ab. Versuchte er, über seinen email-Austausch mit Shambhala-Lehrern zu sprechen, wurde er in der Regel als Weichei und durchgeknallter kalifornischer Linker verspottet. Nach wie vor verspürte auch er Aggressionen angesichts von Attacken aus dem Hinterhalt, er schoss mit Kameraden aus Langeweile auf Autos an einer Tankstelle und erinnert sich mit Scham an einen Tag, an dem er einen Jungen in Todesangst versetzte. Der Teenager hatte sich bei der Verteilung von Süßigkeiten in den Vordergrund gedrängt, bis Kendel ihm sein Maschinengewehr vor die Nase hielt.

Der Soldat ist gleichzeitig sicher, dass seine Fähigkeit, innezuhalten in manchen Konfliktsituationen das Schlimmste verhinderte. Voller Emotionen erzählt er, wie ihm sein Kommandant während einer Patrouille durch Bagdad befahl, auf die Insassen eines Autos zu schießen, weil diese die Straße nicht komplett für den Geländewagen der Armee frei gemacht hatten.

"Ich schaute über den Lauf meines Gewehrs direkt in die braunen Augen dieses schönen, kleinen Mädchens. Sie starrte mir direkt entgegen. Es war eine absolut groteske Situation. Meine Gedanken waren: Bedrohung, Bösewicht. Und ich schau hin und sie schaut direkt zurück. Dann stand sie auf und winkte und ich winkte zurück."

Paul Kendel haben die buddhistischen Lehren geholfen, in einem der am stärksten umkämpften Kriegsgebiete im Irak weder den Verstand noch seine Würde zu verlieren. Dennoch zögert er, Soldaten im Einsatz die Lektüre buddhistischer Literatur zu empfehlen.

"Du gehst nicht zum Militär, um etwas über kulturelles Bewusstsein zu lernen. Du wirst Soldat, um Bösewichter zu töten. Dazu wirst du erzogen. In dem Sinne ist Buddhismus geradezu kontraproduktiv. Aber ich sehe viele Vorteile, sich nach dem Einsatz damit zu befassen, wenn man zurückkommt und vielleicht eine unschuldige Familie getötet hat - dann denkt man kritischer und muss mit seinen Schuldgefühlen zurechtkommen. Dabei können die Lehren sehr hilfreich sein.

Paul Kendel ist inzwischen nicht mehr beim Militär. 2008 kam er mit der Nationalgarde noch einmal zum Einsatz. Diesmal in Afghanistan. Danach verstärkten sich seine von einer Verletzung im Irak ausgelösten Rückenschmerzen, und er wurde aus dem aktiven Dienst entlassen. Kendel unterrichtet inzwischen Geschichte an einem Gymnasium in Florida und schrieb ein Buch über seine Erfahrungen: "Walking the Tiger's Path” - zu deutsch: "Den Weg des Tigers gehen”. Er hofft, Leser. dazu zu inspirieren, den Wert von Güte und Mitgefühl gegenüber sich selbst und anderen zu lernen.

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Idealismus und Zweifel

Religionen

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur