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Kompressor | Beitrag vom 31.03.2020

Der Sekretär Urmöbel des Homeoffice

Nikolaus Bernau im Gespräch mit Andreas Müller

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Wohnraum mit altertümlicher Einrichtung, Oestrich-Winkel, Deutschland, Europa |  (picture-alliance/imageBroker )
Der Sekretär schien eher in die Jahre gekommen zu sein, ist aber im Homeoffice wieder sehr angesagt. (picture-alliance/imageBroker )

Für Menschen, die zu Hause arbeiten, ein großer Vorteil: Im Sekretär ließe Chaos sich dank der Klappe verbergen, sagt der Journalist Nikolaus Bernau, der selbst die Vorzüge dieses Möbels zu nutzen weiß. Schreibtische seien dagegen Symbole der Macht.

Der Sekretär galt lange als altmodisches Möbelstück, liegt aber jetzt offenbar in Zeiten des Homeoffice wieder im Trend. "Es ist ganz offensichtlich so, dass derzeit sehr viele Leute einen Sekretär brauchen", sagt der Journalist und Architekturkritiker Nikolaus Bernau. Er beobachte, dass sich der Markt offenbar gerade sehr leere. Selbst ein einfaches Modell aus den 1960er Jahren werde derzeit gebraucht recht teuer verkauft.

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Der Vorteil eines Sekretärs sei dessen klappbare Arbeitsplatte, die alles verbergen könne, was sich darin als Chaos ansammle, sagt Bernau, der seinen Sekretär gebraucht für sensationelle 20 Euro erstanden hat. "Total abgeschrubbert, offenbar einige Male umgebaut", erzählt er.

Aber die Grundfunktion des Möbelstücks werde bis heute wunderbar erfüllt. Der Sekretär sei in seinen Ausmaßen klein, nur 80 Zentimeter breit und 1,10 Meter hoch, sodass man ihn sogar als Stehpult nutzen könne.   

Die Intimität des Sekretärs 

Sekretäre seien etwas ganz anders als Schreibtische, sagt Bernau. "Schreibtische sind ja freistehende Objekte im Normalfall, die sehr große, sehr breite Arbeitsplätze haben und diese Arbeitsflächen sollen auch gezeigt werden." Das sei ganz wichtig. Man wolle damit demonstrieren, dass man entweder sehr viel arbeite, indem man unglaubliche Mengen an Akten und Papieren darauf stapele.

Oder der Schreibtisch sei so leer und blitzsauber, dass man zeigen könne, wie gut man organisiert sei - oder jemanden habe, der das für einen organisiere.

Der Sekretär sei dagegen ein sehr privates Möbel. "Er steht eigentlich fast immer an der Wand", sagt Bernau. Manchmal gebe es sogar eine Rückwand, die als Buchregal und damit auch als Raumteiler nutzbar sei. Es sei eben ein kleines Möbel, das einmal als "Schreibschrank" oder "Schreibkommode" entwickelt worden sei. "Das heißt ein Möbel, das am Rand steht und zum Schreiben genutzt werden kann, aber nicht unbedingt so aussieht."

Spiegel gesellschaftlicher Entwicklung

Das habe auch sozialhistorische Gründe, erläutert Bernau. "Schreibtische sind traditionell sehr öffentliche Mittel gewesen, sie sollen auch Macht demonstrieren." So säßen Politiker an Schreibtischen, um damit zu zeigen, wie mächtig sie seien. Sekretäre seien dagegen eher intim und hätten viel mit der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft im 19. Jahrhundert zu tun. "Sie sind eher weiblich konnotiert," sagt er. "Das sind die Objekte, wo man etwas verbergen kann, etwas wegsteckt."

Nicht zufällig sei der Biedermeier die große Zeit des Schreibsekretärs, erklärt Nikolaus Bernau. Damals hätten die Frauen eine eigene Rolle in der Kultur bekommen.    

(gem)

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