Donnerstag, 25.02.2021
 

Stunde 1 Labor | Beitrag vom 08.11.2020

Der Schriftsteller, Komponist und Universalgelehrte Hans Jürgen von der Wense"Wir leben im Himmel"

Moderation: Olaf Wilhelmer

Adeliger Anarchist: Porträt von Hans Jürgen von der Wense, 1930. (blauwerke verlag / Reiner Niehoff / Heinrich Hauser)
Adeliger Anarchist: Hans Jürgen von der Wense, 1930 (blauwerke verlag / Reiner Niehoff / Heinrich Hauser)

Ein Dichter, der keine Bücher schreibt; ein Musiker, der keine Konzerte gibt; ein Forscher, der keine Vorträge hält: Hans Jürgen von der Wense war zu Lebzeiten fast unsichtbar. Heute ist er als außergewöhnliche Erscheinung der Moderne zu entdecken.

Hans Jürgen von der Wense begann viel und vollendete wenig. Aber so viel er konnte, so viel hinterließ er auch – darunter allerdings kaum etwas, das nach gängigen Maßstäben greifbar wäre. Es existiert nichts, das man so ohne weiteres als "Werk" bezeichnen könnte.

Was hat dieser Mann nicht alles gemacht! Wense war Schriftsteller, Philosoph, Übersetzer, Komponist, Fotograf, Heimatkundler und Naturforscher; er vermachte der Nachwelt Berge von Fragmenten, Splittern und Aphorismen, gestapelt in losen Mappen mit rund 25.000 beidseitig beschriebenen Blättern.

Ein professioneller Autodidakt

Wense ist nicht nur in puncto Literatur und Musik spannend, sondern er bietet auch Anknüpfungspunkte für philologische, philosophische, kunsthistorische, zeitgeschichtliche, geologische, ökologische und astrophysikalische Fragen. In allem war Wense Autodidakt – und stellte doch manches in den Schatten, was von der Aura gediegener Professionalität umgeben ist.

Weiser Wanderer: Hans Jürgen von der Wense im Kaufunger Wald bei Kassel, fotografiert 1954 von Dieter Heim (blauwerke verlag / Reiner Niehoff)Weiser Wanderer: Hans Jürgen von der Wense im Kaufunger Wald bei Kassel, fotografiert 1954 von Dieter Heim (blauwerke verlag / Reiner Niehoff)

Geboren 1894 in Ostpreußen, begeistert sich Wense früh für die Fliegerei. Er schreibt, komponiert und lernt Arnold Schönberg kennen, bewegt sich im Umfeld des Expressionismus, zieht manchen Künstler in seinen Bann.

Nach kurzer Zeit in der Öffentlichkeit bricht er plötzlich alle Brücken zur Außenwelt ab und widmet sich seinen zahllosen Interessen privat – in Warnemünde, Kassel und Göttingen. Nach dem Zweiten Weltkrieg begeistert er sich für die Kasseler documenta und die Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik. Dann wird es wieder still um ihn; 1966 stirbt er in Göttingen.

Stoff für mehrere Leben

In den vergangenen Jahren haben sich immer mehr Interessenten aus unterschiedlichster Perspektive mit Wense befasst. Aus dem Nachlass, der heute in der Universitätsbibliothek Kassel aufbewahrt wird, haben die Verlage Matthes & Seitz sowie die blauwerke berlin Textsammlungen veröffentlicht; das Label Es-Dur hat in Koproduktion mit Deutschlandfunk Kultur Wenses Kompositionen auf CD herausgebracht, initiiert und interpretiert vor allem von dem Pianisten Steffen Schleiermacher. Kürzlich ist sogar ein Roman über Wense erschienen – Stoff genug bietet dieses Leben allemal.

Diese Sendung unternimmt einen Streifzug durch die schier unermesslichen Weiten von Wenses Welt; zu hören sind Gedankensplitter und Geistesblitze ebenso wie Kompositionen aus seiner Feder. Erinnerungen von Dieter Heim, dem 2018 verstorbenen Freund und Nachlassverwalter Wenses, vervollständigen das Bild.

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