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Lesart / Archiv | Beitrag vom 24.02.2013

Der russische Aufstieg

Uwe Klußmann/Dietmar Pieper: "Die Herrschaft der Zaren"

Rezensiert von Rolf Schneider

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Denkmal für Zar Nikolaus I. in  St. Petersburg (dpa / picture alliance / Stephan Goerlich)
Denkmal für Zar Nikolaus I. in St. Petersburg (dpa / picture alliance / Stephan Goerlich)

Fast 500 Jahre lang hatten die Zaren die Macht in Russland. Uwe Klußmann und Dietmar Pieper schildern in ihrem Buch, wer sie waren und wie Russland unter ihnen zur Weltmacht aufstieg.

Dieser Satz ist bemerkenswert, da es sich um eine der wenigen analytischen Feststellungen des Buches handelt:

"Herrscher und Beherrschte leben in Russland in radikal voneinander getrennten Welten."

Er steht in einem Kapitel, das einen Gang über den Moskauer Roten Platz samt Kreml, Basilius-Kathedrale und Warenhaus GUM beschreibt, was dann Anlass ist für mancherlei historischen Rück- und Seitenblick. Ähnliches will ein Streifzug durch das alte Zentrum von St. Petersburg liefern.

Ansonsten gibt es Kurzbiografien von Herrschern. Das beginnt mit Iwan IV., der im Deutschen den nicht ganz unzutreffenden Beinamen "der Grausame" führt; im Russischen steht grosny, was "der Gestrenge" bedeutet. Iwan trug als erster Moskowiter Großfürst ständig den Titel Zar, abgeleitet, wie der deutsche ‚Kaiser’, von römischen Caesar und Bezeichnung für eben diesen Rang.

Iwan beseitigte die letzten mongolischen Herrschaften auf russischem Boden. Er erweiterte das Staatsgebiet, drängte die Macht der Bojaren, des konkurrierenden Hochadels, zurück, schuf eine einheitliche Gesetzgebung und eine Art Adelsparlament. Er umgab sich mit den Strelitzen, einer Leibgarde, die ihrer außerordentlichen Brutalität wegen gefürchtet war.

Im Jähzorn brachte er seinen Sohn um. Er war gottesfürchtig, gebildet und unberechenbar: ein Renaissancefürst, wie er sich anderswo in Europa auch fand, man denke an die Borgias in Rom und an die Tudors in England. Vor allem aber: Iwan machte Russland zur Großmacht, woran sich hinfort nicht mehr viel ändern sollte.

Eines seiner Instrumentarien war, heute wieder aktuell, die enge Verquickung von Staat und Religion.

"Die Nähe von weltlicher Macht und orthodoxer Kirche verleiht den Kremlherrschern etwas Sakrales."

Bei der Kirche handelt es sich um eine Variante der griechischen Orthodoxie. Als Byzanz 1453 an die muslimischen Osmanen fiel, wurde Moskau das neue religiöse Zentrum, mit einem eignen Patriarchat, es wurde das "Dritte Rom". Die von Iwan begründete Zarenherrschaft erwies sich als Amalgam aus oströmischem Christentum, byzantinischem Prunk und mongolischer Verwaltungspraxis.

Cover: "Uwe Klußmann, Dietmar Pieper: Die Herrschaft der Zaren" (Deutsche Verlagsanstalt München)Cover: "Uwe Klußmann, Dietmar Pieper: Die Herrschaft der Zaren" (Deutsche Verlagsanstalt München)Nun hatte das von Iwan geschaffene Großreich seine Vorgeschichte. Sie führt über die Mongolenherrschaft zurück zu den Warägern und zur Kiewer Rus des zehnten Jahrhunderts; auch der Name von Iwans Dynastie, Rurikiden, stammt aus jener Epoche. Das Buch verbannt dies alles in eine mehr als knappe Tabelle; es beschränkt sich, seinem Titel gemäß, auf die nicht ganz vier Jahrhunderte Zarenzeit.

Abgehandelt wird sie in insgesamt 34 Kapiteln unterschiedlichster Länge, verfasst von zwanzig Autoren. Fast alle kommen aus den Redaktionen des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel", einige von ihnen haben als Korrespondenten in Moskau gearbeitet. Alle sind geübt in der "Spiegel"-typischen Nachrichtengeschichte, jener Mischung aus Anekdote, Reportagepartikel und Essay; ihre Texte lesen sich flüssig, manchmal süffig.

Die Abfolge ist chronologisch, bei gelegentlich großen Zeitsprüngen; es geht nicht bloß um Politgeschichte, sondern auch um Zivilisation und Kultur. Zuweilen überschneiden sich die Inhalte, der Aufstand Pugatschows wird zweimal erzählt, so wie der Besuch Anton Tschechows auf Sachalin. Anderes fehlt. Boris Godunow, wichtigster Zar zwischen Iwan Grosny und Peter dem Großen, wird gerade nur erwähnt.

Die großen russischen Autoren von Puschkin bis Gorki sind genannt, Dostojewski und Tschechow kommen bloß mit je einem Nebenwerk vor. Die Musik ist vertreten mit Tschaikowski und Glinka; Mussorgski, Rimski-Korsakow und Skrjabin fehlen. Die Malerei wird mit Ilja Repin abgehandelt, die malerische Avantgarde, Kandinski, Jawlenski, Chagall, die Werewkin, kommen nicht vor. Nebensächlichkeiten? Das alte Russland war, unbestritten, auch eine kulturelle Großmacht.

Nun kann und will ein Unternehmen dieses Zuschnitts keine lexikalische Vollständigkeit bieten. Es möchte bekannt machen mit der Vergangenheit eines Landes, das dem üblichen deutschen Geschichtsbewusstsein kaum vertraut ist. Dabei waren die Russen in den anderthalb Jahrhunderten der polnischen Teilungen sogar unsere unmittelbaren Nachbarn, außerdem –

" … zu keinem anderen Land unterhielt das Russland der Zaren so enge Beziehungen wie zu Deutschland."

Freilich:

"Man wurde oftmals nicht richtig warm miteinander ..."

Es war ein Unverhältnis auf Gegenseitigkeit. Die Vergangenheit unserer westlichen Nachbarn steht uns näher. Von Frankreich kennen wir seit Ludwig XIII. sämtliche Herrscher, wir kennen die Revolution, die beiden Napoleons, wir kennen Dreyfus und Clemenceau.

Von England wissen wir, schon durch Shakespeare, von den Rosenkriegen, von Heinrich VIII., von Königin Elisabeth I. und Königin Victoria. Aus der russischen Geschichte ist uns allenfalls Zar Peter den Große geläufig und Zarin Katharina II. Offenbar gibt es so etwas wie ein Aufmerksamkeitsgefälle von West nach Ost.

Das "Spiegel"-Buch möchte hier Abhilfe schaffen. Die journalistisch-kulinarische Darbietung zielt auf ein breites Publikum. Unverhofftes findet selten statt. Es gibt, verdienstvollerweise, ein Porträt Pjotr Stolypins, Ministerpräsident unter dem letzten Zaren, ausführliche Redetexte von ihm werden abgeduckt. Die widersprüchliche Existenz dieses Politikers und seine am Ende gescheiterten Reformen haben einiges zum Niedergang des alten Russland beigetragen.

"Die Vorliebe der Russen für Monumentales grenzt an Größenwahn und kaschiert ein Minderwertigkeitsgefühl. Luxus und Verschwendungssucht entspringen auch dem Wissen, dass die Geschichte schon mal für jähe Wendungen sorgen kann, die alles heute Zusammengeraffte über Nacht verlorengehen lassen."

Dies ist es, was die Sammlung der zwanzig Autoren illustrieren will. Die deprimierende Rückständigkeit des Landes, aller versuchten und teilweise geglückten Reformen zum Trotz, wird festgestellt, analysiert wird sie nicht. Es fehlt, was historische Arbeiten herkömmlicher Art sonst bieten: eine geschichtsphilosophische Grundidee; die intellektuelle Stimmung der Autoren steht dem entgegen. Die Nachrichtengeschichte, ihr übliches Gewerbe, simuliert umfassende Wahrheiten. Liefern kann sie bestenfalls Splitter.


Uwe Klußmann/Dietmar Pieper: Die Herrschaft der Zaren
Russlands Aufstieg zur Weltmacht

Ein Spiegelbuch
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