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Musikfeuilleton | Beitrag vom 06.08.2021

Der Pianist Arthur Rubinstein und Deutschland "Unter den Begnadeten ein Auserwählter“

Von Richard Schroetter

Historische schwarz-weiss Aufnahme des Pianisten Arthur Rubinstein am Flügel. Er schreibt mit einem Stift Notizen in seine Noten. 1965. (imago / Photo12 / Luc Fournol)
Arthur Rubinstein, 1965 (imago / Photo12 / Luc Fournol)

Arthur Rubinstein war einer der größten Klaviervirtuosen des 20. Jahrhunderts. Mit vier Jahren schickte man den "kleinen, jüdischen Jungen", wie Rubinstein sich erinnerte, nach Berlin. Dort wartete der beste Freund von Brahms auf den Hochtalentierten.

Er war ein Wunderkind, das später eine der größten Klavierkarrieren der Welt machte und dabei nie vom Weg abkam. Geboren wurde er am 1. Januar 1887 in der Industriestadt Lodz, die damals im russisch besetzten Sektor von Polen lag. Die ersten Handgriffe am Klavier schaute er sich von seiner älteren Schwester ab. Später beaufsichtigte der kleine Mann mit der lockigen Mähne wie ein preußischer Gardeoffizier das nachlässige Spiel der jungen Dame.

Berlin galt damals als Hauptstadt des Klaviers. Und er sei "ein kleiner, jüdischer Junge" mit einer wunderbaren Begabung gewesen, das hätten auch die ziemlich unmusikalischen Eltern rasch erkannt. 1891 schickte man den kleinen Arthur, vier Jahre alt, ins unendliche ferne und fremde Berlin, ins deutsche Kaiserreich. Seine Erinnerungen an die Berliner Jahre hielt Rubinstein später ausführlich fest. Er schrieb über das Stadtleben, Lehrer, erste Konzerte und wichtige Freunde.

Geprüft und für talentiert befunden

Der berühmte Geiger Joseph Joachim, ein äußerst einflussreicher Mann und ein guter Freund von Johannes Brahms, der in Berlin residierte, war bereit, den vierjährigen Knaben anzuhören und dessen Musikalität zu überprüfen. Er zeigte sich begeistert und die Eltern ermöglichten ihrem Sohn nun Unterricht in Lodz.

Denkmal für den Pianisten Arthur Rubinstein, der an einem großen Flügel sitzt, wobei aus dem Instrument ein Engelsflügel erwächst. Davor liegt ein massiver Notenschlüssel auf dem gepflasterten Boden. (imago / Eastnews)In der Heimatstadt Lodz erinnert in der Piotrkowska-Straße eine Skulptur an den berühmten Pianisten. (imago / Eastnews)

Joseph Joachim wachte in Berlin auch darüber, dass der kleine Rubinstein nicht in zu vielen Konzerten "herumgereicht" wurde. Am 14. Dezember 1894 spielte das siebenjährige Wunderkind bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung eine Mozart-Sonate sowie Stücke von Schubert und Mendelssohn.

Ungeliebte Schule

Seine unglaubliche Begabung befreite ihn jedoch nicht, so sehr er sich das auch wünschte, vom Schulbesuch. 1894 folgte die Einschulung, er ist ein Sprachtalent, bei Mathematik zeigten sich große Schwierigkeiten. 

Am Klavier aber machte er so gewaltige Fortschritte, dass man sich entschließt, den Zehnjährigen ganz nach Berlin zu schicken. Die aufstrebende Wilhelminische Metropole stand damals in dem Ruf, die Klavierhauptstadt der Welt zu sein. Der kleine Knirps, der 1897 in der deutschen Reichshauptstadt ankam, ahnte nicht, dass es ein Abschied von Eltern und Kindheit sein sollte.

Berlin um 1900 - Hauptstadt des Klaviers

Berühmte Pianisten und Pädagogen arbeiteten in jener Zeit in Berlin, wie Ferruccio Busoni, Teresa Carreno, Leopold Godowsky, Moritz Moszkowski und Xaver Scharwenka. Bei seiner Ankunft fielen dem angehenden Pianisten allerdings nicht die großen Namen auf, sondern vielmehr das trübe Wetter.

In der Magdeburger Straße in Berlin-Schöneberg wurde Arthur einer Pflegefamilie übergeben. In der nahe gelegenen Potsdamer Straße lag die Königliche Hochschule für Musik; und um die Ecke, in dem Neubauviertel in der Kurfürstenstraße 112, residierte Heinrich Barth, sein neuer Lehrer. Heinrich Barth, der 20 Mark für eine Unterrichtsstunde verlangte. Zum Vergleich: die teuerste Konzertkarte kostete damals 5 Mark. 

Mit Dreizehn - das Debüt als Pianist

Sein offizielles Debüt als Pianist feierte Rubinstein am 1. Dezember 1900 im Berliner Beethovensaal. Unter den Zuhörern befanden sich viele berühmte Leute: Max Bruch, Engelbert Humperdinck, Joseph Joachim, der Impresario Hermann Wolff.

Die Kritik feierte den 13-Jährigen in höchsten Tönen. Er sei "unter den Begnadeten ein Auserwählter", er spiele nicht "wie ein Wunderkind, sondern wie ein reifer, erwachsener Musiker". Die öffentliche Anerkennung stärkte Rubinsteins Selbstbewusstsein und machte ihm zugleich die Abhängigkeit von seinem ungeliebten Klavierlehrer überdeutlich. 

Abschied vom Lehrer

Im Lauf der Zeit entwickelte sich eine absurde schiefe Situation: Heinrich Barth, den Rubinstein verdächtigte, ein latenter Antisemit zu sein, wollte seinen jungen jüdischen Eleven plötzlich adoptieren. Es kam zu einer dramatischen Aussprache.

Arthur erklärte seinem Lehrer, er wolle nicht Lehrer und ein deutscher Beamter werden, wie es Barth vorschwebte, sondern freier Künstler und Reisepianist. Er erhoffe sich eine glänzende Laufbahn in seiner polnischen Heimat und Russland. Barths Reaktion war "fürchterlicher als erwartet". 

Damit endete Rubinsteins Berliner Lehrzeit. Doch bis zum Ersten Weltkrieg versuchte Rubinstein immer mal wieder, in Berlin Fuß zu fassen. In der Wintersaison 1912/13 tritt er dort in der Singakademie auf. Nach 1914 hat Rubinstein allerdings nicht mehr in Deutschland gespielt. Ausschlaggebend war der Weltkrieg. Nach dessen Ende ließ sich Rubinstein in Paris nieder, wo seine Karriere als gefeierter Virtuose begann, der in alle Welt reiste. 

Emigration und Exil

Im Oktober 1939 emigrierte Rubinstein mit seiner Familie in die USA. Sein Pariser Haus wurde von den Nazis beschlagnahmt, seine wertvollen Instrumente, Bücher, Noten, Gemälde und Möbel gestohlen. Erst vor kurzem wurden in der Berliner Staatsbibliothek Noten aus Rubinsteins Besitz gefunden.

Pianist Arthur Rubinstein sitzt am Flügel im Jahr 1951 und reißt die Hände nach oben. (imago / Courtesy Everett Collection)Artur Rubinstein erhielt im Jahr 1946 die Amerikanische Staatsbürgerschaft. (imago / Courtesy Everett Collection)

Sie waren im Zweiten Weltkrieg über den Einsatzstab Rosenberg nach Russland gebracht worden und wurden in den 1950er-Jahren von dort an die damalige Deutsche Staatsbibliothek in der DDR weiter gegeben. Jahrzehnte standen sie unidentifiziert in einer Ecke, bis sie an die Erben Rubinsteins zurückgegeben werden konnten.

Abkehr von Deutschland

Offiziell hatte Rubinstein mit Deutschland gebrochen. In den Jahren zwischen 1960 und 1975 spielte er jedoch für ein jüngeres Publikum viel um die BRD herum. Legendär sind seine Konzerte an der holländischen Grenze in Nimwegen geworden. 

Er ließ sich auch bereitwillig von deutschen Musikkritikern interviewen und war insgesamt etwas nachsichtiger geworden. So votierte er 1977 in Israel für den jungen Pianisten Gerhard Oppitz, der den 1. Preis im Rubinstein-Klavierwettbewerb gewann.

Sein Argwohn betraf vor allem diejenigen Musiker, bei denen er davon ausging, dass sie durch das Dritte Reich belastet waren. 

London 1976 - das letzte Konzert 

Im Mai 1976 gab Rubinstein sein letztes Konzert. Wenn er auch mit Deutschland nichts zu tun haben wollte, auf die deutsche Musik von Bach, Haydn und Mozart, von Beethoven, Schumann und Brahms ließ er nichts kommen. So stand auch auf dem Programm seines Abschiedskonzerts in der Wigmore Hall zum größten Teil Musik deutscher Komponisten.

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