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Sein und Streit | Beitrag vom 02.08.2015

Der philosophische Wetterbericht (1)Kann man übers Wetter überhaupt philosophieren?

Von Andrea Roedig

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München (picture alliance / dpa / Foto: Peter Kneffel)
Ein Blitz in München: Darüber lässt sich doch vortrefflich philosophieren. (picture alliance / dpa / Foto: Peter Kneffel)

Heftige Hitzegewitter, extreme Temperaturschwankungen oder schönste Sommertage. Wenn einem nichts mehr einfällt, wird einfach über das Wetter geplaudert. Wir fragen deshalb: Was wäre das Philosophische am Wetter?

"Siehst du, mon petit camerade, wenn du Phänomenologe bist, kannst du über diesen Cocktail hier auf dem Caféhaustisch reden, und es ist Philosophie." – Diesen Satz soll der Historiker Raymond Aron in den 1930er- Jahren zum jungen Jean Paul Sartre gesagt haben, woraufhin Sartre vor Aufregung erbleichte: Das war genau die Theorie, die er immer gesucht hatte, eine philosophische Methode, die sich dem Konkreten zuwandte, den ganz alltäglichen Phänomenen. Die Regel "Zu den Sachen selbst", die der Begründer der Phänomenologie, Edmund Husserl, ausgegeben hatte, nahm Sartre später zwar manchmal etwas zu wörtlich, aber es bleibt seither die Frage, wie sich die Philosophie eigentlich zum Alltäglichen verhält.

Das Wetter in der Philosophie 

Denn wenn man auch über alles über Mögliche "philosophieren" im Sinne von schwadronieren kann, taugen manche Themen offenbar nicht zum philosophischen Gegenstand. Das Wetter ist ein solches Thema. Obwohl es unser Leben extrem beeinflusst, findet es in der Philosophie kaum Beachtung. Sicher dachte die frühe Naturphilosophie über die Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde nach – aber das richtige Wetter, das dich und mich täglich ärgert oder freut, das glücklich macht, wenn Sonnenstrahlen über die Fensterbank wandern oder das zu wilder Verzweiflung treibt, wenn wochenlang grauer Nebel hängt, das als Unwetter Existenzen zerstört oder als Schlechtwetter die Laune: All das ist viel zu windig, zu regional bestimmt und zu subjektiv als dass man prinzipielle Betrachtungen darüber anstellen könnte.

Der eine mag Gewitter, die andere nicht. Manche Regionen zerstört die Hitze, andere der Frost. Eine Wetterphilosophie oder eine Philosophie des Wetters existiert nicht einmal umgangssprachlich, und selbst die Phänomenologie hat sich um Sonne, Wind, Regen und die Jahreszeiten bislang nicht recht gekümmert.

Wie soll sich Philosophie zum Alltäglichen verhalten? Man sollte – so meine ich – die Philosophie nicht von außen an die Dinge herantragen, sondern im Gegenteil sie direkt aus den Dingen herausholen. Man sollte also nicht fragen: "Was kann die Philosophie zum Wetter sagen?" Sondern: Was wäre das Philosophische am Wetter?

Das Allgemeine liegt im Besonderen

Denn in fast allem Alltäglichen steckt ein Stückchen Philosophie. Auf sehr subtile Weise liegt das Allgemeine im Besonderen, das Prinzipielle im Vergänglichen. Man muss es nur zu lesen wissen. Bei dieser Methode ginge es darum, das Bemühen um große Philosophie ein Stück weit zu vergessen und nur den alltäglichen Gegenstand so genau und genau so anzuschauen, dass sich an ihm etwas Wesentliches erschließt.

Ginge das auch beim Wetter? Na klar. Im verzweifelten Warten auf Sommerhitze oder Regengüsse liegt das Thema Kontingenz, der Umgang mit dem Zufall und der Willkür; auch Göttlichkeit und übermenschliche Macht sind als Themen hier zu finden, das Verhältnis vom Menschen zur Natur. Das große Thema aber, das im Wetter steckt, ist Zeit und die Vergänglichkeit. Läuft sie im Kreis wie die Jahreszeiten oder ist sie linear wie das Altern? In unseren Breitengraden zählen wir die Tage, die Sonnenstunden – weil wir wissen, er vergeht – der Sommer hat, wie alles Irdische, ein Ende. Kurzum: Eine Wetterphilosophie gibt es wohl nicht, aber das Wetter kann uns zu Philosophen machen.

Der philosophische Wetterbericht

Es beschäftigt uns nahezu täglich und kann bei fast jeder Gelegenheit als Gesprächsthema dienen: das Wetter. Wir freuen uns über Sonnenschein, Landausflüge, Sommergewitter und Badeferien, und können ebenso ausdauernd über die andauernde Hitze wie über deren ungebührliches Ausbleiben klagen.

Aber ist das Wetter, der banalste Gegenstand jedes beliebigen Small-Talks, auch ein philosophisches Thema? Gibt es Philosophen, die sich mit dem Wetter intensiver auseinandergesetzt haben? Kann man übers Wetter philosophieren? Und worüber sprechen wir eigentlich, wenn wir unverbindlich-höflich übers Wetter sprechen? 4 Versuche.

2.8.2015: Andrea Roedig: Kann man übers Wetter überhaupt philosophieren?

9.8.2015: David Lauer: Hitze. Warum man im Warmen nicht denken kann – oder muss?

16.8.2015: Catherine Newmark: Nebelstimmungen und Sommertage. Was das Wetter mit unseren Gefühlen zu tun hat

23.8.2015: Ulla Lenze: Blitz und Donner! Gespräche übers Wetter sind nicht harmlos



Mehr zum Thema:

Deutscher Wetterdienst - Warum es so schwierig ist, das Wetter vorherzusagen
(Deutschlandradio Kultur, Interview, 26.05.2015)

Wetter - Von heiter bis wolkig
(Deutschlandradio Kultur, Sonntagmorgen, 14.09.2014)

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