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Lesart | Beitrag vom 28.05.2021

Der NotizzettelDas Universalmedium unserer Zeit

Hektor Haarkötter im Gespräch mit Frank Meyer

Notizzettel an einer Wand (S. Fischer)
Der Notizzettel sieht so unspektakulär aus, dazu ist er ein fester Bestandteil unseres Alltags. (S. Fischer)

Wir kritzeln, was das Zeug hält. Wir schreiben Einkaufszettel oder andere für uns wichtige Dinge auf ein Stück Papier. Vermutlich bildet nichts unser Hirn besser ab, so Journalist Hektor Haarkötter. Er hat über den Notizzettel ein Buch geschrieben.

60.000 Euro für ein bekritzeltes Blatt Papier. So viel hat ein Notizzettel von Beethoven eingebracht. Näher wird man dem Denkprozess des Musikers wohl nie kommen. Denn im Gegensatz zu Texten, die man für andere schreibt, sind Notizen einfach rohe Gedanken.

Ohne Strom und Steckdose

Grund genug für den Journalisten und Kommunikationswissenschaftler Hektor Haarkötter, die Kulturgeschichte des Notizzettels zu dokumentieren. Ein Medium, das auch in digitalen Zeiten einen besonderen Reiz hat, wie er findet:

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"In der Tat schreibe ich lieber auf einen analogen Zettel. Mir scheint das einfach praktischer zu sein. Zum Beispiel braucht so ein analoger Zettel, keinen Strom und keine Steckdose. Den kann ich mir auch an meinen Computer pinnen oder auf meinen Schreibtisch kleben oder an die Kühlschranktür. Ich glaube, der Notizzettel ist das wahre Universalmedium unserer Zeit. Da können Computer und Smartphones einfach nicht mithalten."

Von da Vinci bis Wittgenstein

Für Haarkötter macht einen Notizzettel aus, dass man alles Mögliche darauf schreibt. Das gleiche Blatt könne für Einkäufe, Adressen und den Anfang eines Liebesbriefes genommen werden. Damit würde es ähnlich wie das Gehirn funktionieren, das auch alle Dinge simultan, übereinandergeschichtet und ineinander verknotet verarbeitet. Das Papier sei damit im Grunde eine idealtypische Abbildung von Gedanken, so die These des Autors.

Für sein Buch hat Haarkötter sich mit großen Vertreterinnen und Vertretern der Kulturgeschichte befasst. Zum Beispiel Leonardo da Vinci, den die meisten als Künstler oder Maler kennen, obwohl er nur wenige Bilder produziert habe, dafür aber mehr als 10.000 Notizzettel. Oder der Sprachphilosoph Ludwig Wittgenstein, der nur ein einziges 60-seitiges Buch veröffentlichte, aber mehr als 30.000 Zettel, von denen er viele abtippen ließ.

"Dann hat er aber in diese Typoskripte wieder mit der Hand reingeschrieben und auf diese Weise so eine Art textuelles Gesamtkunstwerk hinterlassen. Genauso komplex wie seine Zettel ist die Lösung, die Ludwig Wittgenstein gefunden hat: Nämlich dass Denken in der Tat kein geradliniger Prozess ist, sondern äußerst komplex. Eben vielleicht so, wie wir unsere Notizzettel vollkritzeln."

Hektor Haarkötter: "Notizzettel: Denken und Schreiben im 21. Jahrhundert"
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main
592 Seiten, 28 Euro

(hte)

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