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Lesart / Archiv | Beitrag vom 08.08.2019

Der lyrische KommentarAlphabet. Irrtum. Methode

Von Max Czollek

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Luftbild eine Schwímmbades. Im blauen Nass tummeln sich Badende. (Imago / Christoph Reichwein)
ich wäre gern der bademeister, der euch beibringt, um das eigene leben zu schwimmen, schreibt Max Czollek. (Imago / Christoph Reichwein)

Nach der Therapie fühlt sich der Lyriker Max Czollek wie ein sanierter Altbau neben Berliner Kriegsbrachen. Lieber wäre er ein Bademeister, der anderen beibringt, um das eigene Leben zu schwimmen.

ich denke die neue berliner mitte als vollgeschriebenen notizblock. die schweizer botschaft als architektur gewordene resilienz

auffahrt aus kieselsteinen als tags geschredderte akten, die im kegel der verhörlampen neuerlich zusammengefügt werden

denke die spree als stroboskop, konservierte fassade des palasts der republik, mythentier mit spiegelschuppen, die immer das zurückwerfen, was wir nicht voneinander wissen

die rekonstruktion der alleebebauung als verlängerten verlust, versuch, zeit hinter den augen einzuschließen wie bernsteinzimmer

nach der therapie fühlte ich mich wie ein sanierter altbau an einer befahrenen kreuzung, links die kriegsbrachen, rechts den potsdamer platz

dazwischen hocken menschen, pflanzen stadtschlösser, unter apfelkuchenwarmem asphalt die heimatliebe als verzichtbares fundament

jedem innenhof seine schrecksekunde todesstreifen. die glut, die den deckel der aschetonne als gewehrschuss gegen die ziegelwand dahinter schleuderte

ich wäre gern der bademeister, der euch beibringt, um das eigene leben zu schwimmen. am grunde der havel wandern die steine

die in jodbecken getauchte raufaser, heerstraße aus zellulose für gestreckte zeigefinger, betonmischer als 3d-drucker historischer fototapeten

oder was die knallgelb behelmten kinder humboldts eben erinnerung nennen, hirnklamme plastikfassade, trommelnder niederschlag

das begehren nach preußen ohne kanonen ist eine täuschung wie tetris: die elemente fügen sich nahtlos ineinander, nur um hektisch blinkend zu verschwinden

ich denke gegenwart als architektur gewordenes vergessen. diesen text als lunte, die in eure herzen reicht. eure augen als letztes streichholz in meiner packung

Berlin am 21.1.2019 im Haus für Poesie: Max Czollek. (imago stock&people)Max Czollek bei einer Lesung in seiner Heimatstadt Berlin. (imago stock&people)

Max Czollek, Jahrgang 1987, ist Politikwissenschaftler, Autor und Kurator. Sein Sachbuch "Desintegriert Euch!" (Hanser Verlag, 2018) sorgte für Diskussionen. Sein nächster Gedichtband "Grenzwerte" erscheint im September 2019 im Verlagshaus Berlin.

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