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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 24.03.2016

Der Klimawandel und die Ostsee"Toskana des Nordens"

Von Silke Hasselmann

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Am Himmel über der Ostsee vor der Insel Rügen bei Sassnitz sind dunkle Wolken zu sehen. (picture alliance / dpa / Stefan Sauer)
Die Ostsee vor der Insel Rügen bei Sassnitz (picture alliance / dpa / Stefan Sauer)

Der Klimawandel wird den 2000 Kilometer langen Küstenstreifen von Mecklenburg-Vorpommern verändern: nicht in der Länge, wohl aber in der Breite. Und vielleicht gibt es zur Jahrhundertwende dann Wein von der Ostsee.

Auch in 80 Jahren wird es an der Küste der Ostseehalbinsel Darss so klingen wie heutzutage, sagt Reinhard Lampe. Doch ob sich unsere Nachfahren dann wohl fühlen wie wir heute am Mittelmeer?

Da ist sich der Greifswalder Chef des Uni-Lehrstuhls für Geologie und Geographie nicht sicher. Eher schon, dass sich die gesamte Jahres-Niederschlagsmenge in Mecklenburg-Vorpommern bis 2100 wohl nur geringfügig ändern wird. Allerdings dürfte es im westlich gelegenen Mecklenburg deutlich nässere Wintermonate geben und im östlichen Vorpommern trockenere Sommer als heute. Und der Meeresspiegel der Ostsee? Werde weiterhin steigen, sagt Prof. Lampe, allerdings:

"Die Szenarien sind vielfältig, wie schnell das geht, und da ist viel Unsicherheit durchaus mit dabei. Es hat vor einigen Jahren eine Arbeitsgruppe in Mecklenburg-Vorpommern gegeben, wo wir mitgearbeitet haben. Da haben wir mal das, was aus der Vergangenheit bekannt ist mit dem zusammengetragen, was man heute realistisch abschätzen kann, und haben bis zum Ende des Jahrhunderts einen Anstieg von etwa 30 bis 35cm geschätzt."

Anstieg der Ostsee nicht beschleunigt

Dabei steigt der Ostsee-Meeresspiegel vor der heutigen mecklenburg-vorpommerschen Küste mit Ausnahme einer Kleinen Eiszeit im Mittelalter seit etwa 1200 Jahren stets sachte an - im Mittel um einen Millimeter pro Jahr.

"Das ist nicht sonderlich viel - also in hundert Jahren 10 cm."

 Und das sei auch jetzt noch so. Eine Beschleunigung des Anstiegs kann Reinhard Lampe nicht erkennen. Dennoch nahmen er und seine Kollegen modellhaft an, dass sich ein Einfluss des Menschen auf das Tempo des Klimawandels demnächst auch in der Ostsee zeigen werde. Daher der bis zu 35cm höhere Meeresspiegel vor Mecklenburg - Vorpommern.

"Das sind auch die Beträge, die der Küstenschutz zugrunde legt, damit der Deich dann auch in 60 Jahren noch zuverlässig schützt."

Inseln verschwinden

Sollten Inseln oder Strandabschnitte Opfer der Wellen werden - es wäre nicht das erste Mal. Sagenumwoben natürlich der Untergang von Vineta. Nachgewiesen hingegen ist der Untergang der Insel Großer Stubber im Greifswalder Bodden Anfang des vorigen Jahrhunderts.

"Wir haben südwestlich von Vilm die Insel Schnakenwerder, die untergegangen ist. Wir haben im Kubitzer Bodden Heuwiesen, die möglicherweise auch nicht mehr lange existieren. Also das sind tatsächlich so kleine Stücke, wo man sagt, das könnte ein Opfer werden."

Doch der Meeresspiegelanstieg allein sagt noch nicht viel über den künftigen Küstenverlauf in Mecklenburg-Vorpommern. Eine wichtige Rolle spielt auch die stetige West-Ost-Strömung des Wassers, denn die transportiert beständig Sand von einem Gebiet ins andere.

So könnte die Insel Hiddensee selbst ohne Meeresspiegelanstieg eines Tages versinken, während im östlichen Teil der Halbinsel Fischland-Zingst-Darß ständig neuer Sand anlandet. Klimawandel hin oder her, meint Küstenforscher Reinhard Lampe. Und sonst?

Werde die Klimaerwärmung Mecklenburg-Vorpommern vorerst wohl noch kein Mittelmeerklima wie in der Toskana bescheren. Immerhin aber könnten hiesige Gärtner und Bauern bald schon mehr wärmeliebende Kulturen anbauen - Hoffnung für Mecklenburg-Vorpommerns derzeit noch überschaubare Winzer-Szene.

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