Der katholische Bischof Alfred Bengsch

Geeintes Bistum im geteilten Berlin

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Der Berliner Altbischofs Kardinal Alfred Bengsch legt dem damaligen Theologieprofessor Joseph Ratzinger im Liebfrauendom in München die Hand auf den Kopf.
Auf diesem Bild von 1977 ist er schon Kardinal: Als Bischof hat Alfred Bengsch von 1961 bis 1968 im geteilten Berlin die Einheit des Bistums gewahrt. © picture-alliance / dpa / dpaweb
Von Gunnar Lammert-Türk · 08.08.2021
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Drei Tage nach dem Bau der Mauer wurde Alfred Bengsch Bischof von Berlin. In den darauffolgenden sieben Jahren musste er sich gegen Vereinnahmungsversuche von Ost wie West wehren und sein Bistum über die Grenze hinweg zusammenhalten.
"Ich weiß nicht, was kommende Kirchenhistoriker über unsere Arbeit in diesen sieben Jahren schreiben werden", sagte Alfred Bengsch im August 1968. "Aber ich glaube, wir haben das Mögliche versucht, und Gott wird wissen, was es zuletzt wert ist. Wie auch immer, wir werden durchhalten müssen und das Charisma eines dicken Fells erbeten."
Damals war Bengsch seit sieben Jahren Bischof des Bistums Berlin, das neben großen Teilen von Brandenburg und Vorpommern auch Ost- und Westberlin umfasste. Ernannt wurde er drei Tage nach dem Bau der Berliner Mauer, am 16. August 1961.

Vereinbarung mit der Führung der DDR

Sein Vorgänger, Julius Döpfner, wurde auf Geheiß von Papst Johannes XXIII. Erzbischof von München und Freising. Denn der Vatikan praktizierte einen neuen, weniger konfrontativen Kurs gegenüber den sozialistischen Staaten.
Döpfner hingegen hatte sich wiederholt gegen die Politik der DDR-Regierung ausgesprochen. Deshalb durfte er seit 1958 nicht mehr in den Ostteil seines Bistums reisen. Er bezweifelte, dass sein in Ostberlin wohnender Nachfolger die Katholiken Westberlins jemals würde aufsuchen können. Er täuschte sich. Denn in den Tagen des Mauerbaus kam es zu einer Vereinbarung zwischen Bischof Bengsch und der Führung der DDR.
Die Historikerin Ruth Jung erklärt wie diese aussah: "Teil dieser Vereinbarung ist die Aufrechterhaltung der Einheit und das Zugeständnis, dass der Berliner Bischof weiterhin in den Westteil seines Bistums reisen darf, mehrere Tage pro Monat. Als Gegenleistung, und das ist der Preis, den Bengsch oder der ganze DDR-Katholizismus zahlt, wird so etwas wie politische Loyalität erwartet. Bengsch deutet das als politische Abstinenz."
Eine Abstinenz, die Bengsch nach außen einhält. Der Grund für das Zugeständnis der DDR-Regierung lag wohl vor allem in ihrem Bestreben, vom Vatikan völkerrechtlich anerkannt zu werden. Die politische Loyalität, die sie für die Einheit des Bistums forderte, verstand Bengsch aber nicht als Verzicht auf ein Engagement zugunsten der katholischen Kirche, sagt Historikerin Ruth:
"Er sagt immer und immer wieder auch bei wirklich wichtigen Fragen deutlich seine Meinung bei den standardmäßig stattfindenden Unterredungen mit dem Staatssekretär für Kirchenfragen, manchmal sogar noch mit weiteren, auch höhergestellten Partei- und Staatschargen. Aber er sagt: ‚Ich mach das nicht öffentlich. Wenn ich öffentlich Loyalität bekunden sollte, dann müsste ich kritisch sein. Das wollt ihr doch nicht.‘ Das ist das Druckmittel auf Bengschs Seite."

Beide Staaten wollten Bistum aufteilen

Umgekehrt stellte die DDR-Regierung, wenn ihr etwas im Tun der katholischen Kirche gegen den Strich ging, immer wieder die Vereinbarung infrage. Im Grunde strebte sie die Reduzierung des Bistums auf seine DDR-Gebiete an.
Auch von westlicher Seite aus wurde gegen die Einheit des Bistums gehandelt. Bengschs ranghöchster Mitarbeiter in Westberlin, Generalvikar Walter Adolph, spielte bei den Bemühungen um die Loslösung Westberlins eine entscheidende Rolle. Er war bestens vernetzt mit Regierungskreisen in Bonn, die seine Aktivitäten im Wesentlichen guthießen.
Kirchenhistoriker Stefan Samerski bemerkt dazu: "Eine Idee war, die hat man dann auch gleich mit dem Nuntius, der in Bonn saß und mit dem Bundeskanzleramt, auch mit Adenauer, abgesprochen, dass man erst mal einen neuen Weihbischof im Westteil installiert. Da ist der Bengsch relativ schnell dahintergekommen. Immerhin erforderte das seine Zustimmung, denn er war Bischof und so kam diese Sache raus und da hat Bengsch natürlich sofort gesagt: Das kommt gar nicht infrage. Ich will keinen neuen Weihbischof im Westteil haben, das geht in eine Verselbstständigung."

Öffnung der katholischen Kirche

Auch im Ostteil seines Bistums geriet Bengsch zunehmend unter Druck. Daran hatte der Impuls des Zweiten Vatikanischen Konzils, sich vonseiten der katholischen Kirche stärker gegenüber der Welt zu öffnen, einen wesentlichen Anteil. Das Konzil erlaubte unter anderem eine Öffnung gegenüber dem politischen System der sozialistischen Staaten. Bengsch befürchtete, die DDR-Regierung könne dies nutzen, um Konflikte innerhalb der katholischen Kirche zu schüren und sie so zu schwächen.
Einige kirchliche Mitarbeiter und vor allem jüngere Katholiken aber meinten, Bengsch mache mit den DDR-Oberen gemeinsame Sache bei der Unterdrückung progressiver Bewegungen, sagt der Kirchenhistoriker Samerksi:
"Er versuchte, ausgleichend einzugreifen. Aber er hat natürlich auch dafür gesorgt, dass manche allzu lautstarken Jugendseelsorger dann auf andere Posten gekommen sind, weil die seinem Kurs nicht nur widersprochen haben, sondern, das wusste natürlich Bengsch, von dem DDR-Regime instrumentalisiert wurden und als Spaltpilze innerhalb dieses katholischen Blocks der DDR fungiert hatten."

Einheit des Bistums

Spaltend hätte sich auch das Praktizieren verschiedener liturgischer Formen in den Bistumsteilen auswirken können. Ein allzu experimenteller Umgang mit der Liturgie gefährdete die Einheit der Katholiken, eine gemeinsame gottesdienstliche Sprache im Ost- und im Westteil des Bistums aber stärkte das Zusammengehörigkeitsgefühl und war Trost für die Katholiken im Ostteil.
Aus Anlass seiner Ernennung zum Kardinal sagte Bengsch ihnen am 17. Juli 1967: "Durch diese Kardinalsernennung soll euch bewusst werden, dass ihr in Berlin ein Teil der Weltkirche seid. Der zum Kardinal Berufene, in das Kollegium der Weltkirche Aufgenommene ist ein Zeichen dafür, dass ihr nicht eine Insel seid, eine vergessene Provinz, eine Kirche in der Diaspora, die versucht ist von Müdigkeit und Mutlosigkeit und vielleicht auch Enge, sondern ihr seid Teil der Weltkirche."
Aus dieser Perspektive gelang Alfred Bengsch das Kunststück, die Einheit des Bistums Berlin zu wahren. Der Preis für Bengsch waren Anfeindungen, Misstrauen und Missverständnis. Er hatte es wohl geahnt. Denn schon kurz nach seiner Ernennung zum Bischof hatte er den Priestern der DDR im September 1961 gesagt:
"Es ist nicht leicht, was jetzt beginnt: immer im Blickpunkt zu stehen, immer angefordert von hoch gespannten Hoffnungen und beladen mit allen Sorgen. Ich sage es offen, aber ich will nicht klagen, sondern um Euer Verständnis bitten, wenn unter den Stoffmassen des Bischofsschmuckes hin und wieder ein Seufzer im Berliner Dialekt zu hören ist."
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