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Lesart / Archiv | Beitrag vom 26.12.2012

Der Kampf ums Öl

Daniele Ganser: "Europa im Erdölrausch. Die Folgen einer gefährlichen Abhängigkeit."

Rezensiert von Rainer Burchardt

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Die Ressource Erdöl hat zu großen militärischen Konflikten geführt, so Ganser. (picture alliance / dpa / epa afp Odd Andersen)
Die Ressource Erdöl hat zu großen militärischen Konflikten geführt, so Ganser. (picture alliance / dpa / epa afp Odd Andersen)

Die Abkehr vom Erdöl ist nicht nur eine Frage des Klimaschutzes, sondern auch eine Frage von Krieg und Frieden. Diesen Eindruck vermittelt der Schweizer Historiker und Friedensforscher Daniele Ganser in seinem Buch "Europa im Erdölrausch".

Alle reden von der Energiewende. Doch wer gestaltet sie, wie und warum? Daniele Ganser versucht, eine umfassende Antwort auf diese vitalen Fragen zu geben. Im Mittelpunkt seiner glänzenden Analyse stehen dabei historische, ökonomische und politische Aspekte, die verdeutlichen, dass es in der globalen Energieressourcenlage "fünf vor zwölf" ist:

"Heute bin ich davon überzeugt, dass wir das Erdöl verlassen, bevor es uns verlässt. Dafür braucht es einen Bewusstseinswandel. Ich hoffe, dass in Zukunft immer mehr Menschen die erneuerbaren Energien, Sonne, Wind, Wasser, Erdwärme und Biomasse, ausbauen, deren Effizienz fördern und Konflikte ohne Gewalt lösen werden."

Mit diesen einleitenden Worten gibt der Schweizer Historiker und Friedensforscher schon die Gesamtrichtung seiner Betrachtung vor.

Cover: "Europa im Erdölrausch" von Daniele Ganser (Orell-Füssli-Verlag)Cover: "Europa im Erdölrausch" von Daniele Ganser (Orell-Füssli-Verlag)Dabei schildert er zunächst einmal die Geschichte der Entdeckung und Förderung des sogenannten schwarzen Goldes im 19.Jahrhundert und damit die zentrale Rolle dieses Rohstoffes für die industrielle Entwicklung. Öl gewissermaßen als beschleunigendes Schmiermittel der industriellen Revolution.

Ähnlich wie im Goldrausch wird auch bei diesem fossilen Brennstoff die Euphorie der Förderer und Profiteure im Glauben an die Unendlichkeit der Vorräte deutlich. Das Bewusstsein für die natürliche Begrenzung dieser Ressource fehlte anfänglich nahezu total. Vielmehr wird das Erdöl beziehungsweise dessen Nutzanwendung vor allem für die Mobilität zu einem zentralen Machtfaktor sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg.

"Der Zweite Weltkrieg war durch die hohe Mobilität zu Lande, zu Wasser und in der Luft charakterisiert. Diese Mobilität, das wussten alle Kriegsparteien, konnte nur durch den Zufluss von Energie, in erster Linie Erdöl, garantiert werden. Ohne Erdöl standen Schiffe, Flugzeuge, Panzer, Jeeps und Lastwagen still. Verflüssigte Kohle trug nur in sehr bescheidenem Umfang zur Mobilität bei. Es war schon wie im Ersten Weltkrieg erneut die Erdölversorgung, die über Sieg und Niederlage entschied."

Als einen schlagenden Beweis für diese These führt Ganser an, die Niederlage des Hitler-Regimes hätte sich schon dadurch angebahnt, dass es den deutschen Soldaten nicht gelang, die Ölfelder von Baku zu erobern.

Die großen militärischen Konflikte der zweiten Hälfte des 20. und des beginnenden 21. Jahrhunderts sieht er eher durch die Kriege um das Erdöl als mit dem Erdöl bestimmt. Natürlich verweist er zunächst einmal auf den unermesslichen Reichtum, den die Förderländer und deren Potentaten anhäuften. Daraus wurde dann auch ein politisches Machtbewusstsein vor allem in Nahost geschaffen.

Die Gründung der OPEC, der Organisation der Erdölexportierenden Länder, war somit der logische Zusammenschluss dieser Staaten im Bewusstsein, mit einem Machtkartell weltpolitischen Einfluss zu gewinnen. Mit der künstlichen, koordinierten Drosselung der Produktionsquoten konnte vor allem über die Preispolitik volkswirtschaftlicher Druck erzeugt werden. Die Europäer mussten dies zum ersten Mal in der ersten Hälfte der 70er-Jahre bei der ersten Ölpreiskrise erfahren.

Wenige Jahre zuvor war die weltweit Schrecken auslösende Veröffentlichung des "Club of Rome" über die "Grenzen des Wachstums" erschienen. Mit Sonntagsfahrverboten für Automobile reagierten viele europäische Länder, darunter auch Deutschland, um auch der OPEC zu zeigen, dass ihre Druckmittel begrenzt werden können. Allerdings ging dies alles von der Fehlannahme aus, dass tatsächlich die Ölvorräte schon damals ihrem Ende entgegen gingen.

"Immer wenn eine Erdölknappheit auftritt, erschallt der gleiche Rufe aus Europa und den USA: Die OPEC möge doch bitte die Förderung erhöhen, denn bekanntlich verfüge sie über riesige Reserven. Das stimmt zwar - die OPEC-Länder verfügen über die größten Erdölreserven-, aber wie groß diese Reserven wirklich sind, weiß niemand genau, denn sie können nicht durch unabhängige Stellen überprüft werden."

Diese volatile und nicht kontrollierbare Abhängigkeit hat vor allem die Europäer letztendlich über gängige Alternativen zum Erdöl nachdenken lasen.

Nachdem, nicht zuletzt durch die Katastrophen von Tschernobyl 1986 und Fukushima 2011 endlich ein weltweites Bewusstsein für die unberechenbare Gefährlichkeit der Kernenergiegewinnung sich verstärkte - von den ungelösten Problemen der Zwischen- und Endlagerung des Atommülls ganz zu schweigen-, entstand mit der vielerorts eingeleiteten Energiewende ein neuer politisches Handlungszwang.

Im Wissen, dass schon zur Mitte dieses Jahrhunderts nur noch die Hälfte der Menschheit den nötigen Energiebedarf durch fossile Brennstoffe abdecken kann - es droht eine globale Hungerkatastrophe -, setzen viele Regierungen vor allem des Westens, auf regenerative Energien.

"Denkbar ist aber auch, dass die Energiewende nicht gelingt und sich Ressourcenkriege ausbreiten und die Menschen sich mit den modernsten Waffen gegenseitig umbringen. Klimawandel, Nahrungsmittelknappheit, Arbeitslosigkeit, Dürren und Kampf ums Wasser würden eine solche dunkle Zukunft charakterisieren, in welcher die Weltbevölkerung reduziert wird, kombiniert mit hohen Erdölpreisen, die das Wirtschaftswachstum abwürgen."

So weit ist es gottlob noch nicht. Doch wenn nicht durch eine Beschleunigung der mit der Energiewende verbundenen Entwicklung und Exploration regenerativer Energien auch und gerade in Mitteleuropa ernst gemacht wird, dann in der Tat steht uns eine in ihren Folgen unabsehbare Existenzkrise bevor.

Darauf mit einem umfangreichen Zahlenwerk, mit einfachen Grafiken und vielen Hinterrundinformationen aufwartenden Grundlagenwissen aufmerksam gemacht zu haben, ist das große Verdienst dieses Buches.

Daniele Ganser: Europa im Erdölrausch. Die Folgen einer gefährlichen Abhängigkeit.
Orell-Füssli-Verlag Zürich, Oktober 2012

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