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Lesart / Archiv | Beitrag vom 07.08.2011

Der gute David

Gerhard Streminger: "David Hume. Der Philosoph und sein Zeitalter"

Rezensiert von Michael Böhm

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Nicht abstrakte Tugendideale, sondern empirische Erfahrungen leiteten David Humes Denken (AP)
Nicht abstrakte Tugendideale, sondern empirische Erfahrungen leiteten David Humes Denken (AP)

Das 700 Seiten starke Buch über den englischen Moralphilosophen David Hume fasziniert, weil es die Zeit lebendig macht, in der die Aufklärung noch ihre Unschuld besaß.

Um 1730 war die Ursache eines neuen philosophischen Systems fließender Speichel, blutendes Zahnfleisch und Flecken auf der Haut. Zu dieser Zeit sabberte der junge Philosoph David Hume in Edinburgh unentwegt, litt an leichter Skorbut und Ausschlag. Sein Missmut griff seinen Körper an, er wurde ernsthaft krank. Krank, weil er stoisch zu leben versuchte und über Leiden erhaben werden wollte; krank, weil er sich an einer Moral orientierte, die wie die calvinistische die menschliche Natur ignorierte. Doch Hume beobachtete an sich, dass er um so kränker wurde, je mehr er sich bemühte, den eigenen Charakter nach abstrakten Tugendidealen zu formen – so setzte bei ihm Heilung ein und er fand zu einer neuen Methode. Für Hume sollte fortan nur das empirisch Gegebene die menschliche Moral bestimmen: Erfahrungen, Experimente und Beobachtungen, aber keine religiösen Gebote. Denn

"es bedarf eines Wissens um die menschliche Natur, ehe moralische Forderungen gestellt werden. Sollensvorschriften haben sich nach den Dingen zu richten und nicht umgekehrt."

Im seinem 300. Geburtsjahr liegt, leicht überarbeitet, Gerhard Stremingers vor fast 20 Jahren erschienene Biografie über David Hume vor – und sie enthält unter anderem die Anekdote, wie der schottische Aufklärer zu seiner atheistischen Philosophie gelangte. Doch Streminger erzählt nicht wie ein Schriftsteller von diesem Damaskuserlebnis im Werdegang des 1711 geborenen Hume, er erklärt es wie ein Akademiker. Stremingers fulminantes Buch über David Hume, einen der einflussreichsten Denker des 18. Jahrhunderts, hat einen Makel: Ihm fehlen mitunter Dramaturgie und Form. Zwar spürt der Autor zuweilen anschaulich dem Leben Humes nach, stellt die Strenge, Freudlosigkeit und Schuldangst des calvinistischen Milieus dar, dem dieser entstammte und das er hinter sich ließ; schildert, wie er gegen den Willen seiner Mutter Philosophie studierte und zum Stoizismus fand; berichtet, wie er als freier Schriftsteller durch Europa reiste, Aufklärer wie Rousseau, Diderot und d'Alembert traf und, obschon als Atheist verschrien, ihnen als zu religiös erschien.

Buchcover: "David Hume" von Gerhard Streminger (C.H.Beck Verlag)Buchcover: "David Hume" von Gerhard Streminger (C.H.Beck Verlag)Doch manchmal verschwindet die Figur Humes und der Lebenswegs seines Denkens, wenn Streminger darüber gelehrt räsoniert oder historische Ereignisse zu detailverliebt beschreibt: etwa die Schlacht um die französische Küstenstadt L'Orient im Jahre 1743. An ihr nahm Hume zwar als Sekretär des englischen Generals Sinclair teil, doch hat sie ihn zu keinen philosophischen Reflexionen inspiriert, die verbürgt sind. Warum auch – in ihr wurde kaum gekämpft. Nicht zuletzt wechselt der Autor immer wieder die Perspektive, um über mehrere Seiten hinweg chronologisch sämtliche Schriften Humes zu erläutern: angefangen vom berühmten Treatise of Human Nature bis hin zu den Dialogues concerning natural religion. So wetteifern in Stremingers Buch manchmal drei Bücher eifersüchtig um die Gunst des Lesers: Ein Gesellschaftsbild des 18. Jahrhunderts, eine Biografie über David Hume und eine Einführung in sein Denken.

Aber trotzdem fasziniert dieses 700 Seiten umfassende Werk, weil es die Zeit lebendig macht, in der die Aufklärung noch ihre Unschuld besaß und man erbittert stritt, nach welcher Moral zu leben sei: Denn noch gab es tiefen Aberglauben, starben Frauen als Hexen auf dem Schafott, versammelten sich demütig ganze Dörfer in den nach Schweiß und kaltem Kerzenrauch riechenden Kirchen Schottlands, verschüchtert von keifenden calvinistischen Pfarrern, die meinten, alle Menschen seien verdorben und sündhaft; aber in London, Edinburgh und Amsterdam handelten bereits kosmopolitische, pragmatische Bürger mit Geschäftspartnern in aller Welt, ermuntert von aufgeklärten Intellektuellen, für die allein die berechnende Vernunft moralisch war.

Hume, der "gute David", der beleibte "Menschenfreund", der gern aß und trank, stand immer zwischen ihnen: vermittelnd, skeptisch, jedwedem Fanatismus abhold. Für ihn waren Religionen aus Angst und Hoffnung geborene Einbildungen, die keine menschlichen Leidenschaften zügeln, sondern vielmehr jede wirkliche Moral bedrohen, ja unfähig sind, sie überhaupt zu stiften. Aber letzteres vermochte für ihn wiederum nicht allein die Vernunft, sondern vor allem das Gefühl, das im kalten Licht der Rationalisten nichts galt. Fähig zu sein, Gefühle miteinander auszutauschen, Sympathie zu empfinden – das ist die Basis von Humes Moral, nicht offenbart von Gott, sondern verwurzelt in der Natur des Menschen:

"Welche anderen Affekte uns auch antreiben mögen, Stolz, Ehrgeiz, Geiz, Neugierde, Rachsucht oder sinnliche Begierde, die Seele, das belebende Prinzip in ihnen allen, ist die Sympathie. Sie alle hätten gar keine Macht, sähen wir bei ihnen gänzlich von den Gedanken und Gefühlen anderer ab."

Mit seinen Reflexionen trug Hume dazu bei, im 18. Jahrhundert auf der britischen Insel das liberale Wertesystem zu etablieren, verteufelt von der Kirche, die seine Schriften indizierte, beargwöhnt von der Wissenschaft, die ihm nie einen Lehrstuhl anbot. Doch auch auf dem Festland kam zu dieser Zeit das Denken des Schotten bereits zum Tragen: Immanuel Kants "Kritik der reinen Vernunft" ist ohne seinen Einfluss undenkbar.

Stremingers Verdienst ist es, den Lebensweg dieses Protagonisten der europäischen Aufklärung umfassend rekonstruiert zu haben, in einer Sprache, die verständlich ist und in einem Ton, der Sympathie bezeugt. Es verwundert daher nicht, dass der Autor Humes Religionskritik heute noch als aktuell betrachtet. So macht das Buch über den großen Atheisten Hume denn auch nachdenklich. Denn Hume, der für eine von Gott autonome Moral plädierte, glaubte an den moralischen Fortschritt der Menschheit, getreu des Optimismus' der ganzen Epoche – und wahrscheinlich rief er deshalb nach keinem Priester, als er 1776 starb. Doch die nachfolgenden zwei Jahrhunderte zeigten, dass auch eine vom christlichen Monotheismus entbundene Moral zu neuen Dogmatismen führte – in totalitäre Systeme.

Gerhard Streminger: David Hume. Der Philosoph und sein Zeitalter. Eine Biographie
C.H.Beck, München 2011

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