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Fazit / Archiv | Beitrag vom 12.03.2013

Der ferne Osten im Bilde

Chinesische Filmgeschichte im Berliner Kino Arsenal

Von Wolfgang Martin Hamdorf

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Regisseur Wong Kar-Wai ist weltweit ein Star. Doch was war vor seiner Zeit? (picture alliance / dpa / Hannibal Hanschke)
Regisseur Wong Kar-Wai ist weltweit ein Star. Doch was war vor seiner Zeit? (picture alliance / dpa / Hannibal Hanschke)

Seit Jahrzehnten laufen Filme aus dem Land der Mitte mit großem Erfolg auf internationalen Festivals. Weniger bekannt ist dagegen die Filmgeschichte Chinas. Diese Lücke will eine Reihe im Berliner Arsenal schließen, in der Werke aus den Jahren 1929 bis 1964 gezeigt werden.

Die Volksmiliz greift an, die Revolution singt und siegt. "Das rote Frauenbataillon" aus dem Jahre 1961 ist ein heroischer Film über eine selbstbewusste junge Frau vom Lande im Dienste der kommunistischen Revolution. Rote Fahnen, die blaue Uniform mit der Mao Mütze, Klischees und Bilder, die man mit dem chinesischen Film der Mao-Zeit verbindet. Die Reihe "Ein Lied um Mitternacht" will diesen reduzierten Blick erweitern und versuchen, die Vielschichtigkeit der chinesischen Filmgeschichte aufzuzeigen, erklärt Fabian Tietke, einer der Kuratoren der Reihe:

"So einfach ist das nicht, Filme als Propaganda zu identifizieren. Also ein Film wie 'Das rote Frauenbataillon' ist ein Propagandafilm, ist aber auch ein wahnsinnig gelungenes Melodram. Mit einer Geschichte, die halt mit deutschen Sehkonventionen auch erst einmal bricht, weil er eine starke Frauengruppe ins Zentrum stellt. Und damit eigentlich auch mit so einer gewissen Erwartung von Krieg als männlicher Inszenierung bricht - der Inszenierung als Krieg, als männliches Phänomen zum Beispiel bricht. Und damit auch wieder interessant ist."

Seit 30 Jahren boomt der chinesische Film

Der Boom des chinesischen Films auf internationalen Festivals begann in den 1980er-Jahren. Filmkritiker jubelten über den vermeintlichen Bruch mit der Tradition kommunistischen Propagandakinos. Die Etiketten waren klar: Autoren- oder Dissidentenfilme auf der einen, das Propagandakino eines totalitären Regimes auf der anderen Seite. Die Reihe in Berlin hinterfragt die üblichen Kategorien.

"Wir sind halt auch ausgegangen von den zeitgenössischen Filmen, von Dokumentarfilmen der 2000er-Jahre - der sogenannten sechsten Generation -, und diese Filme werden normalerweise auf eine Kritik festgelegt. Fragt sich nur, wogegen richtet sich diese Kritik überhaupt und das war auch ein Ausgangspunkt, überhaupt zu sagen, wenn man sozusagen die Folie vor der sozusagen die Kritik sich äußert nicht versteht, versteht man auch nicht, wogegen die Kritik sich äußert."

Die Filmreihe setzt einen Schwerpunkt auf das Kino nach der kommunistischen Revolution von 1949. Ein anderer Schwerpunkt liegt auf dem sogenannten Schanghai-Kino der 1930er-Jahre, als die chinesische Metropole ein weltweit bedeutendes Produktionszentrum wurde. Für den Filmhistoriker Huangfu Yichual vom staatlichen Filmarchiv ist das Schanghai-Kino eine der interessantesten Phasen der chinesischen Filmgeschichte:

"Es war besonders geprägt durch einen sozialen Realismus, Gesellschaftskritik, aber auch von den Einflüssen zeitgenössischer und traditioneller chinesischer Kunst. Hinzu kam dann noch die Übernahme zahlreicher Elemente der kommerziellen Genrefilme aus Hollywood."

So etwa der Film, der der Reihe den Namen gegeben hat, "Song at Midnight", "Ein Lied um Mitternacht" aus dem Jahre 1937. Mit Elementen des Horrorfilms, die stark an das "Phantom der Oper" erinnern, klagt er gleichzeitig das chinesische Feudalsystem auf dem Lande an.

Soziales Elend im Schanghai-Kino der 30er-Jahre

In anderen Filmen geht es direkt um das soziale Elend in der Metropole. Junge Frauen vom Lande enden als Prostituierte, etwa in dem sozialen Melodram "Street Angel" aus dem Jahre 1937, das in die verwinkelten Slums Schanghais führt. Filme wie "Ein Lied um Mitternacht" zeigen aber immer wieder auch Bezüge zu anderen traditionellen chinesischen Kunstformen auf, etwa zur Oper. Cecilia Valenti, Mitkuratorin der Reihe, sieht hier aber auch Kontinuitäten zu späteren Phasen chinesischer Filmgeschichte:

"Und ich glaube, dass oft auch andere Filme mit solcher Art Oper - oder dass Oper überall, auch später unter Mao sehr wichtig wurde. Als Kunstform, aber eben auch ins Filmische übersetzt. Oder das Silhuettentheater, das Shadow-Theater. Ich meine, dass Kino auf Chinesisch 'electric Shadow' heißt, also 'elektrische Schatten'."

Die chinesische Filmgeschichte reflektierte immer auch die Schatten der politischen Veränderungen. In der Filmreihe geht es daher um Kontinuitäten und Diskontinuitäten. Aber auch um immer wiederkehrende Gegensätze, wie der zwischen Stadt und Land, der auch die Unterscheide der gegenwärtigen sechsten Generation und ihrer Vorgänger ausmacht.

Fabian Tietke: "Aber genau das verbindet sie zurück zur Filmgeschichte, die wir hier auch vorstellen. Die 30er-Jahre waren eben auch ein Kino, das sehr städtisch ausgerichtet ist. In den 50ern ist das schillernder. Es gibt Stadtfilme, es gibt aber auch Landfilme, auch die klassischen Stoffe werden schon wichtiger. Es gibt immer wieder Verfilmungen von klassischen Erzählungen der chinesischen Literaturgeschichte, auch das ist ein Rückgriff. Und natürlich gibt es den großen Bruch der Kulturrevolution, das muss man einfach auch sagen. Deswegen haben wir auch gesagt, wir wollen auf jeden Fall vor der Kulturrevolution enden, weil diese zehn Jahre der Kulturrevolution, die zwölf Jahre bis zur Wiedereröffnung der Filmhochschule 1978, die fallen eben wirklich ein bisschen heraus. Aber auch die fünfte Generation, die danach arbeitet, schließt eigentlich wieder ein bisschen an an das, was davor war."

In 24 abendfüllenden Filmen zeigt die Reihe sehr unterschiedliche Facetten der chinesischen Kinoentwicklung. Dabei überrascht die stilistische Vielfalt, vom stummen Sozialdrama über den Horrorfilm mit gesellschaftskritischer Anklage bis hin zur kämpferischen Revolutionsoper in Technicolor.


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