Der Fall Gabby Petito

    True Crime als Social Media Trend

    09:26 Minuten
    Ein Foto zeigt die junge lachende Frau Gabby Petito
    Es gibt zahlreiche Fotos und Videos von Gabby Petito in ihren Social Media Accounts. © picture alliance / abaca / TNS / ABACA
    Berit Glanz im Gespräch mit Vera Linß und Dennis Kogel · 25.09.2021
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    Seit die junge Reisebloggerin Gabby Petito verschwunden ist, versucht sich die Social Media Community als Ermittler-Team. Ein verstörender Internethype, der auch mit dem Fund von Petitos Leiche nicht abgenommen hat.
    Am 19. September wurden in einem National Forest in Wyoming die Leiche einer jungen Frau gefunden, die mittlerweile als Gabby Petito identifiziert wurde. Schon seitdem die junge Frau am 11. September offiziell für vermisst erklärt wurde, wird der Fall nicht nur in den etablierten Medien sehr genau begleitet, sondern ist auch in den sozialen Medien ein virales Phänomen.
    Es gibt unzählige Videos mit Theorien zu ihrem Verschwinden. Die Menschen durchforsten die Social Media Accounts von Petito und ihrem Verlobten Brian Laundrie mit forensischem Interesse, suchen nach Spuren und Hinweisen. Der #gabbypetito Hashtag auf TikTok hat knapp 900 Millionen Views, bei Instagram finden sich unter dem Hashtag #Gabby über 300.000 Beiträge, die sich auf verschiedenste Weise mit dem Fall befassen.
    Zu dem viralen Phänomen hat auch ein Bodycam-Video beigetragen, sagt Berit Glanz, Literaturwissenschaftlerin an der Uni Greifswald. Dieses veröffentlichte die Polizei kurz nachdem Petito vermisst gemeldet wurde. Es zeigt die junge Frau verstört und weinend. Nun ist die Leiche der Frau gefunden worden. Der Hype ebbt damit aber nicht ab. Stattdessen versuchen jetzt die User, den ehemaligen Partner Petitos zu finden, der erst die Aussage verweigert hat, dann verschwand.

    Das Missing White Woman Syndrome

    Ende 2020 gab es über 90.000 aktive Vermisstenfälle in den USA. Und doch ist es gerade dieser Fall, der die Öffentlichkeit bewegt. Dafür gebe es sogar einen Begriff, so Glanz: Missing White Woman Syndrome. "Das ist ein voyeuristisches Interesse an gewalttätigen Kriminalfällen, bei denen das Opfer eine junge, weiße Frau ist. Und die ist meist auch attraktiv und aus der Mittelschicht. Und über diese Opfer wird extrem viel mehr berichtet als über nicht-weiße Frauen, Frauen aus armen Gesellschaftsschichten und Jungen und Männer, über die kaum berichtet wird."
    Ein Mann und eine Frau gucken in eine Kamera: Gabby Petito und ihr Freund Brian Laundrie.
    Gabby Petito und ihr Freund Brian Laundrie. Die Suche nach ihm bewegt noch die Community.© picture alliance / abaca / TNS / ABACA
    Dazu komme, dass Gabby Petito sehr aktive Social Media Accounts hatte, die nun zu dem Phänomen beitragen. Sie sei Teil der Van-Life-Bubble gewesen, in der in fantastischen Bildern von Campingreisen berichtet und Aussteigerträumen so befeuert werden. Petito und ihr Freund sind im Juli 2021 zu einer längeren Reise durch die USA aufgebrochen, haben viel gepostet.

    Verbrechen in Echtzeit verfolgen

    "Und deswegen gibt es extrem viel Bildmaterial, auf dem sie sehr attraktiv ist, wunderschöne Videoaufnahmen auf TikTok." Diese Aufnahmen ständen im krassen Gegensatz zu den Bodycam-Aufnahmen der Polizei. "Und das trägt sicherlich dazu bei, dass die Faszination weit über die Van-Life-Community hinausgegangen ist."
    Hinzu komme, dass das zahlreiche Bildmaterial zu einer Art "Puzzelspiel" anrege, bei dem jeder User, jede Userin versuchen könne, in der digitalen Welt Hinweise aufzuspüren, ein Verbrechen quasi in Echtzeit mitbekommen, selbst ermitteln. Kein Wunder, dass dabei auch Verschwörungstheorien nicht ausbleiben oder auch Tarotkarten gelegt werden, um zu einem Ergebnis zu kommen.
    Aber der Onlinehype habe auch etwas gebracht, sagt Glanz. So habe er vermutlich zum Fund von Petitos Leiche beigetragen. Denn eine Reisebloggerin habe in einem ihrer Videos den Wagen der Gesuchten entdeckt. Der entscheidende Hinweis. "Das ist eben ein zweischneidiges Schwert: Auf der einen Seite ist der virale Hype extrem verstörend, auf der anderen Seite kann diese riesige Sichtbarkeit dann auch bei den Ermittlungen helfen."
    (lkn)
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