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Fazit / Archiv | Beitrag vom 29.01.2018

Der Fall Dieter Wedel Regisseur Simon Verhoeven fordert Reaktion der Branche

Simon Verhoeven im Gespräch mit Gabi Wuttke

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Der Regisseur Simon Verhoeven (dpa / Tobias Hase)
Der Regisseur Simon Verhoeven (dpa / Tobias Hase)

Auf Facebook hat der Schauspieler und Regisseur Simon Verhoeven seiner Wut über den Fall Dieter Wedel Ausdruck geben und das Schweigen in der Branche angeprangert. Er forderte, dass vor allem TV-Sender und Produktionsfirmen das jetzt aufarbeiten müssten.

Auf Facebook hat der Schauspieler und Regisseur Simon Verhoeven seiner Wut über den Fall Dieter Wedel Ausdruck geben und das Schweigen in der Branche angeprangert. Er forderte, dass vor allem TV-Sender und Produktionsfirmen das jetzt aufarbeiten müssten.  

Wut über Dieter Wedel

"Wedel selbst macht mich immer noch etwas mehr wütend, weil ich zum Glück weiß, dass diese Mechanismen der Branche, die ihn geschützt haben, doch nur sehr vereinzelt vorkommen", sagte der Schauspieler und Regisseur Simon Verhoeven im Deutschlandfunk Kultur. Er wolle nicht mit der Filmbranche abrechnen und sie als ganzes anklagen, denn 99,9 Prozent der Menschen im Filmgeschäft seien anständige Menschen.

Entsetzen über Untätigkeit

Verhoeven sagte, er habe die Wochenzeitung "Die Zeit" gelesen und sei von den Aussagen der betroffenen Frauen in dem Dossier entsetzt gewesen. "Deshalb wurde ich wütend, dass er so lange sein Unwesen treiben konnte, geschützt von gewissen Leuten", sagte Verhoeven über Wedel, dem von mehreren Schauspielerinnen Vergewaltigungen und Machtmissbrauch in mehrere Jahrzehnte zurückliegenden Fällen vorgeworfen werden. Was ihn am meisten schockiert habe, sei, dass es so lange gehen konnte und bestimmte Leute davon gewusst hätten, ohne Wedel zu stoppen.

Lückenlose Aufklärung nötig

"Das ist wichtig, dass sich die Branche davon distanziert", sagte der Filmemacher. "Das habe ich auch getan – wir sagen, unsere Branche ist nicht so, weil sie ist auch nicht so." Der Fall müsse ernsthaft und Fall lückenlos aufgeklärt werden. "Das Entscheidende ist, dass die betreffenden Sender und Produktionsfirmen, dass die das aufarbeiten." Es gebe da auch ein Potenzial für Entschuldigung und das müsse jetzt geschehen.   


Das Interview im Wortlaut:

Gabi Wuttke: Die MeToo-Bewegung hat mitnichten eine kurze Halbwertzeit. Kamen zur Golden-Globe-Verleihung die meisten aus Protest in Schwarz, waren viele Musikerinnen bei der Gala für die Grammys in Weiß gekleidet. Während Bad Hersfeld das Stück, das Dieter Wedel in der kommenden Saison inszenieren wollte, heute vom Spielplan gestrichen hat, machte einer seiner Wut über Wedel auf Facebook so richtig Luft: der Schauspieler und Regisseur Simon Verhoeven. Einen schönen guten Abend!

Simon Verhoeven: Ja, schönen guten Abend, Frau Wuttke!

Wuttke: Sie bezeichnen Dieter Wedel als Monster und Drecksack, und Sie schämen sich für die Mechanismen Ihrer Branche, das haben Sie geschrieben. Was macht Sie gerade wütender?

Verhoeven: Wedel selbst, glaube ich, macht mich immer noch etwas mehr wütend, weil ich zum Glück weiß, dass diese Mechanismen der Branche, die ihn geschützt haben, doch nur sehr vereinzelt vorkommen. Ich wollte hier nicht mit der Branche abrechnen und die gesamte Branche anklagen, weil 99,9 Prozent der Menschen im Filmgeschäft sind anständige Menschen, die sich genauso verletzt fühlen von diesen furchtbaren Dingen, die da vorgefallen sind. Ich habe einfach die "Zeit" gelesen, und ja, die Aussagen der Frauen haben mich schockiert, und deshalb wurde ich wütend, dass er so lange sein Unwesen treiben konnte, geschützt von gewissen Leuten und eben auch Mechanismen.

Wir haben es zu locker genommen

Wuttke: Sie schreiben aber auch, dass jeder wusste von diesen, Zitat, "ätzenden Geschichten". Sie sind Jahrgang 72, wussten Sie davon oder Ihre Eltern möglicherweise?

Verhoeven: Ja, also jetzt müssen wir mal kurz differenzieren, was für ätzende Geschichten wir meinen.

Wuttke: Machen Sie das!

Verhoeven: Wovon man wusste oder was man gehört hatte – also ich war in den 80er-Jahren jetzt noch nicht so im Film aktiv, aber ich denke mal, was in der Filmbranche in den 80er-Jahren, 90er-Jahren, vielleicht auch danach noch schon gerüchteweise und storymäßig für jeden zu wissen war, war, dass der Typ einfach am Set auch Wutausbrüche bekommen hat, dass er Schauspieler und auch Schauspielerinnen vor allem auch mal ein Take 40-mal wiederholen lassen konnte, 50-mal – das machen andere auch, aber er hat es eben wohl auch gemacht, um Leute zu malträtieren.

Ich sag's mal auf gut Deutsch: Man hat sich gedacht, der Typ ist ein Arsch, so. Man hat nicht gedacht, dass der Typ Frauen vergewaltigt, man hat nicht gedacht, dass der Typ Gewalt anwendet und einer Frau so wehtut, dass sie den Dreh nicht fortsetzen kann, und dass er aber trotzdem den Dreh weiterdrehen konnte, dass ihm das erlaubt wurde. Das ist das, was wir nicht gewusst haben, und es konnte sich ja auch keiner in so einem Ausmaß darstellen. Aber ich glaube, man hat das auch ein bisschen zu locker genommen – wir alle haben es vielleicht zu locker genommen, was wir da gehört haben. Wir dachten so, ach ja, Regiekünstler, ja gut, die haben halt mal Wutausbrüche und so, aber das hat nichts damit zu tun.

Am Set darf es auch mal laut werden, es dürfen Leute leidenschaftlich miteinander streiten, selbstverständlich, das ist kein Streichelzoo, ein Filmdreh. Und da hätte man durchaus früher mal kritisch drüber nachdenken können, das sag ich einfach mal so. Was mich am meisten schockiert, dass es eben so lange gehen konnte und dass er eben von gewissen Leuten, die sicherlich davon wussten, was da wirklich in diesem drastischen Ausmaß vorgefallen ist, und es trotzdem nicht gestoppt haben.

Potenzial für Entschuldigung

Wuttke: Und Sie fordern jetzt, dass die Serien von Wedel, seine Filme, nie wieder gezeigt werden sollten. Ist das die für Sie als Schauspieler und Regisseur größtmögliche denkbare Strafe?

Verhoeven: Das ist eine gute Frage, also das weiß ich nicht genau, normalerweise schreibe ich nicht so emotional auf Facebook. Es wäre natürlich auch eine Strafe für die Schauspieler, die da mitgespielt haben, für den Kameramann, für viele Leute, die da mitgearbeitet haben. Für die ist es dann vielleicht nicht schön, wenn das nie wieder gezeigt wird.

Auf der anderen Seite, ja, ich kann mir nicht vorstellen, irgendwas von Dieter Wedel mir anzuschauen im Fernsehen, aber das ist nicht das Entscheidende. Ich glaube, das Entscheidende ist, dass eben die betreffenden Sender und Produktionsfirmen, dass die das aufarbeiten. Ich glaube, da gibt es einfach auch ein bisschen Potenzial zur Entschuldigung, und das muss jetzt geschehen.

Wuttke: Sie sagen aber auch, Karriere und Blockbuster nicht mehr um jeden Preis?

Verhoeven: Das ist kein Fall, der irgendwie archetypisch für die Filmbranche ist. Was mich schockiert, ist, dass es eben Leute gab, die das erlaubt haben, dass es weiterlief, und die keine Fragen gestellt haben, die weggeschaut haben. Also auch vom Team könnte ich mir vorstellen, dass man da einfach mal einschreiten muss, wenn ein Regisseur sich so verhält, aber das sind Leute teilweise, die müssen ihr Leben verdienen, die sind vielleicht abhängig von dieser Produktion, die brauchen den Job.

Ich kenne diese Mechanismen, dass man sich dann auch nicht traut, was zu sagen gegen den großen Dieter Wedel sozusagen, als den er sich ja auch immer inszeniert hat. Das ist wichtig, dass sich die Branche davon distanziert – das habe ich auch getan –, dass wir sagen, unsere Branche ist nicht so, weil sie ist auch nicht so. Und dass wir fordern, dass in diesem Fall, der nun wirklich das Schlechteste hervorgebracht hat, was man sich überhaupt vorstellen kann, dass dieser Fall wirklich ernsthaft und auch lückenlos aufgeklärt wird.

Keine Angst vor Anzeige

Wuttke: Rechnen Sie eigentlich damit, dass Dieter Wedel Sie wegen Beleidigung anzeigt?

Verhoeven: Man muss auch die Worte finden, die man einer Situation gegenüber überhaupt ehrlicherweise verspürt. Ich hatte keine anderen Worte, ich bin immer noch wütend darüber, dann soll er mich halt verklagen, mein Gott. Ich glaube, er befindet sich jetzt in einer Krisensituation, er weiß, glaube ich, dass das nicht mehr lange hält, das Kartenhaus. Die Aussagen der Frauen sind einfach stimmig und glaubwürdig, und auch die Zeugenaussagen, die decken sich eben auch mit allem, was man über ihn gehört hatte.

Er muss sich jetzt überlegen, wie er reagiert, ob er vielleicht auch einfach mal sich entschuldigt, ob er zu dem steht, was da passiert ist, oder zumindest einfach mal anfängt, Verantwortung zu übernehmen für das, was er da getan hat, was er diesen Menschen angetan hat, den Frauen angetan hat. Aber ich glaube, irgendwo schätze ich ihn auch so ein, dass das nicht passieren wird – obwohl er sicherlich auch ein sehr charismatischer und charmanter Mann sein kann und sein konnte, aber auch noch eine andere Seite hat, eine dunkle Seite und eben eine viel dunklere, als wir alle jemals dachten.

Ich glaube, der Fall Wedel hat auch – und das ist irgendwie vielleicht auch was Positives – noch was zu tun mit einem Mief der 80er-Jahre, in denen man vielleicht noch mehr eine Männergesellschaft vorgefunden hat und in denen es noch viel leichter war, auch Dinge unter der Decke zu halten. Es gab keine Handys, es kam kein Social Media, es wurden gewisse Themen auch nicht so offen diskutiert vielleicht wie heute.

Wuttke: Sagt Simon Verhoeven im Deutschlandfunk Kultur. Ich danke Ihnen für Ihre Zeit und wünsche Ihnen einen schönen Abend!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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