Der Denker als "Kältefreak"

Rezensiert von Jörg Magenau |
Der Autor Helmut Lethen interessiert sich für die "kalten" Denker, die alles Lebende mit mitleidlosem Blick als ästhetisches Phänomen erkunden. Der Dichter, Schriftsteller und Arzt Benn passt in dieses Forschungsgebiet. "Der Sound der Väter. Gottfried Benn und seine Zeit" beschränkt sich auf intellektuelle Moden und politische Konjunkturen und die Stelle, an der Benn jeweils zu verorten ist.
"Dieses Buch ist keine Biographie", schreibt Helmut Lethen im Vorwort. Er bewundere Biographen, die eine Figur entwerfen und aufs Papier setzen können. Er könne das nicht. Lethens Bekenntnis ist natürlich Koketterie. Dass er in "Der Sound der Väter" kein geschlossenes Bild der Person Gottfried Benn liefert, hat weniger mit seiner Unfähigkeit zu tun, als mit einer konzeptionellen Entscheidung und dem Wissen, dass so etwas wie eine "Person" sowieso immer eine Konstruktion ist. "Das, was lebt, ist etwas anderes als das, was denkt", heißt es bei Benn. Also hat Lethen sich kurzerhand auf das Denken beschränkt: auf die Karriere von Begriffen, auf intellektuelle Moden und politische Konjunkturen und die Stelle, an der Gottfried Benn jeweils zu verorten ist.

Biographien sind Erzählungen. Sie liefern einen Längsschnitt durch die Geschichte entlang des Lebenslaufs ihres Helden, suchen nach Kontinuitäten und Linien und nach so etwas wie einer Entwicklungslogik. Helmut Lethen ist Literaturwissenschaftler. Er setzt Querschnitte durch die Geschichte und präsentiert Einzelbilder wie ein Computertomograph. Er nennt das "Ruheplätze", die er durch "Kalenderstrecken" eher notdürftig chronologisch miteinander verbindet. Man könnte auch von einzelnen Schlaglichtern sprechen – ein Verfahren, das in jedem Kapitel erhellend ist, das aber den Nachteil birgt, zu Verzerrungen zu führen, weil es einzelne Aspekte aus dem Zusammenhang heraus vergrößert. Wenn er beispielsweise für die Zeit nach 1945 vom gegenseitigen Belauern des Demokratie-Skeptiker-Trios Carl Schmitt, Ernst Jünger und Gottfried Benn spricht, dann ist das zwar eine schöne Geschichte – doch sie trifft eher für Schmitt als für Benn zu.

Helmut Lethen ist mit seinen "Verhaltenslehren der Kälte. Lebensversuche zwischen den Kriegen" bekannt geworden. Er interessiert sich für die "kalten" Denker, die wie Ernst Jünger alles Lebende mit mitleidlosem Blick als ästhetisches Phänomen wahrzunehmen versuchen. Benn passt in dieses Forschungsgebiet allzu gut. Häufig hat man beim Lesen das Gefühl, als hole Lethen Deutungen aus Benn-Texten heraus, die er zuvor selbst hineingelegt hat. Wenn er ihn den "Kältefreaks" zuschlägt, vom "Sound der Enzyklopädien" raunt, oder vom "Machtpol" spricht, dann droht immer die Gefahr, dass er Benn zum absichtsvollen Vollstrecker seiner Theorien macht.

Ein erster Schwerpunkt gilt Benns Zeit als Militärarzt in Brüssel während des 1. Weltkriegs. Die Epoche des Wilhelminismus fasst Lethen als "Zeitalter der Nervosität", die an den Fronten des Krieges zu Ende gegangen sei. Die feste Form des militärischen Mannes war durch Auflösung bedroht. Da habe Benn mit seiner Prosa um den Militärarzt Rönne "der Weichheit einen ästhetischen Sinn" gegeben. Vorsichtig überblendet Lethen Rönnes "verschleierten Blick" mit Benns von Fotos bekanntem Gesichtsausdruck mit halb geschlossenen Lidern. Und er deutet Rönnes nervöse Handbewegung, die das Zerteilen von Gehirnhälfte imitiert, wie sie der Pathologe tausendfach praktizierte, als "Jahrhundertgeste": Das Gehirn wurde Anfang des 20. Jahrhunderts zum materiellen Träger dessen, was "Person" und "Geschichte" ausmacht. Der Pfarrerssohn Benn suchte im Pathologiesaal vergeblich nach der Seele.

Spannend wie ein Kriminalroman liest sich der Abschnitt über Benns Rolle als Augenzeuge bei der Erschießung der englischen Spionin Edith Cavell. Benns 1928 geschriebenen Bericht darüber vergleicht Lethen mit Ernst Jüngers Ästhetik des Schreckens, mit Brechts "Die Mutter" und Arnold Zweigs "Streit um den Sergeanten Grischa". So kann er schließlich Karl-Heinz Bohrers These, der mitleidlose Blick habe einen höheren ästhetischen Wert als die humanistische Darstellung, zurückweisen.

Lethen ist stark in der Deutung der Epoche. Ausführlich untersucht er Benns "Verbrechen", seinen Pakt mit den Nazis in den Jahren 1933/34. Die Frage, warum Benn, der allen Fortschrittsglauben für Humbug hielt und der sich, wie Brecht spottete, im Schleim der Ursuppe wohler fühlte als im Prozess der Geschichte – wie ausgerechnet der Massen verachtende Benn den Geschichte machenden Nazis verfallen konnte, bleibt aber auch bei ihm offen. Benn ist nach der Lektüre dieses Buches so geheimnisvoll wie zuvor. Das ist womöglich das Beste, was sich über den "Sound der Väter" sagen lässt.

Lethen hat ein Buch für Benn-Kenner geschrieben. Es ist nicht geeignet als Einführung, denn dafür setzt er zu viel voraus und klärt zu wenig. Das größte Manko liegt darin, dass Lethen mit Lyrik nicht viel anfangen kann. Er interessiert sich für Symptome des Denkens, aber nicht für die Entstehung von Poesie. Gedichte liest er ausschließlich unter ideologischen Fragestellungen. Das Ästhetische bleibt außen vor. Deshalb bekommen Prosa und Essayistik Benns ein Übergewicht. So ist paradoxerweise ein beredtes, kluges und anregendes Buch über einen der bedeutendsten Lyriker des 20. Jahrhunderts entstanden, das vom poetischen Akt schweigt. Nein, Helmut Lethen hat wahrlich keine Dichter-Biographie geschrieben.

Helmut Lethen:
Der Sound der Väter. Gottfried Benn und seine Zeit.

Rowohlt Berlin, Berlin 2006, 318 S., 22,90 Euro
Mehr zum Thema