Der Dandy

    "Nichtiger Herrscher über eine nichtige Welt"

    Porträt von Andy Warhol mit seiner Kamera in der Hand.
    Auch ein Dandy: Andy Warhol inszenierte sich selbst als Beobachter - und somit Teil - der New Yorker Schickeria. © imago / Sven Simon
    Von Dietrich Leube · 18.09.2021
    Im großen "Oxford English Dictionary" ist nachzulesen, "Dandy", ein Wort unklarer Herkunft, sei um 1815 in London aufgekommen. Als "Dandys" habe man damals die "exquisites" und "swells" – Stutzer und Gecken – verspottet. Kein Ehrentitel jedenfalls.
    Heutzutage werden Männer, denen man nachsagt, daß sie "besonderen Wert auf ihre äußere Erscheinung legten", häufig "Dandys" genannt. Was aber will diese Benennung sagen? Etwa, dass es sich bei solchen Männern – und es handelt sich traditionell stets um Männer – um prominente Selbstdarsteller handelt? Oder auch nur um Zeitgenossen, die sich etwas darauf zugute halten, überdurchschnittlich "modebewusst" zu sein? Eine Spur von Aufmerksamkeit, leichtes Erstaunen, doch auch eine gewisse Geringschätzung mischen sich in diesem Prädikat. Denn wonach klingt "Dandy", wenn nicht nach Pose, Übertreibung, Mangel an Seriosität?

    Beau Brummell

    George Bryan Brummell, genannt Beau Brummell, war zu Beginn des 19. Jahrhunderts der uneingeschränkte König der englischen Herrenmode. Er gilt heute als Archetyp des Dandys. Beau Brummell definierte das Erscheinungsbild des Gentleman bis weit ins 20. Jahrhundert. Seine Maxime lautete: Das Wesen der Eleganz liegt in der edlen Schlichtheit, der Diskretion der Ausstattung. "Gut angezogen" zu sein, hieß künftig für den "man of fashion", unauffällig gekleidet zu sein. Dass ein junger Mann aus einfachen Verhältnissen allein durch modisches Talent und Unverfrorenheit sich in kurzer Zeit an die Spitze einer aristokratischen Gesellschaft junger Männer stellen konnte, hat seinen Namen zu einer Legende werden lassen. Schließlich besaß er kein Vermögen, war kein erfolgreicher Diplomat oder Feldherr, kein großer Künstler oder Gelehrter. Er verkörperte allein durch Kleidung und Auftreten den Typus einer geschmacksbildenden Autorität, wie sie seit der Antike unter wechselnden Namen auftritt.
    Porträt von Lord George Bryan Brummel in einem exzentrisch geschnittenen Frack.
    Beau Brummell definierte das Erscheinungsbild des Gentleman bis weit ins 20. Jahrhundert.© imago / United Archives International
    Das Geheimnis Beau Brummells jedoch lag weniger in der Wahl seiner Kleider und im perfekten Schnitt, sondern in der Wirkung seines Auftretens, seinem Charisma. Der Kulturhistoriker Günter Erbe, der sich in zahlreichen Schriften dem Phänomen des Dandys gewidmet hat, benennt die Elemente dieser Wirkung: "Der Dandy ist auf sich als Kultfigur, auf seine ästhetische Selbstvervollkommnung bezogen. Der Dandy amüsiert nicht, er dominiert. Durch seine absolute Selbstkontrolle beherrscht er die Szene. Die Aura seines Auftretens ist die Kälte. Sie ist Ausdruck seiner Unerschütterlichkeit und Ungerührtheit und zugleich die besondere Form seiner Schönheit. Der Dandy gefällt, indem er missfällt. Er provoziert, er leistet sich Verstöße gegen die Regeln, was voraussetzt, dass es Regeln gibt, die respektiert werden."

    Dandys in der Antike und Vorzeit

    Alkibiades, schönster Athener um 450 vor unserer Zeitrechnung, Sohn einer alten aristokratischen Familie, Neffe des Perikles, Schüler des Sokrates, Liebhaber kluger Männer, Held schöner Frauen, ehrgeizig und ruhmsüchtig, fünffacher olympischer Sieger im Wagenrennen, gerissener Feldherr, der im Peloponnesischen Krieg Athen gegen Sparta und Sparta gegen Athen ausspielte – er wird gelegentlich als Archetyp jener schillernden Figuren gedeutet, die durch ihre Worte und Taten die Welt in Erstaunen setzen. In der Galerie der Dandys wird Alkibiades gelegentlich zu den Urahnen des Typs gezählt. Schönheit, extravagante Toilette, kalter Hochmut, Hybris, Machtbewusstsein und heroisches Scheitern gelten dann als Kennzeichen, desgleichen die Namen, die solchen Außenseitern der Gesellschaft, meist in karikierender Absicht, verliehen wurden.
    Das Modell des französischen "Mannes von Ehre" beschreibt ein Traktat von 1630: "L’honnête homme ou l’art de plaire à la cour" ("Der Ehrenmann oder die Kunst, bei Hofe zu gefallen"). Es ist das Bild des mustergültigen Höflings von Versailles. Nach der Revolution, als dieser zum Inbegriff des heuchlerischen Fürstenknechts geworden war, verwandelte er sich in den rechtschaffenen Bürger. Heutzutage gilt der "Honnête homme" den Franzosen als ähnlich antiquiert wie der "Ehrenmann" den Deutschen als Reminiszenz an die einstige Ständegesellschaft. Und der Gentleman? In einem deutschen "Handbuch der klassischen Herrenmode" aus unseren Tagen heißt es: "Ein wahrer Gentleman ist jemand, der nichts dem Zufall überlässt. Es reicht nicht, daß man sich tadellos kleidet und daß alles makellos gepflegt ist."

    Pariser Bohème

    Barbey d’Aurevilly und Charles Baudelaire waren beide heroische Außenseiter und prototypische Pariser Bohemiens, doch, gemessen an Dandys im klassischen Sinn, eher traurige Gestalten. Aber das Stichwort "Dandy" reizte Baudelaire jedenfalls immer wieder in den unterschiedlichsten Bedeutungen: "Das Dandytum tritt vor allem in Übergangszeiten auf, in denen die Demokratie noch nicht allmächtig und die Aristokratie erst teilweise ins Wanken geraten und verächtlich geworden ist. (…) Das Dandytum ist das letzte heroische Aufflammen in den Zeiten des Zerfalls, eine untergehende Sonne, und wie das sinkende Gestirn ist es prächtig, ohne Wärme und voller Melancholie." Bei Baudelaire "muß (der Dandy) vor einem Spiegel leben und schlafen..."
    Porträt von Charles Baudelaire.
    "Das Dandytum ist das letzte heroische Aufflammen in den Zeiten des Zerfalls," schrieb Charles Baudelaire.© imago / agefotostock
    Attribute des Dandys, wie sie in diesem schematischen Statement vorgeführt werden, bleiben Anekdote oder "Aperçu". Dem Dandytum in seiner ursprünglichen Konzeption als Lebensprinzip und gesellschaftliches Machtspiel ist literarische Tätigkeit fremd. Doch mit dem idealtypischen Bild Barbey d’Aurevillys, seiner Deutung der Figur als einer spätaristokratisch romantischen Protesterscheinung, war ein neuer Begriff formuliert worden – der des Künstler-Dandys.

    Das eigene Leben – ein Kunstwerk?

    Die bekannteste Figur unter den Ästheten des Fin-de-siècle dürfte der geistreiche Dichter und skandalöse Poseur Oscar Wilde gewesen sein. Über keinen englischen Autor wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert so viel geschrieben wie über ihn, und immer wieder wurde das Dandy-Etikett bemüht, obwohl nichts dafür spricht, dass er sich als Vorbild in Geschmacksfragen verstanden hätte. Für ihn war die Maske des Dandys nur eine von mehreren Masken, die er auf der Höhe seines Erfolgs virtuos beherrschte, etwa die des Provokateurs, des Schönheitspropagandisten oder des Komödianten.
    Porträt von Oscar Wilde.
    Der Dandy war nur eine der vielen Rollen, die Oscar Wilde virtuos beherrschte.© imago / agefotostock
    Als Wilde wenige Jahre vor seinem frühen Tod dem jungen André Gide in Algier begegnete, gestand er ihm, er habe seiner Kunst nur sein Talent gewidmet, sein Genie aber an sein Leben verschwendet. Ein melancholisches Bonmot. Das eigene Leben als Kunstwerk zu gestalten, diese Vermischung von Kunst und Leben, die immer wieder Künstler nicht nur der Moderne gereizt hat, sollte Wilde zum Verhängnis werden: Sie hat nicht nur sein Leben ruiniert.

    Selbstauflösung des Helden

    In André Bretons "Anthologie des Schwarzen Humors" figuriert Alfred Jarry als einer jener Autoren, die alles daran setzten, die Unterscheidung zwischen Kunst und Leben aufzuheben, und die dem Dilemma nicht entkommen sind.
    Der Romanist Roger Shattuck schreibt, dass die "reale" Figur zugleich Vorspiegelung und Persönlichkeit darstellt: "Eine Biographie über Jarry endet damit, dass sie von einem anderen handelt – der von innen nach außen gewendeten Person, die er geschaffen hat. In einem fast erschreckenden Akt der Besitzergreifung wurde er zu einer Pose. Es ist der Fall eines Autors, der sich in einen seiner eigenen Charaktere verwandelt."
    Paul Zichner, Stefanie Reinsperger, Owen Peter Read, Cynthia Micas und Tilo Nest während der Fotoprobe zu "Ubu Rex" im Berliner Ensemble.
    In den Stücken des französischen Schriftstellers Alfred Jarry wird die Unterscheidung zwischen Kunst und Leben aufgehoben.© imago / Martin Müller
    Mit Jarry taucht erstmals ein weiterer Wesenszug auf: der Humor. Jarrys Humor, von Breton der schwarzen Kategorie zugewiesen, gilt als die Quintessenz seines Erbes. Es ist der Ausdruck einer heroischen Haltung, deren Kompromisslosigkeit in die Selbstauflösung mündet. Als sein Arzt ihn zum letzten Mal vor seinem Tod aufsuchte, fragte er ihn, ob er nicht noch einen Wunsch habe. Darauf der Moribunde: Ja, es gebe sehr wohl noch etwas, was ihm große Freude machen könnte. Der Arzt, eilfertig, er werde es auf der Stelle beschaffen. Jarrys letzter Wunsch: ein Zahnstocher.

    Warhols perfekte Stilisierung

    Andy Warhol betrieb eine offensive Marketingstrategie in eigener Sache: Allabendliche Auftritte inmitten der New Yorker Schickeria verschafften ihm Medienpräsenz. Sie machten ihn zu einem Star in der Welt der "celebrities", in der Mehrzahl Aufsteiger wie er. Unterwegs mit Tonbandgerät und Polaroid-Kamera, agierte er ununterbrochen als Beobachter und Conférencier, zeichnete Interviews und Telefonate von atemberaubender Banalität auf, fotografierte buchstäblich jeden, der ihm vor die Linse kam.
    Sein erklärter Wunsch, Maschine zu sein – "Maschinen haben weniger Probleme" –, äußert insgeheim ein Verlangen danach, in dieser Welt des schönen Scheins aufzugehen. Auf die schlichte Frage eines ratlosen Zeitgenossen nach dem Sinn seines Tuns antwortete er in Abwandlung eines Epigramms von Oscar Wilde: "Wenn Sie alles über Andy Warhol wissen wollen, so betrachten Sie die Oberfläche meiner Bilder und Filme und mich selbst. Das bin ich. Dahinter gibt es nichts."

    Literatur:
    Barbey d’Aurevilly: Vom Dandytum und von G. Brummell, Nördlingen 1987
    Charles Baudelaire: Les Fleurs du Mal - Die Blumen des Bösen, Gedichte. Übersetzer: Simon Werle, 2017
    Günter Erbe: Der moderne Dandy. Böhlau, Wien 2017
    Rainer Gruenther: Formen des Dandysmus. Ernst Jünger in: Euphorion, Zeitschrift für Literaturgeschichte, 1952, S. 170-201.
    Alfred Jarry: Ubu roi, Paris 2010
    Elisabeth Lenk: Der springende Narziß. André Bretons poetischer Materialismus, München 1971
    Antje Schöne, Der Spaziergang des Dandy durch die Zeit, 2013
    Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray/The picture of Dorian Gray, zweisprachige Ausgabe, 2017

    Das vollständige Skript zu dieser Langen Nacht finden Sie hier.
    Eine Produktion von Deutschlandfunk Kultur/Deutschlandfunk 2021.
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