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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 22.02.2016

Der Brocken im HarzDer nebelreichste Ort Europas

Von Michael Frantzen

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Mit einer dichten Schicht Raureif überzogen ist am 12.01.2014 das Aussichtsfernglas auf dem Gipfel Brocken bei Schierke im Harz (Sachsen-Anhalt), im Hintergrund rechts das Brockenmuseum. (picture alliance / dpa / Matthias Strauß)
Mit einer dichten Schicht Raureif überzogen ist am 12.01.2014 das Aussichtsfernglas auf dem Gipfel Brocken bei Schierke im Harz (Sachsen-Anhalt), im Hintergrund rechts das Brockenmuseum. (picture alliance / dpa / Matthias Strauß)

Bei guter Sicht sieht man vom Brocken aus den Großen Inselsberg, bei sehr guter die Rhön, bei ausgezeichneter den Fichtelberg. Meistens aber nicht, da stochert man im Nebel herum. Ein Wetterbeobachter und ein Förster lassen sich davon nicht abschrecken.

Böttner: "Ich war als Ossi – muss ich sagen – noch nie auffem Brocken."

Dann wird’s aber langsam mal Zeit. Die Frage ist nur:

 Knolle: "Komm ich heute hin oder nich, wegen Nebel, näh?"

Zum nebligsten Ort Deutschlands.

Nitschke: "Stopp! Nebelreichster Ort Europas."

Bitte schön: Europas!

Arendt: "Na, wie viel Nebeltage gibt’s denn hier oben? 306 Nebeltage gibt es. Und davon sind so fünfzig, die extrem sind; extrem dicht."

Heute ist einer davon. Man sieht: Die Hand nicht vor den Augen. Und den Gesprächspartner? Den hört man.

Das hat Marc Kinkeldey jetzt gerade noch gefehlt: Besuch von der Journaille.

Kinkeldey: "Marc mit C. und Kinkeldey: Konrad, Ida, Nordpol, Konrad, Emil, Ludwig, Dora, Emil, Ypsilon. Ich bin Wetterbeobachter auf der Wetterwarte auf dem Brocken."

Als solcher hat es der schlaksige Typ zum stellvertretenden Stationsleiter gebracht.

"Ich sage gerne: Wir sind der wichtigste Mann an der Front. Denn: Ohne unsere Daten könnte der Meteorologe keine Vorhersage machen."

In Offenbach, beim Deutschen Wetterdienst.

"Wir messen seit 1836 hier oben und das immer so, wie jetzt: Rausgehen. Messen."

Der Nebel kann Kinkeldey nichts anhaben. Er schaut entgeistert. Warum auch? Für ihn ist er vor allem eines: Ein physikalisches Phänomen.

"Nebel is Nebel. Nebel is ja ne Wolke. Ne Wolke besteht aus winzig kleinen Wasser-Tröpfchen. Wenn das kondensiert, entsteht da diese Wolke. Wir stecken halt in dieser Wolke hier oben drinne."

Doziert der Wetterbeobachter, ehe er wieder die Kommandozentrale betritt. High-Tech-Geräte üben sich hier in friedlicher Koexistenz mit hunderten Wetterfröschen aus Plastik und Keramik – und der Deutschlandkarte an der Wand. Kinkeldey geht zur Karte und tippt auf die Mitte: Der braune Fleck da im Grünen – das ist der Harz. Muss man sich wie ein kleines Bollwerk vorstellen. Alles, was vom Atlantik angepustet kommt an Wolken, regnet sich am Brocken ab. Deshalb die hohen Niederschlags-Mengen von bis zu 1900 Litern pro Jahr, deshalb auch die ständigen Wetterumschwünge.  

"Denn dauert es zwei Minuten: Nebel. Fertig. Gerade bei Gewittern im Sommer: Dann wird das auch richtig dunkel. Dann tauchen wir in diesen Nebel ein. Und dann hört man natürlich die Leute. Huh! Hah! Hm! Wo müssen wa jetzt hin? Dann knallt’s schon. Dann hörst du se natürlich laufen. Häh?! Dann kriegen se es mit der Angst zu tun."

Die Brocken-Besucher. Letztes Jahr gut zwei Millionen. Zu DDR-Zeiten war das noch anders.

Sperrgebiet Brocken

"Der Brocken selbst war Sperrgebiet. Da gab’s ne 3,80 Meter hohe Betonmauer. Wie in Berlin. Ich glaube, über 2000 Teile. Hier waren ja viele andere Sachen. Hier war die Stasi oben. Die Russen waren da."

Noch jemand anderes war da. Damals. Kinkeldey schaut auf den Bildschirm seines Computers. Hier: Der Dienstplan. N wie Nitschke, da ist er ja. Sein Dienstältester Kollege. Der hat erst morgen wieder Dienst, ist aber garantiert unten in Schierke zu finden, bei seinem Zweit-Job.

Besuch bei Herrn Nitschke

"Ja bitte?!"

"Ja, Hallo. Michael Frantzen vom Deutschlandradio."

"Jo! Ich komme."

"Jo!"

"Pünktlich wie die Maurer. Morgen. Nitschke."

Das ist er also: Der Mann, der seit 35 Jahren auf dem Brocken das Wetter beobachtet – und einst die Sowjets das Fürchten lehrte.

"Gucken wir mal über den Platz."

" Ja."

Nitschke fährt zweigleisig. Aus Prinzip und Leidenschaft. Wettertechniker: Das sei schon ein Spitzenjob – frohlockt der 1,90 Meter-Mann. Der Campingplatz aber auch. War eigentlich die Idee seiner Frau.

"Die hat gesagt: Hasi?! Bauste mir nen Campingplatz? Und ich hab gesagt: Ja, ich hab ne Prima-Idee. Komm mal mit."

Der Rest ist Geschichte. Hasis Angetraute kam, sah – und ward hin und weg vom kleinen Tal in Sichtweite des großen Brockens.

"Im Moment steckta oben in Wolken. Es schneit. Da, zwischen diesen alten, 130 Jahre alten Fichten, thront a oben. Aber: Jetzt is einer von 300... 306,3 Nebeltagen. Nebelreichster Ort Europas. Und damit sieht man eben: Nichts."

Das Nichts macht Nitschke nichts aus. Schon seine Eltern arbeiteten auf der Wetterwarte. Der Großteil seiner Kindheit und Jugend: Er spielte sich 1141 Meter über Null ab, auf dem Brocken. Bei Wind und Wetter. Schon früh war klar: Der Junge tritt mal in die Fußstapfen der Eltern. 1980 war es dann soweit. Waren andere Zeiten damals – sinniert Nitschke, während er seine Schnürbänder festzieht. Es gab klare Hierarchien auf dem Brocken: Unten die Wetterbeobachter, da drüber die NVA-und Stasi-Leute, ganz oben die Sowjets.

Brocken im Harz (picture alliance / dpa / Foto: Matthias Bein)Wanderer gehen am 03.12.2014 zum Brocken, um den 25. Jahrestag der Brockenöffnung 1989 zu feiern. (picture alliance / dpa / Foto: Matthias Bein)

"Wir hatten schon Kontakt. Äh... ich hab ne Zeitlang mit den russischen Soldaten oben nen schwunghaften Schwarzhandel betrieben. Die hatten da oben son Russen-Magazin, heute sagt man Shop dazu. Und da gab es Sachen, die es hier nich gab. Zum Beispiel japanische Tonband-Kassetten. Gute Konserven. Guten Rotwein vonna Krim. Ich hab den Russen Rucksackweise unseren billigsten Fusel mit zum Brocken geschleppt: Den Blauen Würger. Kristall-Wodka. Das war wahrscheinlich schon hart an der Wehrkraft-Zerstörung, was ich da gemacht habe." 

Nitschke hat immer sein eigenes Ding gemacht. Auch später, im November 89, als überall in der DDR die Mauer Risse bekam – nur nicht auf dem Brocken. Weiter Zutritt verboten! Bis zum dritten Dezember.

"Das Neue Forum hatte aufgerufen zum Sternmarsch auffen Brocken. Und wir kamen aus der Nachtschicht – am dritten Dezember. Und der Sternmarsch auffen Brocken war schon im Gange; das heißt, von überall liefen die Leute auffen Brocken. Haben vorm Tor demonstriert. Und wir haben dann vom Dach der Wetterwarte – irgendwann so nach zwölf – nen Bettlaken entrollt, wo drauf stand: ´Mauer weg!`"

Kurz danach war sie tatsächlich weg: Die Mauer. Auf dem Brocken. Mit der Wende kam die Freiheit – und der Massen-Tourismus. Mit am vollsten wird es am Tag der Deutschen Einheit: 20.000 Tages-Touristen sind dann keine Seltenheit. Der ganze Lärm, die endlosen Schlangen vor den Erbsensuppen-Kanonen, überall Müll: Nitschke tut sich das ungern an. An solchen Tagen verlässt er die Wetterwarte erst bei Anbruch der Dunkelheit – wenn wieder Ruhe eingekehrt ist auf dem Nebelberg; dem Sturmumtosten. 

"Wenn man da oben so lange Zeit seines Lebens verbringt, muss man auf jeden Fall Spaß an verrücktem Wetter haben. Dass einem wochenlange Phasen ohne Sonne, mit trüben Wetter, mit Nullsicht manchmal auch aufs Gemüt schlagen, is normal. Is normal. Aber: Wenn man Spaß am Wetter hat; wenn man Spaß daran hat, wenn Windstärke 12 oder das doppelte davon auftritt: Dann is alles gut."

Alles gut ist für Nitschke auch, wenn er mit Kemi und den fünf anderen Huskys unterwegs ist. Im Schlitten. Gestern erst wieder, nach der Arbeit: 15 Kilometer querfeldein durch den Harz. Pulvriger Neuschnee, die Sicht unter 50 Meter: Nitschke liebt das.

"Diese extremen Eisablagerungen, die sich durch den Nebel bilden. Diese Phantasiegestalten. Die Bäume. Diese Sagen-Figuren. Da kommen ja die ganzen Hexengeschichten und Walpurgis-Sachen... die kommen ja daher. Man geht also durch diesen Nebel und sieht dann irgendwo ne Gestalt, die mal ne Fichte war. Die jetzt aussieht wie nen Teufel, ne Hexe, nen Troll, irgend so was."

Besuch vom "The Brocken Gespenst"

Knolle: "Wenn sie heute ´The Brocken Gespenst` im Englischen oder selbst in der japanischen Literatur... der Begriff ist international verbreitet."

Das ist Friedhart Knolle. Der Mann mit dem weißen Rauschebart ist nicht nur Pressesprecher des Nationalparks Harz, sondern auch Experte in Sachen "Brocken Gespenst".

"Ist eigentlich nur ein ganz normales Nebelphänomen. Oder Wetterphänomen. Bei einem bestimmten Stand der Sonne wird ihre Silhouette von hinten, wie so ne Kamera Obscura, projiziert auf ne Nebelwand. Und sie sehen ein riesiges Gespenst. Und denken: Meine Güte, jetzt kommt der Teufel. Aber das sind sie selber."

Alles ganz harmlos. Das Brockenwetter weniger.

"Ich will jetzt keinen in Panik versetzen. Aber: Grad vor Kurzem wurde ein Mensch, der vermisst war im Wald, gefunden. Also man findet dann nur noch nen Schädel meistens. Weil: Die Füchse – die holen sich dann natürlich die Knochen."

Knolle stapft los durch den tiefen Schnee – den Goethe-Weg entlang, Richtung Brocken. Der große Kleinstadtdichter war auch mal hier, anno 1777. Inkognito. Goethe interessierte sich zwar auch für die lokalen Mythen und Sagen, hauptsächlich aber für den Harzer Bergbau. Knolle lacht: Heute würde man dazu wohl Werksspionage sagen. Aber egal: Goethe setzte dem Brocken mit seinem Gedicht "Harzreise im Winter" ein Denkmal:

"Mit der dämmernden Fackel
Leuchtest du ihm
Durch die Furten bei Nacht,
Über grundlose Wege
Auf öden Gefilden;
...
Und Altar des lieblichsten Danks
Wird ihm des gefürchteten Gipfels
Schnee-behangner Scheitel."

Goethe war nicht der einzige, den der Brocken faszinierte. Auch die Romantiker liebten ihn; die Gespenster-Geschichten. Die Mythen. Allen voran Heinrich Heine. 1824 brach der Spät-Romantiker von Göttingen kommend auf zum Nebelberg. Mit der "Harzreise" sollte ihm der literarische Durchbruch gelingen.  

"Heller wird es schon im Osten
Durch der Sonne kleines Glimmen,
Weit und breit die Bergesgipfel
In dem Nebelmeere schwimmen."

Der Brocken im Harz (picture alliance / dpa / Foto: Matthias Bein)Mal Sonne auf dem Brocken. Im Durchschnitt gibt es jährlich 306 Nebeltage auf dem Berg. (picture alliance / dpa / Foto: Matthias Bein)

Heines Ode an den Brocken kennen heute nur noch die wenigsten. Die Mythen aber – die ganzen Hexen- und Walpurgis-Geschichten – wabern immer noch durch die Täler und Städte des Harzes.

"Wenn sie so in die Bevölkerung reinhören – dann kursieren da zum Teil noch die skurrilsten Mythen- und Sagen-Geschichten. Und das franst manchmal – muss man aufpassen – auch ins Rechtsradikale aus. Also diese angeblichen sagenhaften Stätten, die es überall im Harz geben soll, wo denn sehr schnell auch Wotan da ist. Und die frühen germanischen Götter. Es gibt son Neu-Heidentum. Da gibt es eine fließende Grenze zum Neu-Heidentum der Rechtsradikalen."

Ziemlich gespenstisch. Da sind die politischen Gespenster noch harmlos, die vorzugsweise im Wahlkampf auf dem Brocken ihr Unwesen treiben. Gerade ist wieder Gespenster-Alarm: Mitte März wählt Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag.  

"Diese politischen Gespenster tauchen bei uns natürlich ständig auf. Das is klar. Und alle Parteien schmücken sich zum Teil auch mit dem Nationalpark. Und wir heißen auch jeden Willkommen."

Erklärt der Mann, den zuweilen die Gespenster seiner eigenen Vergangenheit heimsuchen. 

"Wenn sie im Internet googeln: Mit ´Friedhart Knolle – Stasi` – dann finden sie meine..."

Stasi-Geschichte. 200 Seitendick ist Knolles Opfer-Akte. Der erste Eintrag stammt aus den 70ern.

"Als der kleine Grenzverkehr möglich war, mit der Entspannungspolitik: Willy Brandt und Honecker damals. Honecker brauchte Geld. Der Westen wollte die Grenze etwas öffnen. Dann konnten wir im kleinen Grenzverkehr häufig hinter den Brocken fahren. Den Brocken selber durften wir nicht besuchen, das war streng geschütztes, militärisches Sperrgebiet. Aber das hat ihn natürlich für viele West- und Ostbürger gleichermaßen umso geheimnisvoller gemacht. Dass da nun militärische Geheimdienst-Installationen da oben waren."

Knolle studierte damals keine 20 Kilometer vom Brocken entfernt, auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs, in Clausthal-Zellerfeld Geologie. Ihn interessierte, was drüben passierte. Der Brocken – für ihn war das nicht Ausland, sondern ein geologisches Rätsel, das er entschlüsseln wollte. Warum auch nicht – dachte sich der Geologie-Student. Der kann doch nur ein West-Spion sein – die Stasi.

"In meiner Akte steht ja auch: ´Aufgrund des Verhaltens der Person Knolle ist es ratsam ihn zu internieren.` Also Gefängnis, U-Haft. Ich galt ja als potentieller Spion des Bundesnachrichtendienstes. Ich verhielt mich auch so. Skurriler weise steht ja auch in der Akte: ´Er hat immer Fernglas dabei. Geologische Proben genommen.` Na klar. Wir hatten Karten dabei. Wir wussten auch, wo Bergwerke waren. Wir wussten durch Zufall auch, wo wir dann LKWs haben reinfahren sehen, wo die SS-20-Raketenteile deponiert waren."

Gefängnis blieb Knolle erspart – genau wie der Dritte Weltkrieg. 

"Ich spring mal zurück in meine Bundeswehrzeit. Ich war Horch-Funker. Ich saß in einer Radar-Station in der Lüneburger Heide. Und wir haben den Dritten Weltkrieg geübt. Und da hat der Brocken ne wichtige Bedeutung gehabt. Das ist heute... selbst meine Kinder! Wenn ich das heute erzähle: ´Oh Papa, was erzählst du da für Geschichten!` Das is noch vor 25 Jahren real gewesen. Der Dritte Weltkrieg wäre wahrscheinlich in der norddeutschen Tiefebene ausgebrochen. Weil dort die größte Panzerkonzentration der Welt war. Im Westen: Die West-Alliierten. Lüneburger Heide. Ja, und was ist das Gegenstück im Osten, zur Lüneburger Heide? Das ist die Colbitzer-Letzlinger Heide. Woher wären die Kommandos für die Panzerarmeen gekommen? Aus dem Harz. Die Franzosen waren bei Goslar. Die Amerikaner waren auf dem Wurm-Burg. Die Sowjets und die DDR waren auf dem Brocken etc."

Der Kalte Krieg, der um ein Haar zu einem heißen hätte werden können: Er hat auch ihn hier von Klein an beschäftigt:

"Man war von Kindesbeinen gewohnt: Da ist die Grenze. Da ist der Zaun. Da drüben hast du nichts zu suchen."

Der Förster auf der anderen Seite

Uli Schulze ist in Braunlage aufgewachsen. Niedersachsen also. Heute ist man von dem verschlafenen Wintersport-Ort mit dem Auto in weniger als einer halben Stunde am Brocken. In Schulzes Kindheit wäre das unvorstellbar gewesen. Der Brocken – das war drüben. Unerreichbar. Der Förster schließt in seinem Forsthaus, das ungefähr so aussieht, wie man sich immer schon ein Forsthaus vorgestellt hat, für einen Augenblick die Augen. Hat ihn geprägt. Die Kalte-Kriegs-Denke. Selbst im Dezember 89 noch, als die Brocken-Mauer offen war.

"Ich habe... ich will nicht sagen, dass ich Schwierigkeiten gehabt habe, aber es war eine ulkige Situation: Das erste Mal, damals ja noch DDR-Gebiet, ohne Reisepass, ohne Kontrolle, es zu betreten. Das is genauso, wenn sie in einem Hundezwinger auf einmal ein Loch schneiden. Der Hund is gewohnt immer im Kreis zu laufen. Der nimmt ein, zwei Tage nicht wahr, dass da auf einmal ein Loch is und er da raus könnte."

Meint der Mann, der einmal jüngster Förster der alten Bundesrepublik war – nur um lachend hinzuzufügen, er habe zu guter Letzt doch noch das Loch entdeckt. In der Gegend rund um den Brocken ist Schulze bekannt wie ein bunter Hund. Kein Wunder: Schließlich kümmert er sich seit fast vier Jahrzehnten um den Wald hier.

"Die Hochlagen des Harzes kann man auch als Klein-Sibirien bezeichnen. Denn die Wetterextreme sind enorm. Auch die Tage, wo man mal schönes Wetter hat. Drei, vier Mal draußen auf der Terrasse am Wochenende Frühstücken – mehr liegt nicht drin."

Muss man auch erst einmal mit klar kommen. Die Liste von Schulzes Kollegen, die irgendwann entnervt das Weite suchten, ist lang. Schulze aber bleibt – auch wenn es ihm auf die alten Tage schwerer fällt.

"Sicherlich ist man dann nicht gleich Suizidgefährdet. Aber hin und wieder überlegt man sich wirklich: Warum tut man sich das eigentlich an?"

In drei Jahren geht Schulze in Rente. Letztens wollte seine Freundin wissen, ob er sich denn schon Gedanken gemacht habe, was danach werden solle. Hat er. 40 Jahre sind genug. Findet Schulze. Er will Sonne statt Nebel. Deshalb wird er wohl die Hochlagen des Harzes verlassen und in die Tiefebene ziehen, Richtung Wolfsburg, in die Nähe seiner Tochter. Andere müssen da noch länger aushalten. 

Der Brocken kann gefährlich werden

Es ist kurz nach zwölf. Mittagszeit ist Stoßzeit auf dem Brocken. Das ist durchaus wörtlich zu verstehen. Häufiger stoßen die Touristen aneinander bei ihrem Versuch, möglichst als erste aus dem alten Zug auszusteigen. 16 Kilometer einmal quer durch den Harz: Für viele Besucher gehört die Zugfahrt zum Standard-Programm – auch wenn es oft eine Reise ins Unsichtbare wird – nebelbedingt.

Matthias Glenk schaut im Wetterturm kurz von seinem Computer hoch. Er bekommt von dem, was unten abgeht, kaum etwas mit.

"Letztes Jahr hatte ich 25-Jähriges."

Glenk ist seit früh morgens auf den Beinen. Dienstbeginn war um 8.00 Uhr. Alles Routine: Jede halbe Stunde meldet er die aktuellen Wetterdaten an die Zentrale in Offenbach. Die Sichtweite und den sogenannten Bedeckungsgrad bestimmt er noch selbst, der Rest: Temperatur, Niederschlag, Wind: Wird inzwischen automatisch übermittelt. Glenk behagt das nicht; dass der Wetterdienst bis 2020 alle Daten automatisch ermitteln will. Kann nämlich immer was passieren. Wie vor zwei Jahren.

"Das war am 11.4. Der Tag fing ganz normal an. Morgens war’s eigentlich noch frei. Dann kam halt der Nebel mit dem Regen."

Irgendwann kam auch dieses leise Brummen. Erst kaum hörbar, dann immer lauter. Immer Näher. Irgendetwas flog von Norden auf ihn zu: Soviel war Glenk klar. 

"Das war halt sehr nah. Man hat es ja nich gesehen. Man hat’s dann bloß gehört. Ich hatte mich oben hinterm Schrank gestellt. Dann hat’s Buff gemacht. Fielen schon son paar kleinere Teile am Haus runter."

Für die zwei Insassen der Cessna kam jede Hilfe zu spät, Glenk blieb wie durch ein Wunder unverletzt. Nicht ein gekrümmtes Haar. So richtig kann er sein Glück immer noch nicht fassen. Manchmal, wenn wieder dicke Suppe ist und er etwas Komisches hört, erzählt der Mann im Holzfällerhemd, zucke er unwillkürlich zusammen und denke: Nicht schon wieder.

Solch tragische Unfälle: Sie sind die Ausnahme auf dem Brocken – auch wenn der eine oder andere sein Glück durchaus herauszufordern weiß. 

Gülfian: "Das ist der Monster-Bob. Super-geiles Ding. Super-geiles Ding."

Das Geschoss von Guido Gülfian.

"Wir sind zum Sonnenaufgang aufgestiegen. Von Ilsenburg. Ja! Circa zwölf, 13 Kilometer vom Markt aus. Es war nen Traum heut morgen. Es war ein Traum."

Der Aufstieg im Sonnenschein. Jetzt aber, um die Mittagszeit, ist: Nebel. Macht nichts, trötet Gülfian, ehe er sich ein kleines Fläschchen "Schierker Feuerstein" zur Brust nimmt. Er rodelt trotzdem nachher runter ins Tal. Per Monster-Bob. Nebel hin oder her.  

"Das is egal. Wenn man Glück hat, reißt es hier oben auf. Und man is über den Wolken. Denn sieht es aus wie nen kleines Wolkenmeer. Is nen Traum, ehrlich."

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