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Zeitfragen | Beitrag vom 12.09.2018

Der befreiende "Tomatenwurf" von 1968 Beginn der neuen Frauenbewegung

Von Rebecca Hillauer

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Die neue AStA Vorsitzende der Freien Universität Berlin, Sigrid Fronius, am 15.05.1968 im Auditorium Maximum während eines Teach-in zur Notstandsgesetzgebung. (picture alliance/dpa/Foto: Chris Hoffmann)
AStA Vorsitzende der FU Berlin, Sigrid Fronius, am 15.05.1968 im Auditorium Maximum während eines Teach-in zur Notstandsgesetzgebung. (picture alliance/dpa/Foto: Chris Hoffmann)

Auch Frauen haben die 68er-Revolte mitgestaltet und wesentliche gesellschaftliche Umbrüche und Veränderungen mit eingeleitet. Initialzündung dafür war ein berühmter "Tomatenwurf" am 13. September 1968.

"Für mich fängt `68 schon 1965 an, als ich Studentin in West-Berlin an der Freien Universität wurde. Und zwar deswegen, weil ich zufällig ein Plakat am Audimax gesehen habe, wo "Redeverbot" stand. Und als eine, die aus der Kleinstadt kam und nach Berlin wollte, um vor Verboten wegzulaufen, fand ich das natürlich spannend. Und dachte: Oh, da geht es um Demokratie!"

Eva Quistorp, 1945 in Detmold geboren, studierte Evangelische Theologie, Germanistik und Politologie. Sie war Vertrauensstudentin der Evangelischen Studentengemeinde in Berlin-West, zu der auch Benno Ohnesorg gehörte.

"Es wird ja immer behauptet, die Demokratie hätte mit `68 angefangen und dann ausgerechnet mit Steinwürfen und den Reden von Rudi Dutschke und Daniel Cohn-Bendit. Ich schätze beide sehr, aber so ist es wirklich nicht gewesen."

"Ich will aus dem `68 kein Frauending machen, ich will es nur ergänzen, um die Geschichte von Frauen. Und die Geschichte der Frauen ist immer eine ganz andere als die der Typen."

Sagt Ruth Westerwelle. 1968 war sie noch ein Teenager. 20 Jahre nach `68 begann sie als Fotografin, die Rolle von Frauen bei der Revolte zu erforschen.

"Weil ich erst mal verwundert war und dann irgendwann stinksauer war, was danach aus `68 gemacht wurde von einigen wenigen Typen, die sich da ihr Denkmal bauten. Aber das hat nichts mit der Realität zu tun. Wenn es bei der Studentenbewegung geblieben wäre, dann wäre es heute höchstens eine Fußnote in der Geschichte." 

Für ihre Fotoausstellung "Die Frauen der APO. Das weibliche Gesicht von `68" hat Ruth Westerwelle die Porträts von 34 Frauen zusammengetragen, die einst als revolutionäre und wilde 68erinnen die Außerparlamentarische Opposition mit trugen. Wie für die Männer der Bewegung wurde auch für viele Frauen der 2. Juni 1967 zum Wendepunkt: An diesem Tag erschießt der Polizist – und damals noch unerkannte Stasi-Informant – Karl-Heinz Kurras bei einer Demonstration gegen den Schah von Persien in West-Berlin den Studenten Benno Ohnesorg.

Westerwelle: "Eine der Frauen war als Gattin von, als erlesenes Publikum mit dem Schah in die Oper gegangen am 2. Juni. Kam raus und hat das von dem Benno Ohnesorg erfahren. Ist mit ihrem Abendkleid, das hat sie hochgekrempelt, zum Kudamm gegangen – und seitdem ist sie bis heute als uralte Tante mit Rollator eine aktive Linke. Hat jahrelang tolle pädagogische Arbeit gemacht. Das ist `68. Ein `68 von Frauen. Und es ist ein völlig anderes `68 als das, was diese Typen aus der Studentenbewegung veröffentlichen."

Eva Quistorp erinnert sich vor allem an eine Frau: Sigrid Rüger.

"Die ich das erste Mal erlebt habe in dem Henry Ford-Gebäude. Ich kann mich unheimlich an diese Szene erinnern, so klar, wie ich unten saß mit vielleicht 200 Studenten. Und sie kam oben raus aus dem Akademischen Senat. Da war so ein Geländer, wo sie rüber guckte. Und sie war total gut angezogen, fein wie so eine Dame, sah auch unwahrscheinlich gut aus, schlank, sprach sehr gewählt und klar. Und ich dachte: ´Oh, und so eine Frau, die macht jetzt von oben Revolution!`"

Sigrid Rüger prägende Figur der studentischen Mitbestimmung

Sigrid Rüger, die auf dem zweiten Bildungsweg Abitur gemacht hatte, war in der Hochschulpolitik eine Senkrechtstarterin. 1964 wurde sie zur studentischen Sprecherin in der Philosophischen Fakultät gewählt, ein Jahr später zur Sprecherin im Akademischen Senat. In diesem höchsten Gremium an der Freien Universität besprachen die Professoren alle hochschulpolitisch wichtigen Fragen. Statt sich mit der Rolle der hübschen Beisitzerin zu begnügen, ebnete Sigrid Rüger den Weg zur studentischen Mitbestimmung.

Quistorp: "Sie war die einzige Studentenvertreterin in diesem Gremium vieler alter Herren, Professoren. Sie hat wahnsinnig mutige Schritte gemacht. Das muss ihre Idee gewesen sein, dass sie Rechenschaft öffentlich abgibt, was in dem Senat gelaufen ist. Was dann natürlich die Professoren als Geheimnisverrat und ´Will die uns hier abschaffen?` Niemand ist vor Sigrid rausgegangen und hat den Studenten, die da unten auf dem Boden saßen, von der Sitzung erzählt. Und im Grunde hat aber ihre Rede von da oben dann dazu geführt, dass wir das allererste Sit-in gemacht haben."

Hans-Jürgen Krahl (m) auf einer Veranstaltung des Deutschen Studentenbundes am 15. Mai 1968 in der Universität von Frankfurt am Main. (picture alliance/dpa/AP Images)Hans-Jürgen Krahl (m) auf einer Veranstaltung des Deutschen Studentenbundes (SDS) am 15. Mai 1968 in der Universität von Frankfurt am Main. (picture alliance/dpa/AP Images)
Eine neue Demonstrationsform, die die Studenten von der Bürgerrechtsbewegung in den USA kennengelernt hatten.

"Das war `65. Der damalige AStA hatte einen Journalisten, Erich Kuby, eingeladen. Dieser Mann hatte irgendwann gesagt, so frei wäre die Freie Universität gar nicht. Und dieser Spruch hat gereicht, dass die Universitätsverwaltung verboten hat, dass dieser Mann an der Uni sprechen darf."

Erzählt Sigrid Fronius, die damals Romanistik und Geschichte studierte und ebenfalls am Sit-In teilnahm.

"Wir saßen in dem Vorraum. Und dann hat der Rektor die Polizei gerufen. Die Polizei hat dann einen nach dem anderen raus getragen. Also das war eigentlich auch lustig. Das zog sich zwei, drei Stunden hin. Und dann sitzt man eben zusammen –

und das ist ein schönes Gefühl zu sagen: Nein, das lassen wir uns nicht bieten! Das ist nicht korrekt."

In Algerien Befreiungskrieg und in Kuba siegte Fidel Castro

Befreiungskrieg in Algerien und Fidel Castros Sieg in Kuba

Sigrid Fronius war nach dem Abitur in Korntal bei Stuttgart ein halbes Jahr lang durch Europa getrampt. Danach zog es sie nach West-Berlin. In Algerien tobte der Befreiungskrieg gegen die Kolonialmacht Frankreich und in Kuba hatte Fidel Castro einen Diktator besiegt. An der Uni wollte die junge Frau mehr über Befreiungsbewegungen erfahren. Wurde aber enttäuscht.

Fronius: "Ich hatte dann das Glück, auf den Argument-Club zu stoßen. Im Argument-Club haben wir in einem Arbeitskreis regelmäßig bestimmte Themen behandelt, gesellschaftliche Themen. Faschismus und autoritäre Persönlichkeit, Kapitalismus, Kolonialismus. Es gab dann die Debatte, dass wir nicht nur Theorie machen sollen, sondern auch Praxis. Da sind wir, mehrere Frauen auch, in den SDS gegangen."

Im Sozialistischen Deutschen Studentenbund waren auch viele andere Frauen Mitglied. Auf den großen Versammlungen waren jedoch die Männer die Wortführer.

"Wenn eine Frau geredet hat, haben die Männer gelacht."

Sagt die Fotografin Ruth Westerwelle.

"Die Mädels haben sich davon beeindrucken lassen. Es gab auch diesen Gruppendruck: Die wollten den Jungs auch gefallen. Und bei den Frauen kommt noch hinzu, dass die Frauen sich immer schnell zurücknehmen. Ganz schnell wurden die Frauen zum ´Nebenwiderspruch` erklärt: Dass die Jungs ihre Weltrevolution machen – und die Mädels haben zu tippen und die Klappe zu halten."

Im Frühjahr 1968 reißt einigen Genossinnen die Hutschnur. Eine Gruppe um die Filmemacherin Helke Sander gründet den Aktionsrat zur Befreiung der Frauen. In einem Interview erklärt sie später, wie auch in studentenbewegten Kreisen der Alltag damals aussah.

"Zunächst wollten wir eigentlich nichts weiter, dass Frauen auch abends ausgehen können beziehungsweise zu den Teach-ins gehen können. Weil, dass Männer sich um die Kinder kümmerten, das war einfach noch außerhalb jeder Vorstellung. Es war selbstverständlich, dass das Sache der Frauen ist."

"Und dann habe ich ein Säckchen Tomaten mitgenommen"

Daran ändert auch der Aktionsrat erst mal nichts. Im September 1968 fährt Helke Sander deshalb zur 23. Delegiertenversammlung des SDS nach Frankfurt am Main. Sie darf bei dem Treffen als einzige Frau eine Rede halten. Ihr Thema: die überkommenen Geschlechterrollen. Sigrid Rüger, die mit ihr fährt, erzählt später einer Reporterin:

"Als wir dann dort waren, waren wir ja schon gewappnet aus den Diskussionen in Berlin. Wir wussten ja, dass wir nun ja nicht auf große Resonanz treffen würden. Dass tausend Ausreden vorgebracht werden würden, diese Diskussion erneut zu vertragen. Und da habe ich einfach so bei mir gedacht: Also da müsste man irgendwie ein bisschen handgreiflich werden. Und da ich sowieso noch was zum Essen einkaufen musste, habe ich überlegt, nehme ich Eier mit oder nehme ich Tomaten mit. Und dann habe ich ein Säckchen Tomaten mitgenommen."

Es ist der 13. September 1968. Mit dabei: ein Fernsehteam des Südwestfunks. Man sieht: Noch tragen die Männer ihre Haare kurz, zum Singen der Internationale sind fast alle aufgestanden, manche recken die Faust in die Luft. Die wenigen Frauen im Saal tragen Miniröcke, viele sind die Freundinnen der Männer. Der Fernsehreporter berichtet:

"Zu einer Auseinandersetzung über einen ganz besonderen theoretischen Ansatz kam es dann auch, als eine Berliner SDS'lerin ihre Genossinnen aufforderte, sich nicht mehr länger damit zu begnügen, nur Frauen zu sein."

"Eure Veranstaltungen sind ziemlich unerträglich! Warum sprecht ihr denn vom Klassenkampf hier – und von Orgasmus-Schwierigkeiten zu Hause? Diese Verdrängung wollen wir nicht mehr mitmachen. Wenn ihr zu dieser Diskussion, die inhaltlich geführt werden muss, nicht bereit seid, dann müssen wir, der Aktionsrat zur Befreiung der Frauen, feststellen, dass der SDS ein konterrevolutionärer Verband ist." 

Hans-Jürgen Krahl spricht am 13. September 1968 auf einer Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) in Frankfurt am Main. (picture alliance/dpa/Peter Hillebrecht)Hans-Jürgen Krahl am 13. September 1968 auf der Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) in Frankfurt am Main. (picture alliance/dpa/Peter Hillebrecht)
Helke Sanders Rede ist kaum vorbei, als die Männer schon zum nächsten Tagungspunkt übergehen wollen. Nun schlägt die Stunde von Sigrid Rüger: In grünem Kleid und hochschwanger greift sie zu den mitgebrachten Suppentomaten und trifft auf dem Podium Hans-Jürgen Krahl, den Cheftheoretiker des SDS.

Damm-Rüger: "Nu war ja der Teufel los. Dieser Tomatenwurf, der war im Grunde genommen der Funken im Pulverfass. Weil ich habe gemerkt an den anderen Frauen, wie die aufgesprungen sind und wie die dazwischen gerufen haben und uns unterstützt haben, dass das jetzt endlich auf die Tagesordnung muss. Es wurde dann noch anderthalb Tage lang über das Verhältnis der SDS-Genossen zu ihren Frauen und zu den SDS-Genossinnen diskutiert. Das hat deutlich gezeigt, das war genau das Richtige."

Initialzündung für die neue Frauenbewegung

Der Tomatenwurf gilt seither als Initialzündung für die Frauenbewegung in der alten Bundesrepublik. Sigrid Rüger selbst versuchte immer wieder, diesen Mythos zu relativieren. Die Frauenbewegung sei nicht urplötzlich aus dem Nichts erschienen, sondern längst in Gang gewesen, schrieb sie in einem Beitrag 1988. Ihre Tomaten hätten der Bewegung lediglich den fälligen Push gegeben.

Sigrid Damm-Rüger, wie sie nach ihrer Heirat hieß, ist 1995 in Berlin im Alter von nur 57 Jahren gestorben. Bei ihrer Beerdigung legten einige Frauen an ihrem Grab einen Kranz mit Tomaten nieder. Heute wissen sogar viele Feministinnen nicht, dass sie es war, die die berühmte Tomate warf.

"Das ist ja so, dass die Medien spätestens ab dem Vietnam-Kongress `68 und seit dem Attentat auf Rudi Dutschke und als dann die Günter Gaus-Interviews mit Daniel Cohn-Bendit und Rudi Dutschke waren, war Dani das Gesicht der Pariser Revolte und Rudi das Gesicht der deutschen Revolte. Und da war Sigrid medial vergessen."

Eva Quistorp ist nach dem Studium Sigrid Damm-Rüger noch etliche Male begegnet, als diese als Referentin im Bundesinstitut für Berufsbildung arbeitete. Eva Quistorp selbst gründete 1979 zusammen mit Petra Kelly und Joseph Beuys die Grünen.

Eva Quistorp auf der Bundesdelegiertenkonferenz der Grünen 1986 in Nürnberg. (imago/JOKER)Eva Quistorp auf der Bundesdelegiertenkonferenz der Grünen 1986 in Nürnberg. (imago/JOKER)
"Das war auch das Vorbild von Sigrid für mich: Sie hat gezeigt, dass man durch gemäßigtes, kluges Argumentieren Türen öffnen kann – nicht durch Krawalle und irgendwas werfen. Sondern dass man in gebildeter Form sehr präzise die schwachen Punkte des bestehenden Systems treffen kann und Schritt für Schritt zu einer Hochschulreform kommen kann."

"Den Ausdruck ´Studentinnen` gab es ja gar nicht"

Hochschulgeschichte hat auch Sigrid Fronius geschrieben. 1965 wurde sie als Mitglied des SDS ins Studentenparlament gewählt. Drei Jahre später war sie Vorsitzende des Allgemeinen Studentenausschusses – als erste und damals einzige Frau in der ganzen Republik. Zu ihren Aufgaben gehörte auch, die Aktivitäten der "Kritischen Universität" zu koordinieren. Die war nach dem Tod von Benno Ohnesorg und der darauf folgenden Hetze vor allem der Springer-Zeitungen gegen die Studenten 1967 gegründet worden.

"Nach diesen ganzen Verfälschungen und Lügen haben die Studenten sich daran gemacht, die Ereignisse zu recherchieren. Und da haben sich sehr viele Arbeitskreise an der Uni gebildet. Diese Arbeitskreise, die damals dann zum groß angelegten Springer-Tribunal geführt haben, und viele neue dazu, haben wir dann unter dem Namen ´Kritische Universität` zu einer Art Institution aufgebaut."

Bei all dem fühlte sich Sigrid Fronius als Frau nie diskriminiert.

"Privat waren wir natürlich weiblich, aber als Studentinnen oder als nachher aktive Genossen spielte das keine Rolle. Ob wir Frauen waren, Männer: Wir waren so gemeinsam engagiert in Fragen der Befreiung, des Protestes, dass das Geschlecht dabei ganz zurückgestanden hat."

Davon, dass es bereits eine erste Frauenbewegung gegeben hatte, der sie selbst das Frauenwahlrecht verdankten – davon wussten die 68erinnen lange nichts.

Fronius: "Ich kann mich überhaupt nicht erinnern, dass wir uns nach Vorbildern umgesehen hätten oder dachten, man müsste die unbedingt haben. Es kam von uns selber. Wir haben selbst das empfunden – und dann haben wir gehandelt."

Selbstverständlich dachte auch keine 68erin daran, von sich als Studentin zu sprechen. Eva Quistorp:

"Den Ausdruck ´Studentinnen` gab es damals ja gar nicht: Weibliche Studenten. Oder Studenten, die wie ich auch Frauen waren."

"Alle waren also stinksauer auf Rudi"

Es ist die Zeit, in der Oswald Kolle über "das Wunder der Liebe" aufklärt. Das Buch von Wilhelm Reich "Die Funktion des Orgasmus", 1927 geschrieben, wird wiederentdeckt. Männer und Frauen profitieren von der Überwindung der Verklemmtheit der Nachkriegszeit – vor allem aber: Männer. Und das, obwohl ihr inoffizieller Anführer, Rudi Dutschke, ein ganz anderes Geschlechtermodell vorlebte:

Westerwelle: "Um Rudi herum waren all diese schicken modelmäßigen Mädels und alle waren sie scharf auf Rudi – und Rudi nimmt sich eine, die das Aussehen überhaupt nicht interessiert. Die aber im intellektuellen Diskurs mit Rudi ganz nah war. Die heiratet er dann noch! Also wo heiraten tabu war! Und dann haben die noch ein Kind gekriegt, und er hat das auch noch gewindelt! Das war ja nun Weiberkram! Alle waren also stinksauer auf Rudi, Frauen und Männer, aber man konnte ihm nicht ans Bein pinkeln. Und das hat alles stellvertretend Gretchen abgekriegt – bis heute: ´Gretchen ist keine `68erin!` Aber Gretchen war in den USA schon lange aktiv, die war in Beatnik, war auch diejenige, die diese Kommune-Idee überhaupt nach Deutschland gebracht hat."  

Dutschke-Klotz: "Ich hatte von den Kommunen in den USA schon gelesen, habe Rudi davon erzählt. Und sagte: Wenn wir zusammen wohnen, kann man vielleicht dann doch durch dieses Machohafte etwas durchbrechen. Dass wir die Haushaltsarbeit, Kinderarbeit gleichmäßig zwischen Männern und Frauen verteilen – aber auch die politische Arbeit gleichmäßig verteilen. Das hat der Hauptmacho meiner Meinung nach, der Dieter Kunzelmann in München, gehört und ist gleich nach Berlin gekommen."

Erinnert sich Gretchen Dutschke-Klotz später in einem Interview.

"Die Kommune 1 mit Kunzelmann dann waren die ersten, die das wirklich versucht haben zu realisieren – aber nicht mit den Gesichtspunkten der Frauenemanzipation, sondern die bürgerliche Persönlichkeit zerstören – es war einfach Psychoterror."

Studentenführer Rudi Dutschke  (picture alliance/dpa/Foto: Rapp)Rudi Dutschke (m) und seine Ehefrau Gretchen (l) bei einer Demonstration. Undatierte Aufnahme. (picture alliance/dpa/Foto: Rapp)
Westerwelle : "Der Kunzelmann, der Weinberg der damaligen Zeit, der hat alle Frauen schlecht behandelt. Alle Frauen haben das erzählt. Aber das ist eben diese Sache von `68, dass die Frauen oft ins offene Messer gelaufen sind, dass sie sich das gar nicht so vorstellen konnten. Und ´Kunzel" war ja erst auch ein cooler Typ, der konnte gut reden, der hat Aktionen gemacht. Dass das dann so aussieht, das ist wieder typisch Frau: ´Ich habe mich wohl falsch verhalten!`" 

Dutschke-Klotz: "Eines von den Dingen von der Kommune 1 war, dass die keine feste Verbindung miteinander haben sollten, sondern alle sollen mit allen schlafen. Das bedeutet aber hauptsächlich, dass die Männer die Freiheit hatten, mit den Frauen zu schlafen, mit denen sie wollten – auch wenn die Frauen eigentlich das nicht wollten. Später habe ich mit einigen der Frauen erzählt – und die haben gesagt, wie schlimm das war."

 Westerwelle: "Es gab ja auch den Spruch ´Wer zweimal mit derselben pennt, gehört auch zum Establishment`. Es gab nicht den Spruch: ´Wer zweimal mit demselben…` Und wie das so ist: Mit dem Pennen entstehen Kinder daraus. Und da fühlten die Jungs sich also nun gar nicht in der Lage, für ein Kind die Verantwortung zu übernehmen. Weltrevolution ja – aber nicht Vaterschaft! Deshalb sage ich: Dem kurzen Sommer der Liebe folgte der lange Winter der alleinerziehenden Frauen."

"Weiberräte" entstehen

Nach dem Vorbild des West-Berliner Aktionsrats für die Befreiung der Frauen gründen sich in ganz Westdeutschland "Weiberräte" – eine bewusst provokante Wortwahl. Der Frankfurter Weiberrat lässt sich eine ganz besondere Aktion einfallen.

Auf der nächsten SDS-Versammlung verteilen die Frauen ein Flugblatt an ihre Genossen: Darauf eine Reihe abgehackter Penisse. Wie Jagdtrophäen aufgehängt an der Wand. Sie tragen die Namen der Koryphäen des SDS. Darunter räkelt sich auf einem Kanapee eine Dame – mit einem Hackebeil. Das Flugblatt endet mit dem berühmten Spruch: "Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen!" Ein Text auf der Rückseite erläutert, worum es geht:

"Wir machen das Maul nicht auf. Wenn wir es auf lassen, wird es uns gestopft, mit kleinbürgerlichen Schwänzen, sozialistischem Bums-Zwang, revolutionärem Gefummel!"

Die Genossen sind empört und schießen zurück: Die Frauen seien frustriert, penisneidisch, verklemmt, asexuell. Oder in gewohnt anzüglicher Art:

"Also, mein Schwanz soll auch abgehackt werden. Und anstatt ihn abhacken zu lassen, möchte ich ihn natürlich lieber in die Scheiden der Genossinnen stecken. Das ist ein ganz natürliches Bedürfnis."

Sitzend (l-r): Fritz Teufel, Dagmar Seehuber, Ulrich Enzensberger und dahinter (l-r) Dieter Kunzelmann, Dorothea Ridder und Hans-Joachim Hameister. Während einer Pressekonferenz am 07.04.1967 in Berlin. (picture alliance/dpa/Foto: Konrad Giehr)Sitzend (l-r): Fritz Teufel, Dagmar Seehuber, Ulrich Enzensberger und dahinter (l-r) Dieter Kunzelmann, Dorothea Ridder und Hans-Joachim Hameister. Während einer Pressekonferenz am 07.04.1967 in Berlin. (picture alliance/dpa/Foto: Konrad Giehr)
Westerwelle: "Die Frauen haben nicht nur gelitten. Sondern sie haben auch ihren Spaß gehabt. Haben sich auch genommen, was sie wollten. Eine hat mir erzählt, wie die Verführung ablief: Da hat sie versucht, ihn so intellektuell herauszufordern, weil sie dachte, das müsste so sein. Das ging dann über zwei Tage. Die hatten beide nur Lust aufeinander…"

Quistorp: "Das gehört auch zu der Zeit, dass es die Pille eben überhaupt nicht sofort gab. Und noch Abtreibung illegal war. Eine eigene weibliche Sexualität – so nach dem Motto, wir müssen nicht als Jungfrauen in die Ehe gehen und wir müssen nicht Kinder kriegen, wenn wir Sexualität als Frauen haben. Das waren Themen sofort. Aber die waren nicht in Parolen formuliert, aber im Lebensgefühl waren die drin. Oder: Trägt man noch einen BH? Man merkte, der Lebensstil verändert sich. Frauen können jetzt auch mal Vergnügen haben erotisch und sexuell – und das nicht alles ganz heimlich und versteckt. Im Gegenteil."

Gründung der ersten Kinderläden in Berlin

In West-Berlin gründet Helke Sander, bereits 30 und alleinerziehende Mutter eines Sohnes, mit gleichgesinnten Frauen die ersten Kinderläden.

"Dass plötzlich etwas entstanden ist, das Frauen allein machten, ohne sich vorher mit den Männern zu beraten – das hat es auch noch nie vorher gegeben. Die allgemeine Reaktion war eine unglaubliche Beleidigtheit von den jungen Vätern."

Erzählt Helke Sander später.

"Ohne unser Wissen hat sich dann der Zentralrat der antiautoritären Kinderläden gegründet – und das waren dann nur noch Männer. Dann wurde das alles sehr psychoanalysiert und so weiter – und die Frauen hatten letztlich noch mehr Arbeit mit den Kinderläden, als sie vorher schon hatten, weil – nun gab es diese endlosen Gruppensitzungen."

Sigrid Fronius ist zu der Zeit AStA-Vorsitzende und weit entfernt, sich für Frauenbelange zu interessieren.

"Später habe ich dann die Rede von Helke Sander gelesen. Und das hat mir eingeleuchtet, dass es richtig ist, so was zu diskutieren. Aber es lag mir trotzdem als Thema fern, mich da jetzt zu engagieren. Ich fühlte mich da nicht betroffen. Ich kann mich nur erinnern, als ich dann Feministin war, dass ich das dann gewürdigt habe, was Frauen vorher alles erkämpft haben."

Haben die Frauen mit ihrer "Revolte in der Revolte" das Ende der `68er Bewegung eingeläutet?

Quistorp: "Also wie kann man so eine Quatsch-These vertreten! Man könnte den Zerfall der Studentenbewegung nämlich auch so beschreiben, dass die wichtigen Traditionen weitergewachsen sind – und natürlich nur langsam wachsen konnten. Weil – Kindererziehung geht langsam, andere Wohn- und Lebensformen entwickeln, geht langsam. Und das erkennt man nicht darin, ob jemand einen Stein schmeißt oder eine Rede auf der Straße hält."

Dutschke-Klotz: "Auf diese Weise haben die Frauen versucht, diese antiautoritären Ideen weiterzutragen. Und dadurch, dass es auf praktische Fragen bezogen hat, Kindererziehung und Schule und so. Und dann mit dem Abtreibungsparagraph. Dadurch kam es zu immer breitere Kreise in der Gesellschaft."

Gretchen Dutschke-Klotz schreibt in ihrer Autobiografie "1968. Worauf wir stolz sein können" dass die Frauenbewegung die Protestbewegung vor ihrer endgültigen Erstarrung gerettet habe. Die Männer schlossen sich zunehmend in sogenannten K-Gruppen zusammen.

Rudi Dutschke mit Ehefrau Gretchen und Kindern (picture alliance/dpa/Foto: Central Press)Rudi Dutschke mit Ehefrau Gretchen beim Spielen mit den Kindern Polly (10 Monate, 2.v.l.) und Hosea (2 Jahre, r) in Cambridge. (undatiertes Foto) (picture alliance/dpa/Foto: Central Press)
Dutschke-Klotz: "Das waren kommunistische Sektierergruppen, Maoisten, Trotzkisten, Leninisten. Die ganze antiautoritäre Idee verschwand. Das waren total autoritäre Gruppen, wo alles vorgeschrieben war. Aber bei den Frauen die ganze Idee, dass man das diskutieren soll und einander helfen zu verstehen, was ist mit mir, was ist mit unserer Situation – das war natürlich ein ganz anderer Anfangspunkt, wie man sich mit sich selbst beschäftigt und wie man dann von selbst auch auf gesellschaftskritische Schlussfolgerungen kommt."

Westerwelle: "Die Mädels nicht, aber die Jungs, die wollten eine neue Autorität haben, der sie sich unterwerfen – und wenn es der Kommunismus war. Die Leute, die vorher sagten ´Staat weg!` und so – die wollten den einen Papa morden, um den nächsten Papa zu suchen."

Ruth Westerwelle hat bei den Interviews für ihre Fotoausstellung erfahren, dass die `68er Frauen nicht zufällig mehr wollten als nur die große Revolution:

"Was mir auch alle gesagt haben: ´Ich wollte nicht so wie meine Mutter werden.` Die Frauen haben im Krieg alles zuhause gemanagt. Und kaum waren die Männer zurück, wurden die Frauen in die zweite Reihe zurückgeschickt, waren sie wieder das Heimchen am Herd. Das haben diese Töchter mitgekriegt, dass die Mütter nichts zu sagen hatten und sich untergeordnet haben. Deswegen wollten die nicht wie ihre Mutter sein. Erst mal sind sie losgegangen, haben gemacht."

2018: 68er-Deutungshoheit wieder von Männern bestimmt

Was sie ärgert: Auch die aufbegehrenden `68erinnen nehmen sich noch Jahrzehnte später zurück, wenn um die Deutungs- und Erinnerungshoheit an das mythische Jahr gerungen wird.

"Ich habe sehr viele Interviews geführt, da haben die Frauen Klartext geredet. Als ich ihnen dann aber später Auszüge, die ich veröffentlichen wollte, zugeschickt habe: ´Nein, nein, so kann man das nicht schreiben!` Die haben das alles zurückgenommen. Die 68er Frauen haben sich letztlich immer dem unterworfen. Alles was geschrieben wurde, ist letztlich genau in diesem altbekannten Terminus geschrieben der Studentenbewegung – und so, wie die Jungs das vorgegeben haben."

Quistorp: "Wir haben uns wahrscheinlich selber nicht wichtig genug genommen. Haben uns auch nicht vorstellen können, dass alles vergessen wird. Haben uns nicht vorstellen können, welche Wirkung auch auf das historische Gedächtnis die Darstellung in den Massenmedien hat."

Meint Eva Quistorp, die nicht nur für die GRÜNEN im Europaparlament saß, sondern auch in der Friedensbewegung maßgeblich mitgewirkt hat.

"Daniel Cohn-Bendit schreibt locker Bücher über `68, wo der Schlusssatz ist: ´Und dann kam die Frauenbewegung.` Aber er schreibt nicht, dass die Frauenbewegung als Protest kam."

Sigrid Fronius ist von all dem seit Jahrzehnten weit entfernt. 1973 kehrte sie Deutschland den Rücken und erlebte die Militärdiktaturen in Chile und Argentinien. Erst bei einem Intermezzo zurück in Berlin entdeckte sie die Frauenbewegung für sich. 1983 wanderte sie nach Bolivien aus. Dort betreibt sie in den Bergen ein Öko-Hotel. Per Email und Facebook ist sie noch immer mit ehemaligen Weggefährtinnen verbunden.

"Wir waren eine außerparlamentarische Opposition. Da gab es die ganze Bewegung gegen die Atomkraftwerke, die sich da aus der 68er heraus entwickelt hatte. Da waren viele von uns auch mit dabei. Die ökologische und Frauenbewegung sind sehr, sehr angewachsen. Also für mich ist die `68er nie vorbei gewesen. Es ging immer irgendwo weiter."

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