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Lesart | Beitrag vom 01.12.2018

Delphine Minoui: "Die geheime Bibliothek von Daraya"Eine Oase der Ruhe inmitten des Krieges

Von Carsten Hueck

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Coverabbildung Delphine Minoui: Die geheime Bibliothek von Daraya. (Cover: Benevento-Verlag, Foto: picture alliance/dpa)
Zigtausende Bücher retteten Aktivisten im syrischen Bürgerkrieg aus den Trümmern. (Cover: Benevento-Verlag, Foto: picture alliance/dpa)

Zigtausende Bücher retteten Aktivisten aus den Trümmern des syrischen Bürgerkriegs und brachten sie in eine geheime Bibliothek in Daraya. Deren Geschichte erzählt Delphine Minoui engagiert und voller Sympathie.

"Vorsichtig tastet Ahmad sich ins Wohnzimmer vor. Das Parkett ist mit Büchern übersät, die zwischen den Schutthaufen verstreut liegen. Langsam geht er in die Hocke und nimmt aufs Geratewohl eines davon in die Hand. Der Titel des Buches ist auf Englisch. Ahmad schlägt die erste Seite auf, entziffert die wenigen bekannten Wörter dieser fremden Sprache, die er kaum spricht. Aber im Grunde ist das Thema auch egal. Er zittert. Er hat das Gefühl, die Tür zum Wissen aufzustoßen. Für einen Moment der Routine des Krieges zu entfliehen. Einen kleinen Teil der Archive seines Landes zu retten, und sei er noch so winzig."

Ahmad ist ein junger Syrer. Geboren 1992 in Daraya, einem Vorort von Damaskus. Ein Student, der Bauingenieur werden wollte, bis 2011 die Revolution in Syrien begann. Und bald darauf der Terror, das bis heute anhaltende Töten und Sterben.

Im Oktober 2015 entdeckt die französische Journalistin Delphine Minoui auf einer Facebook-Seite die Aufnahme eines fensterlosen Raums, in dem gelesen wird und dessen Wände mit Bücherregalen ausgestattet sind: Sie wirft einen ersten Blick in die geheime Bibliothek in Daraya, das einzige kulturelle Zentrum jener Stadt, die als Wiege der friedlichen syrischen Revolution und des Widerstands gegen das Assad-Regime gilt. Beeindruckt von dieser Oase der Ruhe inmitten des Krieges, gelingt es ihr mithilfe von Mails, Skype- und WhatsApp-Nachrichten denjenigen ausfindig zu machen, der das Foto aufgenommen hat. Es ist Ahmad, einer der Gründer der geheimen Bibliothek von Daraya.

Die Recherche vor Ort war unmöglich

Minoui, die zu dieser Zeit in Istanbul lebt, entschließt sich, die Geschichte dieser Bibliothek in einem Buch zu erzählen. Ihr ist bewusst, dass sie nicht vor Ort recherchieren kann:

"Wer den Blick auf eine Stadt richtet, die er nur am Computerbildschirm sieht, riskiert, die Wahrheit zu verfälschen. Die Augen zu schließen hieße, sie zum Schweigen zu verdammen. Ich möchte der Stadt ihre Sprache zurückgeben. Aber ein solches Vorhaben ist riskant. Welches politische Projekt verfolgen diese jungen Männer jenseits der Bücher, die sie lesen? Sind sie tatsächlich islamistische Kämpfer, wie uns das Regime einreden möchte? Oder lediglich Aktivisten, die sich diesem nicht unterwerfen wollen? Ein paar Tage später kontaktiere ich Ahmad erneut, um ihm von meiner Absicht zu erzählen. Gespannt warte ich auf seine Antwort. Am anderen Ende der Skype-Verbindung bleibt es lange still."

Ein Stück Zivilgesellschaft

"Die geheime Bibliothek von Daraya" ist ein außergewöhnliches Buch: Zeugnis gewaltlosen Engagements und der Solidarität. Es verdeutlicht die Entwicklung eines Konfliktes, an den wir uns schon bis zur Abstumpfung gewöhnt haben. Minoui gelingt es, dem Leser vor Augen zu führen, wie der Alltag in einer Stadt aussieht, die über Jahre hinweg zerbombt wird. Sie lernt die Geschichte der Stadt kennen und kann Ahmad und seine Freunde immer besser einschätzen: junge Männer, die sich entschlossen haben, durch das Ausharren in Daraya und die Errichtung der Bibliothek ihrem Anspruch auf geistige Freiheit und Demokratie Ausdruck zu geben. Unter Lebensgefahr behaupten sie ein Stück Zivilgesellschaft. 2013 haben sie begonnen aus den Trümmern der Häuser Bücher zu sammeln: arabische und fremdsprachige Literatur, Philosophie, Theologie, Naturwissenschaften, Lyrik, Geschichte.

"Insgesamt sind es etwa vierzig Freiwillige – Aktivisten, Studenten, Rebellen – die nur darauf warten, dass das Geräusch der Flugzeuge verstummt, um erneut loszuziehen und unter den Trümmern zu graben. Innerhalb einer Woche retten sie sechstausend Bücher. Einen Monat später umfasst ihre Ausbeute schon fünfzehntausend Bände."

Lesen, um Menschen zu bleiben

Delphine Minoui dokumentiert die Vorgänge in Daraya zwischen 2015 und 2017. Und bringt sich selbst mit ein. Sie ist schockiert, als sie aus den Videobotschaften der Bibliotheksbetreiber von deren zunehmender Demoralisierung erfährt. Für die Toten übernimmt sie den Begriff des "Märtyrers". Die Sympathie der Autorin gilt eindeutig dieser gewaltfreien Opposition gegen Assad.

Während der städtische Lebensraum unter den fortgesetzten Angriffen der Regierungstruppen immer enger wird, die Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten immer schwieriger, blüht bis zuletzt in dem Kellerraum mit Büchern der Wunsch nach Normalität. Wenn wir lesen, sagt einer der Aktivisten der Autorin, dann vor allem, um Menschen zu bleiben.

2016 ging die Bibliothek unter

Ende 2016 schließlich wird Daraya evakuiert, die Bibliothek von Soldaten des Regimes zerstört, manche der Bücher landen später auf dem Flohmarkt von Damaskus. Nicht alle aus dem Kreis um Ahmad haben die Zerstörung ihrer Stadt überlebt. Einigen gelingt die Flucht in die Türkei, wo Delphine Minoui sie endlich persönlich treffen kann. Ihr Resümee:

"Was auch immer geschieht, diese jungen syrischen Helden haben eine bleibende Geschichte geschrieben. Angesichts des Zerstörungswerks der Bomben haben sie nicht nur Bücher gerettet. Sie haben Worte gebaut. Sätze errichtet. Tag und Nacht haben sie unerschütterlich an die Kraft der Sprache geglaubt. Die Hässlichkeit des Krieges überwunden durch die Sprache."  

Delphine Minoui: "Die geheime Bibliothek von Daraya. Über die Macht der Bücher in Zeiten des Krieges"
Aus dem Französischen von Nathalie Lemmens
Benevento-Verlag, 222 Seiten, 20 Euro
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