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Die Reportage / Archiv | Beitrag vom 30.03.2018

Debatte um Pflege"Ich bin kein Arschabputzer"

Von Petra Stalbus

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(Alexa Kirsch)
Sandro Plett mit seinem Großvater (Alexa Kirsch)

Altenpfleger und Facebook-Star Sandro Pé macht mit seinen Videos gestressten Kolleginnen und Kollegen Mut. Die Begegnung mit alten Menschen ist schön, so sein Credo, nur die Arbeitsbedingungen in der Pflege sind es nicht. Das will er ändern.

"Es ist ein Unterschied, ob dich ein anderer Mensch nur wäscht und seine Arbeit tut oder ob dich ein Mensch pflegt und deine Seele berührt."

Das sagt Sandro Plett alias Sandro Pé in einem seiner Youtube-Videos und fügt hinzu:

"Ich bin kein Arschabputzer. Sondern ich bin ein Modeberater, ein Seelsorger, ein bisschen Freund, ein Tagesbegleiter, ein Sterbebegleiter und der letzte Weg. Eine Beschäftigung. Ein Sänger. Ein Autor und Vorleser, eine lebende Uhr, ein Handtaschenfinder."

Die Pflege hat einen schlechten Ruf. Sie wird assoziiert mit dahinsiechenden Patienten, mit gehetztem Personal, mit schlechtem Essen und sogar mit Misshandlung und Gewalt gegen alte Menschen. Da sind die Postings von Sandro Pé wie ein Ruf aus der Wüste.

(Alexa Kirsch)Altenpfleger und Facebook-Star Sandro Plett alias Sandro Pé (Alexa Kirsch)

Angefangen hat bei ihm alles in der Ausbildung. 

"Da stehst du als Auszubildender, kommst in Berührung mit der Fließbandarbeit, die in der Pflege gang und gäbe ist, und du hast einfach das Gefühl, dir hört gar keiner zu. Du läufst einfach gegen eine Wand und dir hört einfach keiner zu. Es gibt so viele Kolleginnen und Kollegen, die mit Herz pflegen und mit so viel Leidenschaft und dann selber daran kaputtgehen. Weil das System diesen Menschen einfach nicht hilft. Und das ist der Punkt gewesen, wo ich dann gesagt hab: Nein, stopp, warte mal. Wir müssen angehört werden. Kann doch nicht sein, dass man Pflegekräfte, die so eine wichtige Berufung haben, ignoriert."

"Wir müssen angehört werden!"

Als er anfing, sich seinen Frust von der Seele zu schreiben, als er begann zu reden und die ersten Videos online zu stellen, war er noch allein. Drei, vier andere, die ihre Kommentare dazu abgaben. "Ansonsten führte ich Selbstgespräche". 

Aber nach und nach sprach es sich herum. Sandro Pé wurde bekannt in der Szene und bald hatte er Hunderte Follower. Inzwischen, vier Jahre später, verfolgen 80.000 User, was Sandro Pé zum Thema Pflege sagt. Die meisten davon sind Kolleginnen und Kollegen. Sie holen sich bei ihm Rat, lassen sich inspirieren und motivieren. Die Botschaft ist: Es kann auch anders gehen. Aber wir müssen zusammenstehen.

Inzwischen wird Sandro Pé als Experte zu Diskussionen eingeladen, er bekam den Social Media Preis verliehen im Rahmen der Preisverleihung für die besten Pflegekräfte 2017. 

Das Image des Pflegeberufs ist miserabel

Die Not ist groß in Deutschland. Pflegepersonal wird händeringend gesucht. Wenn sich die Arbeitsbedingungen ändern, so meint Sandro Pé, dann dürften sich auch mehr junge Menschen für den Beruf interessieren. Mehr Zeit für die Patienten und - damit verbunden - bessere Versorgungsmöglichkeiten, außerdem ein höheres Gehalt, das wären die wichtigsten Voraussetzungen, um den Beruf attaktiver zu machen. 

Aber auch das Image spielt eine Rolle. Der sprichwörtliche "Arschabputzer" ist sicher kein Vorbild. Sandro Pé hingegen schon. Er inszeniert sich den sozialen Medien als smarter Typ, der weiß, was er will und dies auch einfordert. Für die alten Menschen steht er ebenso ein wie für seine eigenen Interessen und die seiner Kolleginnen und Kollegen. Mitgefühl zeigen, gleichzeitig professionelle Distanz wahren - dafür plädiert er auch in Situationen, in denen das Pflegepersonal provoziert wird. 

Teilnehmer einer Verdi Demonstration laufen am 08.11.2017 mit Schildern durch Tübingen (Baden-Württemberg). Die Pflegekräfte der Uniklinik Tübingen kritisieren die Personalnot in der Pflege. Nach der kurzfristigen Absage eines Warnstreiks der Beschäftigten der Uniklinik fand die Demonstration dennoch statt. Foto: Sina Schuldt/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit (dpa)Pfleger demonstrieren gegen Überlastung (dpa)

"Das darf man niemals persönlich nehmen, wenn so ein Mensch mich beleidigt oder der dauerhaft klingelt, dann will er mich nicht ärgern. Der Mensch im Endeffekt kann nichts dafür. Und was will dieser Mensch? Er will erstens, dass die Emotionen gesehen werden, dass diese Emotionen wieder Wert bekommen, weil er bekommt Wert, wenn er dauerhaft klingelt. Er bekommt eine Bewertung, ob die negativ oder nicht ist, das sei mal dahingestellt, aber er wird wieder gesehen und wahrgenommen, seine Ich-Wichtigkeit für diesen Tag. Ich sag auch immer: Ein Mal pro Tag wichtig sein. So wie heute manche Bewohner beim Friseur waren und einfach wieder schick aussehen, oder einfach mal hallo sagen. Das ist schon alleine eine Wichtigkeit, hallo zu sagen. Dass ich manchmal Leuten zehnmal am Tag hallo sage, das mach ich einfach, das kostet nicht viel Zeit."

Einmal am Tag wichtig sein

"Stille Helden" hat Angela Merkel die Pflegekräfte einmal genannt. Damit kann Sandro Pé nichts anfangen. Still will er nicht sein, im Gegenteil.

"Ich hätte selbst nie gedacht, dass es soweit kommt, und es ist einfach ein berauschendes Gefühl, dass so viele hinter mir stehen. Und da denke ich, das ist der Anfang, und ich glaube, da kommt noch sehr, sehr viel. Denn das ist politisch, und ich möchte da noch wirklich sehr, sehr viel bewirken. Und einfach tun. Mit Herz und Mut."

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