Debatte um Netzwerk Wissenschaftsfreiheit

    "Eine Vorlesung zu sprengen, ist kein legitimer Widerspruch"

    04:22 Minuten
    Menschen demonstrierten in einem Hörsaal der Universität Hamburg, während der Wirtschaftswissenschaftler und AfD-Mitbegründer Bernd Lucke 2019 versuchte, seine Antrittsvorlesung zu halten.
    Ein Fall von Cancel Culture? Wegen studentischer Proteste konnte der Ökonomieprofessor Bernd Lucke seine Antrittsvorlesung in Hamburg im Oktober 2019 nicht wie geplant halten. © picture alliance / dpa / Markus Scholz
    Ein Standpunkt von Dieter Schönecker · 18.03.2021
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    Das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit will Forschung und Lehre gegen ideologische Einflüsse verteidigen. Wollen diese Wissenschaftler bloß keinen Widerspruch dulden? Cancel Culture und Zensur seien kein legitimer Widerspruch, entgegnet Dieter Schönecker.
    Es sind vor allem immer wieder drei Argumente, die zeigen sollen, dass ein solches Netzwerk im Grunde überflüssig sei. Auch der Kulturwissenschaftler Daniel Hornuff hat sie vor Kurzem auf Deutschlandfunk Kultur geltend gemacht.
    Das erste besagt, dass es die behauptete akademische Cancel Culture gar nicht gebe und dass es jedenfalls an Belegen fehle. Aber tatsächlich gibt es sie, die Fälle und Belege, und zwar in immer schneller wachsender Zahl.
    Dazu gehören nicht nur die bekannten Fälle Baberowski und Münkler und auch nicht nur die teils erfolgreichen Versuche, Vorträge von politisch inkorrekten Menschen zu verhindern (ich erinnere an Jongen, Kutschera, Lucke, Sarrazin, Wendt oder Wolf). Erst kürzlich wurde etwa gefordert, dem Mediziner Paul Cullen die Professur zu entziehen, bloß weil er Abtreibungen kritisiert und sich kritisch zur Corona-Politik äußert.
    Die Forschungsstelle für Interkulturelle Studien der Uni Köln fordert die rassismuskritische Prüfung von akademisch vertretenen Positionen. Das hört sich gut an, hat aber den großen Haken, dass ja jemand bestimmen muss, was denn überhaupt Rassismus ist. Wenn es nach der Kölner Forschungsstelle geht, muss schon eine Aussage wie "Das Kopftuch ist ein Zeichen für Unterdrückung" als "menschenverachtend" gelten. Und solch eine grassierende Begriffsaufblähung hat Konsequenzen.

    Wo hört Kritik auf und wo fängt der Angriff an?

    So veröffentlichte der Wirtschaftspsychologe Bruno Klauk kürzlich einen Fachbeitrag über "Intelligenzdiagnostik bei überwiegend Nicht-EU-Migrantinnen und -Migranten". Ähnlich wie im Falle Heiner Rindermann bezichtigte man ihn umgehend des Rassismus und forderte, den Beitrag zurückzuziehen, und dies, obwohl der Aufsatz den normalen Begutachtungsprozess durchlaufen hatte.
    Wer, wie die Hochschulrektorenkonferenz, auf den vielleicht gut motivierten, aber durchaus dummen Gedanken kommt, eine ganz bestimmte Definition von "Antisemitismus" an deutschen Universitäten "etabliert" sehen zu wollen, schränkt die Freiheit ebenfalls ein. In England war diese Strategie übrigens schon erfolgreich.
    Niemand darf verbindlich festlegen, was Begriffe wie "Antisemitismus" oder eben auch "Rassismus" aus der Sicht der Wissenschaft bedeuten. In gewisser Hinsicht tun dies nicht einmal die Wissenschaften selbst, da der Erkenntnisprozess immer offen ist.
    Das zweite Argument gegen die These, die Wissenschaftsfreiheit in Deutschland sei in Gefahr, besteht darin, dass man eine solche angebliche Gefahr mit Kritik und Widerspruch verwechsle. Kritik und Widerspruch seien eben auszuhalten. Aber wer hätte das denn je bestritten? Kritik ist eine Sache, Angriffe auf die Wissenschaftsfreiheit eine andere. Eine Vorlesung zu sprengen, ist kein legitimer Widerspruch, ebenso nicht, die Zensur eines erfolgreich begutachteten Artikels zu verlangen.

    Jammern auf hohem Niveau - na und?

    Und wenn, wie im Falle der Professorin für Diversity Studies, Maisha-Maureen Auma, ein AfD-Politiker verlangt, diese müsse "in ihre Schranken" verwiesen werden, ist dies nicht Widerspruch oder Kritik, sondern ein Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit ‒ als welchen es das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit ja auch öffentlich kritisiert hat.
    Drittens wird moniert, dass das Netzwerk auf einem sehr hohen, zu hohen Niveau jammere, da es um die Wissenschaftsfreiheit in anderen Ländern noch viel schlechter bestellt sei. Letzteres stimmt natürlich. Aber aus dieser unbestrittenen Tatsache folgt natürlich keineswegs, dass man Versuche, die Wissenschaftsfreiheit in Deutschland einzuschränken, nicht auch kritisieren dürfte. Es folgt ja auch aus der Tatsache, dass in vielen Ländern der Welt die Armut viel größer ist als in Deutschland, ebenfalls nicht, dass man Armut in Deutschland nicht kritisieren dürfte.
    Drei Argumente, keines davon triftig. Wenn die Kritiker des Netzwerks Wissenschaftsfreiheit nicht bessere Argumente vorweisen können, hat das Netzwerk keinen Grund, an seiner Existenzberechtigung zu zweifeln.

    Dieter Schönecker ist Professor für Praktische Philosophie an der Universität Siegen. Zuletzt erschien von ihm "Rassismus, Rasse und Wissenschaftsfreiheit. Eine Fallstudie", in: Philosophisches Jahrbuch 2/20, S. 248-273.

    Porträtaufnahme des Philosophen Dieter Schönecker.
    © privat
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