Donnerstag, 21.10.2021
 

Fazit | Beitrag vom 20.09.2021

Debatte um Journalistin Nemi El-HassanUnterstützer fordern faire Behandlung

Ralf Michaels im Gespräch mit Marietta Schwarz

Ein Porträt der lächelnden Nemi El Hassan als Moderatorin der Sendung Quarks. (WDR / Tilman Schenk)
Die Journalistin Nemi El-Hassan arbeitet seit Jahren für öffentlich-rechtliche Sender. (WDR / Tilman Schenk)

Hunderte Kulturschaffende und Wissenschaftlerinnen haben einen offenen Brief unterzeichnet. Sie fordern den WDR dazu auf, die Journalistin Nemi El-Hassan fair zu behandeln. Erstunterzeichner Ralf Michaels sieht im Umgang mit ihr verheerende Fehler.

Eigentlich sollte die Journalistin und Ärztin Nemi El-Hassan die Moderation für die Wissenschaftssendung "Quarks" des Westdeutschen Rundfunks (WDR) übernehmen, doch seit mehr als einer Woche tobt eine öffentliche Debatte um sie.

Denn 2014 hat El-Hassan an israelfeindlichen Demonstrationen teilgenommen, wie die "Bild"-Zeitung berichtete. Die Journalistin hat sich daraufhin öffentlich entschuldigt und von der Teilnahme distanziert. Das hielt den WDR aber nicht davon ab, sie als Moderatorin vorerst nicht antreten zu lassen. In einer Erklärung hieß es, der Sender dulde keine Form von Antisemitismus.

Hunderte Unterstützerinnen und Unterstützer haben daraufhin einen offenen Brief unterzeichnet. Darunter unter anderem Wissenschaftlerinnen, Autoren oder Kulturschaffende, wie Carolin Emcke, Fabian Wolff, Margarete Stokowski und Igor Levit. Im Brief heißt es: "Wir sind entsetzt über die diffamierende und denunziatorische Art, in der diese Diskussion geführt wird." Und weiter: "Nemi El-Hassan wird aufgrund ihrer palästinensischen Herkunft und ihrer muslimischen Identität zur Zielscheibe von Hass und Hetze."

Aufforderung zu gerechter Behandlung

Ralf Michaels, Direktor des Max-Plack-Instituts für ausländisches und internationales Privatrecht in Hamburg, ist einer der ersten Unterzeichner des Briefs. Er verstehe die Aktion als eine direkte Aufforderung an den WDR, die Journalistin gerecht zu behandeln. Das bedeute für ihn, die Fakten vollständig zu ermitteln und sie aufgrund der Situation heute zu behandeln – und nicht der von 2014.

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Die Debatte um El-Hassan gehe aber noch weiter als dieser Einzelfall: "Für mich geht es um die Frage, wie wir in dieser Gesellschaft mit Pluralität umgehen können", sagt der Rechtswissenschaftler, "und auch darum, wie wir sinnvoll gegen Antisemitismus und gegen militanten Islamismus gleichermaßen vorgehen – ohne den möglichen Meinungskorridor so sehr zu verengen, dass wir selber zu einer illiberalen Gesellschaft werden".

Darstellung ohne Kontext

Im Fall von El-Hassan habe ein sogenanntes Framing stattgefunden, erklärt Ralf Michaels. Da habe jemand "die tatsächlich problematische Teilnahme an solchen Demonstrationen vor sieben Jahren herausgeholt", die Medien hätten es aufgegriffen und ohne Kontext dargestellt.

So habe etwa die Information gefehlt, dass dies zur Zeit des Gazakriegs war, "wo überall die Emotionen hochgekocht sind", kritisiert Michaels, und dass El-Hassan sich damals schon schriftlich für die Annäherung, Aussöhnung und gegen Gewalt ausgesprochen habe. Außerdem werde verschwiegen, dass sie journalistische Beiträge produziert habe, die sich gegen Antisemitismus stellten. El-Hassan habe mit diesen Beiträgen Medienpreise gewonnen.

Rechte und Islamisten profitieren

Vor allem zwei Punkte der öffentlichen Debatte sind für Ralf Michaels problematisch: Zum einen, wie die AfD auf den Zug aufgesprungen sei und über den Rückzieher des WDR gejubelt habe.

Zum anderen spiele dieser Fall den radikalen Islamisten in die Hände: Sie könnten nun auf den Fall verweisen und behaupten, auch wenn Muslime das Kopftuch ablegten und sich anstrengten, sie trotzdem nicht von der deutschen Mehrheitsgesellschaft akzeptiert werden würden, so der Rechtswissenschaftler.

"Ich gehe davon aus, viele Musliminnen und Muslime schauen sich das gerade sehr kritisch an", meint Michaels. Sie würden sich nun fragen: Wie geht die plurale Gesellschaft hier mit uns um? Wie geht sie mit Menschen um, die komplizierte Lebensläufe haben – mit anderem Hintergrund, als die weiße Mehrheitsgesellschaft.

(sbd)

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