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Fazit / Archiv | Beitrag vom 18.07.2020

Debatte um DenkmälerWie Bismarck dekolonisieren?

Kodjo Gläser und Hannimari Jokinen im Gespräch mit Marietta Schwarz

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Das über 30 Meter hohe Bismarck-Denkmal steht oberhalb des Hafens (Aufnahme mit einer Drohne). Im Hintergrund ist die Hauptkirche St. Michaelis (Michel) zu sehen. (Daniel Bockwoldt/dpa)
Um dieses besonders martialisch anmutende Bismarck-Denkmal in Hamburg ist Streit entbrannt. Ein Kunstwettbewerb soll Abhilfe schaffen, hofft der Kultursenator. (Daniel Bockwoldt/dpa)

Für die einen ein Held, für die anderen Wegbereiter des Kolonialismus: Otto von Bismarck. Nun stehen auch seine Denkmäler in der postkolonialen Kritik. Über deren Zukunft sollen vor allem Schwarze Menschen entscheiden, fordern Initiativen.

Vor 150 Jahren, am 19. Juli 1870, begann der Deutsch-Französische Krieg, mit dem der damalige Reichskanzler Otto von Bismarck die Gründung des Deutschen Reiches in die Wege leitete. Nicht nur deswegen wird er hierzulande vor allem als bedeutender Staatsmann gewürdigt. Davon zeugen bis heute zahlreiche Bismarck-Denkmäler. Das weltweit größte steht in Hamburg im Alten Elbpark oberhalb der Landungsbrücken - mit einer Gesamthöhe von 34,3 Metern.

Doch es regt sich Widerstand, denn Bismarck begründete nicht nur den deutschen Nationalstaat, sondern auch das deutsche Kolonialreich. Nun geraten auch die Bismarck-Denkmäler in die postkoloniale Kritik, vor allem besagtes in Hamburg.

Auf der Kongo-Konferenz wurde Afrika aufgeteilt

Bismarck zu dekolonisieren, sei eine sehr komplexe Aufgabe, sagt Kodjo Gläser, der sich genau das auf die Fahne geschrieben hat. Er ist Mitglied der "Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland" sowie der Initiative "Decolonize Bismarck".

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Der damalige Reichskanzler habe nämlich nicht nur das Reich geeint und Sozialreformen herbeigeführt, wie uns die Schulbücher lehren, sondern auch den Kolonialismus zu verantworten, sagt Gläser. Auf der von ihm einberufenen Kongo-Konferenz sollte es um nichts Geringeres als um die Aufteilung Afrikas gehen.

Damals sei der Grundstein für die Hegemonialstellung Europas gelegt worden, erklärt er. Ausbeutung, Freihandelsabkommen und Kriege seien die Folge dieser Weichenstellung, so Gläser. Insofern handle es sich bei der Schwarzen Perspektive nicht um eine historische, sondern um eine topaktuelle.

Vor allem Schwarze Menschen sollen entscheiden

Um aber einen Paradigmenwechsel herbeizuführen, müssten Schul- und Geschichtsbücher nun "unter Federführung der durch Kolonialismus Betroffenen" bzw. von deren Nachfahren umgeschrieben werden, fordert Gläser. Nur so könnten die Versprechen der Bundesregierung und des Stadtstaates Hamburg, einen Dekolonisierungsprozess ernsthaft anzugehen, umgesetzt werden.

Das gelte auch für die Entscheidung über die Zukunft der Bismarck-Denkmäler, auch hier sollten die von Bismarcks Politik Betroffenen entscheiden.

Verknäulte Geschichte

Ob das, was wir momentan erleben, tatsächlich ein Paradigmenwechsel in der Diskussion um Rassismus ist oder lediglich ein Medienhype, könne sie noch nicht beurteilen, sagt Hannimari Jokinen, die seit 18 Jahren im Arbeitskreis Hamburg postkolonial aktiv ist. "Aber ich denke, solange die Entscheidungsstrukturen, was Denkmäler angeht, immer noch weiß sind, ist das noch ein langer Weg."

Jokinen begrüßt jedenfalls den Vorstoß des Hamburger Kultursenators, einen künstlerischen Wettbewerb für eine Gegenposition zum umstrittenen Bismarck-Denkmal auszurufen, geht er doch auf die Initiative ihres Vereins zurück. "Aber", sagt auch sie, "es muss ein beteiligungsorientierter Prozess stattfinden, vor allem mit den Communitys der Schwarzen Menschen und People of Color". Schließlich gehe es hier um "entangled history", also um ineinander verknäulte Geschichte. "Und bis jetzt wurden halt nur weiße Akteure und Akteurinnen gehört. Und ohne einen Perspektivwechsel kriegen wir das nicht hin", sagt Jokinen.

(ckr)

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