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Breitband | Beitrag vom 27.10.2018

Debatte um AktivismusBrauchen wir einen anderen Populismus im Netz?

Moderation: Philip Banse

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Eine Illustration zeigt eine Sprechblase zwischen einem Kameramann und einer Journalistin mit Mikrofon.  (imago / Ikon Images)
"Breitband" ist mit Paula Diehl, André Leipold und Marina Weisband auf der Suche nach dem passenden Kanal für einen anderen Populismus. (imago / Ikon Images)

Populismus hat einen schlechten Ruf. Doch ist es möglich, ihn wertfrei als Werkzeug zu betrachten, als eine Art aktivistische Strategie? Kann Populismus inhaltliche Substanz haben? Brauchen wir gar eine neue, humanistische Version davon im Netz?

Populistische Positionen, Parolen und Provokationen von rechts sind nicht nur im Netz Teil unserer Alltagskultur geworden. Europa als eine große, schillernde Idee, Versprechen und Beginn eines pluralistischen Weltbürgertums scheint in weite Ferne gerückt. Von Trump bis Erdogan ist auch außerhalb von Europa ein Rechtsruck spürbar - und die Tendenz zur Abschottung statt Gemeinsinn.

Die Menschenwürde erweist sich als antastbar

In diesem Klima scheint die Gemeinschaft nach innen und außen zu bröckeln, vormals selbstverständliche und identitätsstiftende gemeinsame Werte werden mindestens infrage gestellt. Die Menschenwürde erweist sich besonders dort als antastbar, wo es für viele auf einmal diskussionswürdig ist, ob man Ertrinkende aus dem Mittelmeer retten soll oder nicht.

Der Zug der Demonstration gegen Rassismus und Rechtsruck mit dem Motto "Unteilbar" zieht vor dem Brandenburger Tor auf der Straße des 17. Juni Richtung Siegessäule. (picture alliance / Christoph Soeder)Kundgebung von #unteilbar gegen Rassismus in Berlin: Hunderttausende machten deutlich, was sie von ausgrenzenden Parolen halten. (picture alliance / Christoph Soeder)

Bewegungen wie beispielsweise das Bündnis #unteilbar, dem sich vor zwei Wochen in Berlin etwa eine Viertelmillion Demonstranten angeschlossen hatten, um für eine weltoffene und freie Gesellschaft zu demonstrieren, zeigen jedoch, dass die Zahl derer, die ausgrenzende und rechtspopulistischen Parolen nicht mittragen, alles andere als klein ist. Und doch bekommen sie und viele Andersdenkende im Verhältnis viel weniger Aufmerksamkeit – im Alltag, in den Medien und im Netz – als die Parolen vom rechten Rand: Ausgegeben von Personen, welche die neue Mitte werden wollen – ja, sogar für sich beanspruchen, im Namen des gesamten Volkes zu sprechen.

Porträtaufnahme der Politik- und Kommunikationswissenschaftlerin Paula Diehl (picture alliance / dpa / Robert B. Fishman)Die klassischen Massenmedien scheinen Populisten zu privilegieren, sagt die Politologin Paula Diehl. (picture alliance / dpa / Robert B. Fishman)

Ist es vielleicht Zeit für einen neuen Populismus? Brauchen wir einen, um der Rechtsverschiebung Einhalt zu gebieten und eine Sprache zu finden, die es erleichtert, alle Menschen zu erreichen?

Hat Pegida mehr Aufmerksamkeit als #unteilbar?

Die Politik- und Kommunikationswissenschaftlerin Paula Diehl sieht im Populismus ein wichtiges Korrektiv zentrierter Machtstrukturen, das jedoch problematische Züge annimmt, wenn das Misstrauen gegen die Repräsentanten zu groß wird. Gibt es zwischen Medien und Populismus ein strukturelles Problem? Die klassischen Massenmedien und ihre Aufmerksamkeitsregeln scheinen Populisten zu privilegieren. Die Populisten selbst hingegen bevorzugen nicht-redigierte Kanäle. Deshalb spielt das Internet für sie eine so große Rolle.

Ein Akteur, der sich die Aufmerksamkeitsregeln der Medien beispielhaft zunutze macht und sich dabei häufig dem Vorwurf des Populismus aussetzt, ist das Zentrum für Politische Schönheit (ZPS). Aufrüttelnde und provozierende Aktionen im Namen der Menschenrechte sind ihr Markenkern.

In der Bundespressekonferenz in Berlin sitzen die drei Mitglieder des Zentrums fuer politische Schönheit Yasser Alaamoun (v.l.), Andre Leipold und Theresia Braus am  16.06.2016 auf dem Podium (imago / CommonLens)André Leipold (M) bei einer Pressekonferenz des Zentrums für politische Schönheit in Berlin (imago / CommonLens)

Gemeinsam mit André Leipold, "Geheimrat" des ZPS werfen wir einen Blick in den Werkzeugkasten des Zentrums und fragen: Welche Rolle spielt die Kunst? Ist das Zentrum populistisch? Und welche Kalkulation liegt hinter ihrem Spiel mit der Aufmerksamkeitsökonomie?

Das mediale Spiel und das Spiel mit den Medien

Marina Weisband vertritt die Ansicht, dass die Aufmerksamkeitsökonomie im Netz einer demokratischen Debatte häufig im Weg steht. Die Diplom-Psychologin und ehemalige politische Geschäftsführerin der Piratenpartei plädiert für die Einrichtung eines öffentlich-rechtlichen Internets. Ein Populismus im Netz wäre wünschenswert, schon allein um der Diskursmacht von rechts etwas entgegenzusetzten. Doch die Mittel der Gegenseite, insbesondere deren Nationalismus, seien dafür nicht die richtigen – sie vergiften nur die Diskussion.

Porträtfoto von Marina Weisband (Lars Borges)Marina Weisband plädiert für die Einrichtung eines öffentlich-rechtlichen Internets. (Lars Borges)

Die Gäste:
Paula Diehl, Politik- und Kommunikationswissenschaftlerin, lehrt an der Humboldt-Universität Berlin, forscht zum Thema Poulismus
André Leipold, Autor, Theater- und Konzeptkünstler, Geheimrat des Zentrums für Politische Schönheit (ZPS)
Marina Weisband, Politikerin, Psychologin und Künstlerin, ehemalige politische Geschäftsführerin der Piratenpartei Deutschland

Weiterführende Links:

"Dann wählen wir uns ein anderes Volk..." - Artikel von Philip Manow in der Zeitschrift "Merkur"

"Torheit" - Ein Kolumnenbeitrag von Carolin Emcke in der "Süddeutschen Zeitung"

Mehr zum Thema

Philosophin Chantal Mouffe - "Es braucht einen linken Populismus"
(Deutschlandfunk Kultur, Sein und Streit, 07.10.2018)

Marina Weisband - Aus der Instrumentenkiste von Populisten
(Deutschlandfunk, @mediasres, 28.06.2018)

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