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Zeitfragen | Beitrag vom 03.10.2020

DDR-Wirklichkeit in "Stadt ohne Liebe" Ein provokantes Theaterstück und seine Spuren

Günter Jeschonnek und André Hennicke im Gespräch mit Winfried Sträter

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Günter Jeschonnek und einige der Schüler von damals posieren für ein Gruppenfoto. (Günter Jeschonnek)
Den Regisseur Günter Jeschonnek (2.v.r.) interessierte, was aus den Schülern von damals geworden ist - und so suchte er sie auf. (Günter Jeschonnek)

Günter Jeschonnek inszenierte 1984 am Theater der Bergarbeiter im brandenburgischen Senftenberg „Stadt ohne Liebe“. Eine politische Märchengroteske, an der auch Schülerinnen und Schüler beteiligt waren. Was ist aus ihnen nach dem Fall der Mauer geworden?

"Stadt ohne Liebe" - ein Despot regiert eine graue Stadt, eine Mauer sperrt die Menschen ein: ein provokantes Theaterprojekt in Senftenberg 1984. Daran beteiligt: Schülerinnen und Schüler. Der damalige Regisseur Günter Jeschonnek wollte jetzt wissen: Was ist aus ihnen geworden? 

Jeschonnek, der 1987 aus der DDR ausgewiesen wurde, wundert sich noch heute, dass das Theaterstück 1984 über die Bühne ging, ohne dass die SED einschritt.

"Stadt ohne Liebe, grau, mit Mauer umgeben, Stacheldraht, Strom im Stacheldraht." Die Anspielungen auf die DDR-Wirklichkeit waren unübersehbar.

Und im Programmheft schrieb eine Schülerin: "Die Menschen fühlen sich nicht wohl; die Eintönigkeit drückt sie schwer. Sie möchten fliehen aus ihrer Stadt, aus der Starre, aus dem Grau, aber sie tun es nicht. Sie wissen nicht wohin, sie kennen keine andere Welt."

Theater als subversives Medium

André Hennicke, der heute als Film- und Fernsehschauspieler bekannt ist, trat damals erstmals als Theaterschauspieler auf. Die Theaterbühne hatte für ihn einen besonderen Reiz in der DDR: "Theater war das einzige Medium, in dem man subversiv sein konnte. Da konnte man mit einem einzigen Satz, mit einem Wort, die ganze Bonzenhierarchie auf die Palme bringen." 

Porträt von André Hennicke auf der Berlinale 2020. (Picture Alliance / dpa Zentralbild / Jens Kalaene)Für das Stück "Stadt ohne Liebe" stand 1984 André Hennicke auf der Bühne, der heute als Theater- und Filmschauspieler bekannt ist. (Picture Alliance / dpa Zentralbild / Jens Kalaene)

Trotzdem blieb es ruhig bei der Theaterpremiere 1984. 

"Wir werden den Senftenbergern den Spiegel vors Gesicht halten, über ein Märchen für Erwachsene, mal sehen, ob sie sich wiedererkennen. Und haben dazu dann noch ein sehr provokantes Programmheft gemacht, und alles ging durch. Wir haben uns gewundert." 

Sechs Jahre später war die DDR am Ende und für die ehemaligen Schulkinder, die sich an dem Theaterprojekt beteiligt hatten, begann ein Erwachsenenleben, auf das sie nie vorbereitet worden waren. 

Klassentreffen - 30 Jahre danach

30 Jahre nach Mauerfall und Wiedervereinigung versammelte Jeschonnek die inzwischen fast 50-Jährigen zu einem Klassentreffen, um zu erfahren, wie sie sich entwickelt haben.

Senftenberg erlebte er als Stadt, die aufgeblüht ist. "Wenn es 1989 nicht den Mauerfall gegeben hätte und 1990 die deutsche Einheit, möchte ich nicht wissen, wie lange diese Stadt noch so grau ausgesehen hätte, wie sie war." 

Über die ehemaligen Schulkinder sagt er: "Ich hab aufgeschlossene Menschen getroffen, die alle ihren Weg gemacht haben, die mitten im Leben stehen, tolle Berufe haben. Und mir ist aufgefallen so´n positiver Pragmatismus. Der hat auch ein bisschen was mit DDR zu tun, dass sie – also, diese Generation – wenig lamentieren, sondern sagen, wir müssen gucken, wie die Situation ist, wir machen das Beste daraus. Und das ist ihre Lebenshaltung geblieben."

Geht nicht, gibt’s nicht - Die Senftenberg-Reihe im Rückblick: Interview mit Regisseur Günter Jeschonnek über sein Wiedersehen mit den von ihm porträtierten Schülerinnen und Schülern aus Senftenberg:



Folge 1 - Cornelia Weise, Kita-Leiterin* in Hamburg

Cornelia Weise ist Diplom-Sozialpädagogin und leitet inzwischen eine Kita in Hamburg. Sie hat ein Buch über "Offene Arbeit in Kindertageseinrichtungen" geschrieben. Sie sagt: "Diese Erfahrung, dass das, was man lernt, nicht für immer gültig ist, finde ich spannend."


Folge 2 - Marcus Petsch, Autohausbesitzer in Senftenberg
Marcus Petsch lebt noch nach wie vor in Senftenberg und ist dort Inhaber des elterlichen Autohauses. Er hat in seiner Kindheit nichts vermisst: "Von daher denke ich, sind wir schon relativ behütet aufgewachsen."


Folge 3 - Alexander Winter, Vertriebsleiter in Dresden**
Alexander Winter wohnt in Moritzburg in der Nähe von Dresden. Er ist bei einer Firma für Prüftechnik Vertriebsleiter für die Regionen Amerika, Mittlerer Osten und Europa. Er sagt über den DDR-Staat: "Er war wirtschaftlich extrem marode, aber auf der anderen Seite so perfekt darin, eine Ideologie und eine Psychologie aufzubauen, die Leute in ihrer Käseglocke zu lassen."

Folge 4 - Kathleen Werner, Mitarbeiterin einer Krankenkasse in Braunschweig
Kathleen Werner arbeitet bei einer großen Krankenkasse in Braunschweig. Sie sagt, ihre persönliche Lebensentwicklung sei toll gelaufen. Für viele, die wie ihr Vater nach der Wende arbeitslos wurden, sei das anders gewesen: "Und ich denke mal, daher kommt auch diese Bitterkeit, die immer noch in den Köpfen drin ist."

Folge 5 - Peter Franz, Leiter des Zollamts* in Ludwigsfelde 

Peter Franz leitet das Zollamt in Ludwigsfelde bei Berlin. Er wohnt zudem in Ludwigsfelde und engagiert sich in der Evangelischen Kirche. Das alte System will er nicht zurückhaben. Damals sei er ein klassischer Mitläufer gewesen. "Erst später bin ich zu der Erkenntnis gekommen: Naja, so doll war es doch nicht."


Folge 6 - Solveig Neubauer, Personalverwalterin in Cottbus

Solveig Neubauer arbeitet an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg in der Personalverwaltung und wohnt in Cottbus. Die ausländerfeindlichen Umtriebe in ihrer Stadt kann sie nicht verstehen. Sie wünscht sich für die Zukunft "ein bisschen mehr Weltoffenheit insgesamt für Deutschland, dass diese negativen Strömungen nachlassen".


Folge 7 – Michael Menzel, Produktmanager in Senftenberg

Michael Menzel arbeitet als Senior-Projektmanager bei einem Senftenberger Unternehmen. Er lebt in Königs-Wusterhausen bei Berlin und fährt täglich zur Arbeit in die Niederlausitz. Er bilanziert für sich: "Ich würde keine Abkürzung nehmen wollen, nichts irgendwo zur Seite legen, damit ich es jetzt vielleicht einfacher hätte."


Folge 8 – Maria Susann Dannies, Ärztin in Altdöbern

Die promovierte Fachärztin für Chirurgie Maria Susann Dannies lebt in Senftenberg. Sie hat sich in Altdöbern, im Süden Brandenburgs, mit ihrer Praxis für Chirurgie einen Wunsch erfüllt: "Man sucht nach Lösungen, es ist nicht dieses unkonstruktive Meckern, sondern man schaut: Wie kann ich aus dem was ich habe, noch etwas machen?"


Folge 9 – Alexander Herbert, Banker in Frankfurt/M.

Der diplomierte Volkswirt lebt in Bad Homburg und arbeitet in einer niederländischen Großbank in Frankfurt/M. Alexander Herbert macht sich Sorgen um den Zustand unserer Demokratie: "Ja, die Möglichkeit, sich frei zu äußern, Mitgestaltungsrecht zu haben, das wird, glaube ich, von vielen Leuten momentan nicht mehr als wirklicher Wert gesehen."


Folge 10 – Ivonne Miethner, Sachbearbeiterin beim Landkreis Oberspreewald-Lausitz

Ivonne Miethner lebt in Brandenburg in Lauchhammer. Die Diplomverwaltungswirtin ist in Calau als Sachbearbeiterin in einer Bauaufsichtsbehörde angestellt. Vor dem Mauerfall hatte sie andere Berufspläne: "Meine Idee war eigentlich, die Welt zu sehen. Mit den Gegebenheiten in der DDR war das ja nicht ohne weiteres möglich."


Folge 11 – Enrico Wendt, Vorarbeiter in Bernsdorf

Enrico Wendt lebt in Hörlitz bei Senftenberg. Im sächsischen Bernsdorf leitet er als Vorarbeiter eines japanischen Autokompressorenwerks ein Team von 20 Kollegen. Er bilanziert für sich: "Wir hatten eigentlich bis dahin ein gutes Leben. Wir hatten das Glück, dass die Wende zur richtigen Zeit kam."


Folge 12 – Barbara Saupe, eine der Klassenlehrerinnen in Senftenberg

Barbara Saupe lebt seit 40 Jahren in Senftenberg und ist inzwischen Rentnerin. 1981 übernahm sie die leistungsorientierte Russischklasse. Noch heute schwärmt sie von der Motivation und dem selbstständigen Lernen: "Das hatten die alle, das war da. Probleme, Disziplinschwierigkeiten, das gab es nicht."


Folge 13 – Heidi Winter, Vorsitzende des Elternaktivs der Klasse

Heidi Winter ist in Senftenberg geboren und lebt in der Stadt. Sie ist die Mutter von Alexander Herbert, der bis zur 10. Klasse die Russisch-Spezialklasse besuchte. Die ehemalige Souffleuse des Theaters und spätere Zahntechnikerin organisierte den Patenschaftsvertrag mit dem Senftenberger Theater. Für sie war es eine wunderbare Klasse: "Wir erziehen unsere Kinder zu kleinen Persönlichkeiten."


Redaktioneller Hinweis:
*Wir haben Präzisierungen bei den Berufsbezeichnungen vorgenommen.
**Hier wurde eine Ortsangabe korrigiert.

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