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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 05.11.2014

DDR-GeschichteAlte Kader und neue Foren

Die DDR zwischen Mai und November 1989

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Die Mitinitiatorin des "Neuen Forums", die Malerin Bärbel Bohley und der prominente Mitbegründer der DDR-Oppositionsgruppe, der Molekularbiologe Professor Jens Reich, am 26. Oktober 1989 bei einer Podiumsdiskussion in Ost-Berlin. (dpa / AFP)
DDR-Bürgerrechtler Bärbel Bohley und Jens Reich (dpa / AFP)

Die im Mai 1989 manipulierten Kommunalwahlergebnisse brachten für die DDR-Bevölkerung das Fass zum Überlaufen. Immer mehr Menschen begehrten nun gegen den Staat auf, die Revolution begann.

Berlin, 8.5.1989. Ministerium für Staatssicherheit. Zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe Berlin. Information an Honecker, Dohlus, Hermann, Krenz, Mittig, Neiber, Schwanitz.

Hinweisen aus allen Bezirken der DDR zufolge wurden insbesondere Mitglieder so genannter kirchlicher Basisgruppen und Antragsteller auf ständige Ausreise erkannt, die sich zur Kontrolle bzw. Überwachung der Wahlhandlung und Stimmenauszählung in Wahllokalen befanden.

Beck: "Ab '85 war klar, dass so wie gewirtschaftet wurde, das es so nicht mehr weiter gehen kann. Die Wahrheit aus den Zeitungen und die Wahrheit des Lebens gingen sehr heftig auseinander."

Die Personen machten sich in der Regel Aufzeichnungen über die durch die Wahlvorstände verkündeten Wahlergebnisse, zum Teil in vorgefertigte Formblätter. In Einzelfällen warfen sie den Wahlvorständen Wahlmanipulationen vor und verlangten, persönlich die Gegenstimmen auszählen zu dürfen.

Kollwitz: "Dieses Jahr '89 war einfach die Situation so, die ganzen politischen Umstände, dass immer mehr Leute gesagt haben: Hier muss sich was tun."

Derartige Provokationen wurden durch die Wahlvorstände zurückgewiesen, woraufhin die Personen kommentarlos die entsprechenden Wahllokale verließen.

2. Mai 1989. Ungarn beginnt seine Grenzanlagen zu Österreich zu demontieren.

Krenz: "Liebe Freunde und Genossen. Die Kommunalwahlen im 40sten Jahr unseres Arbeiter und Bauernstaates wurden zu einem eindrucksvollen Votum für die Kandidaten der Nationalen Front unserer Deutschen Demokratischen Republik"

Wann war der Anfang vom Ende der DDR? Aus der Innenperspektive der DDR - sowohl aus der der Oppositionsgruppen als auch aus der der Staats- und Parteiführung - stellen die Kommunalwahlen den Anfang einer immer schneller ablaufenden Folge von Ereignissen dar, an deren Ende es keine DDR mehr gab. Als Egon Krenz am Abend des 7. Mai 1989 in der Aktuellen Kamera, die Wahlergebnisse verkündete, konnte er sich sicher nicht vorstellen, dass er sechs Jahre später deshalb vor Gericht stehen würde.

Krenz: "Für die Wahlvorschläge der Nationalen Front der Deutschen Demokratischen Republik wurden 12.182.050 gültige Stimmen abgegeben. Das sind 98,85 Prozent. Gegen die Wahlvorschläge stimmten 142.301, das sind 1,15 Prozent." Die Ergebnisse waren gefälscht.

Ein DDR-Flüchtling zeigt am 11. September 1989 am Kontrollpunkt Passau die Ausweise vor. (picture alliance/dpa/Karl Staedele)Ein DDR-Flüchtling zeigt am 11. September 1989 am Kontrollpunkt Passau die Ausweise vor. (picture alliance/dpa/Karl Staedele)

Dass die enorme Zustimmung, die die Wahlvorschläge der Nationalen Front erhielten, nie ganz der Wirklichkeit entsprach, wusste jeder. Doch erstmals konnte es bewiesen werden, denn im Unterschied zu früheren Wahlen waren in manchen Wahllokalen diesmal Kontrolleure zugegen. So etwa in Plauen, wo sich unter dem Dach der Markusgemeinde eine Gruppe junger Menschen systematisch auf die Wahl vorbereitet hatte. Stefan Kollwitz, damals 24 Jahre alt, war einer von ihnen:

"Die Stasi wusste, wie wir im Nachhinein erfahren haben, eigentlich auch seit Januar davon, dass es in Planung ist, also die waren genauso schnell wie wir. Ganz einfach aus dem Grund, dass ein wichtiger IM seit Anfang an dabei war und so kam es auch dazu, dass bereits im Januar 1989 über diese ganz Sache ein operativer Vorgang angelegt wurde mit dem Namen 'Lunte'. Wir haben also die Sache so weit vorbereitet, dass ganz klar war, wer in welches Wahllokal geht, wir haben ausgemacht, was dort zu beobachten ist, die Zahlen, die sich jeder gut aufschreiben oder merken sollte, wie viel waren bei der Wahl, wie viel waren nicht gegangen, denn das war ja auch ein Ausdruck zu DDR Zeiten, als Protest, wenn man überhaupt nicht an der Wahl teilgenommen hat."

In insgesamt 40 Wahllokalen waren Mitglieder der Plauener Oppositionsgruppe bei der Auszählung dabei und tatsächlich konnten sie erhebliche Unregelmäßigkeiten dokumentieren.

Kollwitz: "Wir kamen nicht auf 50 Prozent der abgegeben Stimmen, die wir kontrollieren konnten, aber es war doch ein ziemlich eindeutig repräsentatives Ergebnis in unseren Augen und es stellte sich raus, dass zehn Prozent nach unseren Schätzungen gegen den Wahlvorschlag gestimmt haben und auch ca.10 Prozent ihren Protest ausgedrückt haben, indem sie nicht an der Wahl teilnahmen. Das waren so die Zahlen, die sich in den Wahllokalen im Schnitt dargestellt haben."

Mindestens 7,8 Prozent der Plauener Wähler hatten, so das Endergebnis der selbst ernannten Wahlprüfer, die Vorschläge der Nationalen Front abgelehnt. Die offiziellen Zahlen gaben hingegen an, dass es nur 3,8 Prozent waren - wobei das sogar schon so etwas wie ein Zugeständnis war, denn das war DDR-weit eines der schlechtesten Ergebnisse. Die Plauener Bürgerrechtler behielten ihr Wissen nicht für sich, sondern wandten sich Aufklärung fordernd an verschiedene Stellen, vom Plauener Bürgermeister bis rauf bis zum Staatsrat der DDR. Umso enttäuschender waren die Reaktionen.

Kollwitz: "Wir sind nur hingehalten worden. Wir haben vom Staatsrat die Antwort bekommen, dass ja Gespräche mit uns auf örtlicher Ebene geführt werden und sie die Dinge für erledigt halten und im Nachhinein wissen wir, das war offizielle Linie in der ganzen DDR , eigentlich ist mit allen, die Einsprüche gemacht haben, so verfahren worden."

Nicht nur in Plauen waren kritische Bürger an diesem 7. Mai unterwegs. Obwohl es keine zentrale Organisation gab, sondern nur lose Absprachen im Rahmen kirchlicher Netzwerke, waren im ganzen Land solche Gruppen aktiv. Allein in Berlin wurden 200 Wahllokale beobachtet. Auch in Potsdam, wo unter anderen Rolf Kutzmutz, Mitglied der SED-Kreisleitung, zur Wahl stand.

Kutzmutz: "Ich bin damals das erste Mal zu einer Wahl angetreten, für ein kommunales Parlament und ich war der Meinung, ich hab ordentlich gearbeitet und bin verdient gewählt worden. Ich hab immer gesagt, warum sollte irgendjemand an irgendeiner Stelle an dem Ergebnis drehen. Selbst wenn man mit 92 Prozent gewählt ist, ist man ja eigentlich ganz sicher gewählt."

In Potsdam waren 3.580 gezählte Neinstimmen am Ende auf 1.599 geschrumpft. "Korrigiert" im Sinne der Nationalen Front wurden die Ergebnisse nicht auf der Ebene der einzelnen Wahllokale - deren Ergebnisse wurden meist korrekt ermittelt und übermittelt, sondern auf Kreisebene, in den lokalen Wahlkommissionen. Im April 1989 hatte die SED-Zentrale ihren Kreisleitungen mitgeteilt, dass man zum 40. Jahrestag der Republik Ergebnisse erwarte, die nicht schlechter seien als beim letzten Mal.

Auch wenn die Proteste und Einsprüche zunächst folgenlos blieben, waren die Kommunalwahlen ein Erfolg für die Kritiker des Staates, denn sie zeigten, dass es inzwischen überall im Land eine Opposition gab.

Eine Frau versucht, eine Demonstrantin von der Polizeikette weg zu ziehen. Am 7. Oktober 1989 kam es wie in anderen ostdeutschen Städten auch in Ostberlin zu Demonstrationen gegen die Machthaber in der DDR. (picture-alliance / dpa )Am Rande der offiziellen Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der Republikgründung bildete sich am 7. Oktober 1989 auf dem Alexanderplatz ein Protestzug mit rund 1000 meist jugendlichen Teilnehmern. Die Polizei griff ein. (picture-alliance / dpa )

Kutzmutz: "Meiner Ansicht nach war diese Wahl auch angesichts der Situation, die in der DDR herrschte, die war ja immer noch davon gekennzeichnet, dass viele von denen, die kritisch waren, ja nicht die DDR stürzen wollten, sondern sie wollten sie verbessern. Und das hat das Fass eigentlich zum Überlaufen gebracht."

Ignorieren, Aussitzen, auf Anweisungen von oben warten. Das war die Strategie, mit der die meisten Parteigliederungen auf die jetzt selbstbewusst vorgetragenen Nachfragen reagierten. In Potsdam raffte sich die Bezirksleitung der SED noch einmal auf und verbot wenige Tage nach der gefälschten Kommunalwahl - zum letzten Mal in der DDR - ein Theaterstück.

Das Stück, das aufgeführt wurde war "Der Revisor - oder Katze aus dem Sack", eine Verwechslungskomödie nach Nikolai Gogol, in der eine durch und durch korrupte Kleinstadt einen vermeintlichen Revisor umgarnt. Auf DDR-Verhältnisse umgeschrieben hat das Stück der Dramatiker Jürgen Gross.

Gross: "Überliefert ist der Ausspruch des damaligen Vorsitzenden der SED Bezirksleitung, Günther Jahn, beim Hinausgehen aus dem Theater nach der Premiere zu seinen Getreuen: Hier marschiert die Konterrevolution. Achtung. Und das Achtung ist wahrscheinlich wie ein Befehl gewesen, also hier muss etwas dagegen unternommen werden und praktisch sah das so aus, dass dem Theater die weitere Aufführung des Stückes verboten wurde."

Als Reaktion auf das Verbot realisierte der Westberliner Rias wenige Monate später eine Hörspielversion des Stückes.

Gross: "Ich hab mal hier in meinem Archiv nachgeschaut, wir reden ja über Dinge, die 20 Jahre her sind. Ich schreib damals an meinen Westberliner Verleger Bernd Bauer: Weder Presse noch sonstige Mitteilungen durften über die Potsdamer Inszenierung meines Revisors veröffentlich werden. Die Theaterplakate wurden wieder entfernt, andere Hinweise auf Aufführung des Stückes einfach überklebt. Nach einem Gespräch mit Theaterkollegen in Potsdam ergibt sich für mich der Eindruck, dass überwiegend politisch persönliche Beweggründe hoher Funktionäre zum Verbot führten, die sich in der Aufführung meines Lustspiels auf der Bühne ihres Theaters unerhört bloßgestellt fühlten. Fazit: Lachen in Potsdam verboten."

In den Pfarreien wurden Flugblätter hergestellt

4. Juni. Das chinesische Militär beendet mit einem Massaker die seit Monaten andauernden Demonstrationen. DDR-Regierung und Volkskammer begrüßen das Vorgehen gegen "die Konterrevolution."

Berlin 1. Juni 1989. Ministerium für Staatssicherheit. Zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe Information an Honecker, Krenz, Dohlus, Hager, Hermann, Jarowinsky, Herger, Hörnig, Schult, Sorgenicht:

"Seit Beginn der 80er Jahre anhaltende Sammlungs- und Formierungsbestrebungen solcher Personen, die sich die Aufweichung, Zersetzung und politische Destabilisierung bis hin zur Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR zum Ziel setzen, führten zur Bildung entsprechender Gruppierungen und Gruppen. Diese sind fast ausschließlich in Strukturen der evangelischen Kirchen der DDR eingebunden bzw. können für ihre Aktivitäten die materiellen und technischen Möglichkeiten dieser Kirchen umfassend nutzen. Gegenwärtig bestehen in der DDR ca. 160 derartige Zusammenschlüsse.

Freimark: "Friedensgebete waren zum Beispiel: zehn Tage besonderes Nachdenken über den Frieden. Das waren die Tage der Friedensdekade im Herbst. Frieden hieß dann natürlich auch: Veränderung in unserem Lande. Das gehörte auch dazu."

Hans Peter Freimark von 1978 bis 2004 Pfarrer in Neustadt an der Dosse. Im Frühsommer 1989 bildete die Kirche noch das Dach, unter dem sich die meisten oppositionellen Gruppen sammelten. Besonders in der Provinz dienten Gemeindesäle und Kirchenschiffe als Versammlungsorte. Zudem waren sie wichtig für die Kommunikation, denn die Pfarreien verfügten über Hektographiergeräte zur Herstellung von Flugblättern und - immer über ein Telefon.

Freimark: "Das ist richtig. Wir haben uns nicht als Opposition verstanden, weil das der Begriff war, wo man eingreifen konnte. Widerstand war vielleicht auch zu groß. Leute, die einfach das Gewissen wach rufen wollten, Wir hatten uns nicht weiter benannt. Opposition, Bürgerrechtler, diese Begriffe fielen unter uns nicht. Ob wir es waren? Die Praxis hat's gezeigt. Aber genannt haben wir es nicht so."

Im ganzen Land gab es in den Kirchen Klein- und Kleinstgruppen wie die zunächst dreiköpfige Umweltgruppe Perleberg, von der ein Drittel bei der Stasi war. Diese Gruppe, die zum DDR-weiten Umweltnetzwerk Arche gehörte, fiel durch Aktionen auf, die aus heutiger Sicht geradezu niedlich wirken, damals aber ausreichten, um die Aufmerksamkeit des Staatsapparates erregen. Jochen de Haas, Sohn des damaligen Pfarrerehepaares in der norddeutschen Kleinstadt:

De Haas: "Die paar Aktionen die wir gemacht haben, war dann Weihnachten '88 da haben wir einen halb entnadelten Weihnachtsbaum - Tannenbaum- vorne in den Altarraum gestellt und dann als die Leute rausgingen, gesagt: Wir haben jetzt alle unsere Tannenbäume, und das ist ja auch schön so, aber vielleicht auch mal kurz dran denken, wie viel Bäume durch Umweltzerstörung sterben. Irgend so etwas in der Richtung. Und ich kann mir vorstellen, dass das dann sehr gut weiter erzählt wurde. Jedenfalls waren wir dann erstaunlicherweise sehr bekannt - also sehr viel bekannter als ich gedacht hätte."

Die Bürger liefen scharenweise davon

Als im Sommer '89 dann das Aufbegehren seinen Lauf nahm, waren die Umweltaktivisten plötzlich gefragte Gesprächspartner.

De Haas: "Es hatte sich eben rumgesprochen und in der Zeit der Revolution kamen dann auch Anfragen an uns aus verschiedenen Dörfern: Erzählt uns doch mal was die einzelnen politischen Gruppen, die damals so aufkamen für Intentionen haben. Und da sind wir dann in die verschiedenen Dörfer gefahren und da war es natürlich richtig voll."

27. Juni. Der Außenminister Ungarns, Gyula Horn, reist mit seinem Amtskollegen Alois Mock an die österreichisch-ungarische Grenze nach Sopron. In einem symbolischen Akt durchschneiden sie ein Stück Grenzzaun aus Stacheldraht.

Ministerium für Staatssicherheit. Zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe. Berlin, Juli 1989. Die politisch operative Lage zur Zurückdrängung von Antragstellungen auf ständige Ausreise nach der BRD und Westberlin ist vor allem gekennzeichnet durch eine unverändert hohe Anzahl diesbezüglicher Anträge. Beim ungesetzlichen Verlassen der DDR ist - im Verhältnis zum 1. Halbjahr 1988 eine zum Teil erhebliche Zunahme festzustellen. Unter diesen Personen befindet sich erneut eine erhebliche Anzahl mit einem hohen Qualifikationsgrad.

Die Bilanz für die zweite Jahreshälfte 1989 sollte allerdings noch schlechter ausfallen.

Am 8. August flüchten 130 DDR- Bürger in die Ständige Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin, die daraufhin vorübergehend ihren Publikumsverkehr einstellt. Von da ab brachen die berühmten Dämme und der DDR liefen die Bürger scharenweise davon. Auch in Thüringen, wo Almut Beck, Kaderreferentin für Volksbildung im Rat der Kreises Sonneberg feststellen musste, dass selbst die Lehrer, die in der DDR recht gut situiert waren, verstärkt Ausreiseanträge stellten.

Beck: "Jeder, der einigermaßen ehrlich war, hat zwischen dem, was er den Kindern erklären musste und dem, was wirklich war, doch die Diskrepanz gespürt und das war für manche Leute schwierig zu machen. Und dann wollten manche Leute auch nur einfach reisen und nicht nur nach'm Osten."

Am 19. August findet in Sopron, in der Nähe der ungarisch-österreichischen Grenze das "Paneuropäische Picknick" statt. Als Friedenszeichen sollen die Grenzen zwischen Österreich und Ungarn für drei Stunden geöffnet werden. Etwa 600 DDR-Bürger nutzen die Gelegenheit, um in den Westen zu fliehen.

Als die Grenze am 11. September endgültig geöffnet wurde, flohen allein in den ersten drei Tagen 15.000 DDR-Bürger. Die Staats- und Parteiführung fand keine Antwort mehr auf die Ereignisse. Alles was noch blieb, war die Verunglimpfung der Flüchtlinge.

Beck: "Ich hab's erlebt auf'm Bezirk. Da wurde von einem ersten Stellvertreter, der Sohn ist über Ungarn weggegangen. Mit dem hat niemand mehr geredet. Der wurde wie ein Verräter behandelt, obwohl er ja nun nix dazu konnte. Sein Sohn war über 30, also da haftet man ja nicht mehr. Ich fand das sehr negativ und auch die Art, diese intolerante Art wie darauf reagiert worden ist, nicht zu fragen, warum gehen die Leute weg, warum verlassen den Sozialismus, warum gehen sie in die andere Gesellschaftsordnung, sondern nur zu sagen, dass sind die Verbrecher, das sind die Verräter. Und das war für mich der völlig falsche Ansatz."

10. September. Mitglieder der Friedensbewegung wie Bärbel Bohley, Rolf Henrich und Jens Reich unterzeichnen in Grünheide den Aufruf "Aufbruch 89".

In unserem Lande ist die Kommunikation zwischen Staat und Gesellschaft offensichtlich gestört. Belege dafür sind die weit verbreitete Verdrossenheit bis hin zum Rückzug in die private Nische oder zur massenhaften Auswanderung. Fluchtbewegungen dieses Ausmaßes sind anderswo durch Not, Hunger und Gewalt verursacht. Davon kann bei uns keine Rede sein. Die gestörte Beziehung zwischen Staat und Gesellschaft lähmt die schöpferischen Potenzen unserer Gesellschaft und behindert die Lösung der anstehenden lokalen und globalen Aufgaben.

Hieß es in dem Gründungsdokument. Die Unterzeichner riefen gleichzeitig eine Organisation ins Leben, der sie den Namen "Neues Forum" gaben. Die Behörden lehnten die Registrierung als politische Organisation jedoch ab. Dennoch bildeten sich Regionalgruppen des Neuen Forums im ganzen Land.

3. Oktober. Die DDR setzt den visafreien Reiseverkehr mit der Tschechoslowakei aus.

Vier Tage vor dem Geburtstag der Republik

Damit hatte sich das Land vier Tage vor seinem 40. Geburtstag vollkommen isoliert. Dementsprechend war die Stimmung auf den Feiern eher gedämpft. Sie begannen mit einem Fackelzug der FDJ, die sich hier zum letzten Mal als kämpferische Vorhut des Sozialismus inszenieren durfte.

Wie in den Jahren und Jahrzehnte zuvor zogen Tausende von Jugendlichen drei Stunden lang an der DDR-Führung vorbei und diesmal auch an ihrem Ehrengast, dem sowjetischen Staats- und Parteichef Michael Gorbatschow. Der sprach den Journalisten allerdings andere Sätze in die Mikrophone als seine Amtsvorgänger.

In diplomatischer Sprache, aber doch eindeutig und verständlich ermutigte der oberste Befehlshaber der über 350.000 sowjetischen Soldaten, die in der DDR stationiert waren, diejenigen, die die das Land verändern wollten. Noch deutlicher wurde er am Abend, im Berliner Palast der Republik, wo der letzte große Ball der DDR stattfand.

Gorbatschow: "Demokratisierung; Offenheit, sozialistischer Rechtsstaat, freie Entwicklung aller Völker und ihre gleichberechtigte Mitbestimmung in den Angelegenheiten, die das ganze Land betreffen, menschenwürdige Lebensbedingungen und garantierte Rechte für jeden, Möglichkeiten für die schöpferische Entwicklung aller Menschen, das streben wir an, von diesen Zielen lassen wir uns leiten ..."

Sprach es und verschwand sehr früh von einer Feier, die nicht recht in Gang kommen wollte. An Andrej Hermlin, der mit seinem Orchester dort aufspielte, dürfte das aber nicht gelegen haben.

Hermlin: "Im Palast selbst herrschte eine völlig absurde Atmosphäre, die ganzen Ehrengäste, es waren ja mehrere Tausende, glaube ich, die da waren - hingen alle an den Fenstern und guckten herüber Richtung Marienkirche, weil auf dem gegenüber liegenden Ufer der Spree hatten sich ja die Demonstranten versammelt. Und waren fassungslos. Neben mir stand Luis Corvalán, der berühmte chilenische Kommunist, und dann weiß ich noch dieser Showmann, Wolfgang Lippert, Lippi, der stand neben mir und war völlig panisch: Andrej, was soll denn jetzt nur werden?"

Als später am Abend dann im Palast Honecker, Yassir Arafat und Nicolae Ceausescu zusammen mit den anderen Staatsgästen die "Internationale" sangen, protestierten draußen 3.000 Demonstranten. Sie riefen "Gorbi hilf uns!", "Wir sind das Volk!" und "Keine Gewalt!".

Die Bemühungen, jede Kritik auszusperren, waren misslungen. Andrej Hermlin bekam an diesem Abend noch ein Bild zu sehen, dass es als Foto sicher zu Weltruhm gebracht hätte.

Hermlin: "Und dann stand ich in diesem großen Saal und mitten im Saal war ein großer runder Tisch. Und um ihn herum waren viele runde Tische, die aber deutlich kleiner waren. Dort saßen teilweise Leute. Die Tanzfläche war gefüllt, die Leute tanzten. Auf der Bühne spielte irgendeine Tanzkapelle und es war ein ganz seltsames Bild, denn an dem großen Tisch in der Mitte saß überhaupt niemand, also fast niemand. Es saß ein einziger Mensch dort, ein alter Mann, der versonnen in die Ferne blickte, als wäre er schon gar nicht mehr anwesend. Und das war Erich Honecker."

Der Generalsekretär des ZK der SED, Erich Honecker (r), und sein Gast, der Generalsekretär des ZK der KPdSU Michail Gorbatschow 1989 (picture alliance/dpa/adn Zentralbild Franke)Der Generalsekretär des ZK der SED, Erich Honecker (r), und sein Gast, der Generalsekretär des ZK der KPdSU Michail Gorbatschow 1989 (picture alliance/dpa/adn Zentralbild Franke)

Draußen wurde unterdessen durchgegriffen. Die Polizei hatte die Demonstranten vom Palast weggetrieben, Sondereinheiten der Staatssicherheit prügelten auf sie ein und verhafteten viele von ihnen. Der Staat zeigte noch einmal Härte. Die Straße gehörte jedoch von nun an den Demonstranten.

7. Oktober. In einem Pfarrhaus in Schwante bei Berlin gründen 40 DDR Kritiker die Sozialdemokratische Partei der DDR, SDP.

Der 7. Oktober war auch der Beginn der Massendemonstrationen in der DDR. Die erste Demonstration mit mehr als 10.000 Teilnehmern fand nicht in Leipzig statt, wo zwar schon seit vier Wochen jeden Montag protestiert wurde, jedoch mit deutlich weniger Teilnehmern, sondern in Plauen, wo selbst die Bürgerrechtler überrascht waren über den Zuspruch, den sie dort fanden.

Steffen Kollwitz: "Nach offiziellen Angaben hat sich das also summiert auf fast 15.000, die dort zusammen waren. Ein Teil der Demonstranten schloss sich zusammen. Es gab einen ersten Demonstrationszug, der durch einen Teil der Stadt führte, und es kam dann dazu, dass sich ne Gruppe vor dem Rathaus versammelte - offen skandierte und den Oberbürgermeister aufforderte herauszukommen."

Von nun an ging es richtig schnell. Der Herbst der Demonstrationen hatte begonnen.

9. Oktober. In Leipzig nehmen ca. 70.000 Menschen an der Montagsdemonstration teil.

Informationen an Krenz, Schabowski, Herger, Dickel, Mittig. Großmann, Neiber, Schwanitz, MFS intern.

Im Zeitraum vom 30. Oktober bis 5. November fanden ca. 230 politisch geprägte Veranstaltungen mit fast 300.000 Teilnehmern in kirchlichen Räumen statt. Das ist eine wesentliche Zunahme sowohl von der Anzahl her als auch hinsichtlich der Beteiligung gegenüber der Vorwoche.

Die bekannten Sammlungsbewegungen nutzen nach wie vor diese Veranstaltungen um sich zu profilieren und zu stabilisieren. Bekannte kirchliche Amtsträger und Vertreter antisozialistischer

"Wir stehen erst am Anfang des grundlegenden Wandels in unserem Land"

Sammlungsbewegungen wie die Pfarrer Tschiche/ Magdeburg und Schorlemmer/Wittenberg heizen nach wie vor die Stimmung gegen die Partei und Staatsführung an.

18. Oktober: Das ZK der SED entbindet Erich Honecker "aus gesundheitlichen Gründen" von seinem Amt als Generalsekretär der SED und wählt Egon Krenz zu seinem Nachfolger.

Ministerium für Staatssicherheit. Zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe

Im Ergebnis sowohl des anhaltenden Drucks von Kräften aus Sammlungsbewegungen als auch der Fortführung des Dialogs kam es in der Woche vom 30. Oktober bis zum 5. November 1989 ebenfalls zu einer Ausweitung öffentlicher Demonstrationen und Massenveranstaltungen in allen Bezirken der DDR und der Hauptstadt Berlin.

Freimark: "Plötzlich kommt Sonne auf, und eine halbe Million Leute singt plötzlich: So ein Tag, so wunderschön wie heute. Oder: Reisewetter, Reisewetter. Ist ja heute kaum noch zu begreifen, was das bedeutete."

Bei gestiegener Anzahl solcher Veranstaltungen hat sich die Zahl der daran teilnehmenden Personen verdreifacht. Nach vorliegenden Hinweisen beteiligten sich über 1,35 Millionen Menschen an mehr als 210 Demonstrationen.

Territoriale Schwerpunkte bildeten wiederum die Bezirksstädte. Demonstrationen in Kreisstädte haben zugenommen und erreichen Teilnehmerzahlen, die denen der Bezirksstädte vergleichbar sind.

8. November. Das Neue Forum wird offiziell als politische Organisation zugelassen.

In Berlin tagt das Zentralkomitee der SED. Das Politbüro tritt geschlossen zurück. Die Schriftstellerin Christa Wolf wendet sich im DDR Fernsehen an ihre Landsleute:

"Was können wir Ihnen versprechen? Kein leichtes, aber ein nützliches und interessantes Leben. Keinen schnellen Wohlstand, aber Mitwirkung an großen Veränderungen. Wir wollen einstehen für Demokratisierung, freie Wahlen, Rechtssicherheit und Freizügigkeit. Unübersehbar ist: Jahrzehnte alte Verkrustungen sind in Wochen aufgebrochen worden. Wir stehen erst am Anfang des grundlegenden Wandels in unserem Land."

 

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