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Frühkritik | Beitrag vom 07.05.2021

David Peace: "Tokio, neue Stadt"Archäologie eines ungeklärten Verbrechens

Von Tobias Gohlis

Das Cover des Buches "Tokio, neue Stadt" von David Peace auf orange-weißem Hintergrund. (Deutschlandradio / Liebeskind)
Fulminanter Abschluss: Vor mehr als zehn Jahren startete der Brite David Peace seine Tokio-Trilogie. (Deutschlandradio / Liebeskind)

Zwischen Rätsel und Wahnsinn: Der dritte Teil der Krimi-Trilogie von David Peace über das Japan der Nachkriegszeit beruht auf einem wahren Fall. "Tokio, neue Stadt" handelt von einem bis heute ungeklärten Mord an einem hohen Beamten im Jahr 1949.

Mehr als zehn Jahre ist es her, dass der britische Autor David Peace den ersten Band seiner Tokio-Trilogie veröffentlicht hat, die von ungelösten, spektakulären Verbrechen im Japan der Nachkriegszeit handelt.

Sie alle tauchen in dem abschließenden Band "Tokio, neue Stadt" wieder auf, am Rande nur. Wie Erinnerungsschübe in einem nicht endenden Albtraum.

Horror, Mystery, Spionage, Verschwörung, Wahn, Panik, Mythen – alle Elemente von Kriminalliteratur und verwandten Genres lässt der 1967 in Ossett/Yorkshire geborene David Peace in seine Romanserien wie in einen Trichter einfließen, um aus dieser Maische einen Sound zu brauen, der einzigartig ist, nicht nur in der Kriminalliteratur.

Im Jahr drei des Kalten Krieges

Es ist ein an historische Realitäten wie an archäologische Fundstücke gefesselter Trauergesang, der es jetzt völlig zu Recht von null an die Spitze der Krimibestenliste im Mai geschafft hat.

Die historische Realität von "Tokio, neue Stadt" ist ein bis heute ungeklärter Fall: 1949 wird Sadanori Shimoyama, Präsident der japanischen Eisenbahngesellschaft, in Stücken auf den Gleisen seiner geliebten Bahn in einem Vorort Tokios gefunden.

Vor Kurzem hatte er die Entlassung von 100.000 Angestellten verkündigen müssen – Anlass genug, im Jahr drei des Kalten Krieges Moskauer Einflüsse, Spionage und gewerkschaftliche Umsturzversuche zu wittern.

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Diesen historischen Background wühlt Peace aber um und um, in den verstörten Seelen seiner drei Ermittler, in den drei Zeitebenen des Romans.

Drei Ermittler, drei Zeitebenen

1949 ermittelt Starkriminalist Harry Sweeney aus Montana zwischen den Stühlen des amerikanischen Oberkommandos und der japanischen Polizei. 1964 gräbt Privatdetektiv Murota Hideki in den wahnhaften Spuren eines True-Crime-Schriftstellers, der über dem Fall Shimoyama den Verstand verloren hat. 1988 wird der Sprachprofessor und ehemalige CIA-Resident Donald Reichenbach mit seiner Schuld konfrontiert.

All das erklingt – mit einem Wort unzureichend zusammengefasst – als große Totenklage: über die gestorbenen Liebsten, über das versäumte Leben, über die nicht endende Sterblichkeit.

Und bei aller poetischen, manchmal rätselhaft ins Ungefähre gesteigerten Imagination hält David Peace die Fäden von der ersten bis zur letzten Seite zusammen: Das ist ganz große Literatur.

David Peace: "Tokio, neue Stadt"
Aus dem Englischen übersetzt von Peter Torberg
Liebeskind Verlag, München 2021
432 Seiten, 24 Euro

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