David Hugendick: "Jetzt sag doch endlich was"

Stottern hinter der Witzfassade

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Buchcover zeigt den Titel des Buchs "Jetzt sag doch endlich was" in großer, blauer und leicht krakeliger Schrift auf hellem Untergrund. Der Autorenname David Hugendick und der der Untertitel "Über das Stottern" sind Schwarz gedruckt.
© Ullstein

David Hugendick

Jetzt sag doch endlich was. Über das StotternUllstein, Berlin 2026

160 Seiten

22,00 Euro

Von Nils Schniederjann |
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ZEIT-Journalist David Hugendick schreibt über sein Stottern. Was wie ein persönlicher Einblick in eine Sprachstörung beginnt, verliert sich jedoch in einem Feuerwerk aus Wortwitzen und feuilletonistischen Vergleichen. Aber echte Nähe entsteht so nicht.
Stottern, das ist wie ein „halsnasenohrentätowierter Türsteher“, aber auch wie ein „unentwegter Warnstreik“. Es fühlt sich an, „als wären deine Stimme und die Buchstaben gleich gepolte Magneten“. Buchstaben sind „Terroristen“, Wörter „aus Zement“, und wenn sie endlich herauskommen, dann „wie haarscharf dem Herztod entronnene Patienten“.
Das sind nur einige der Metaphern, mit denen der ZEIT-Journalist David Hugendick in seinem autobiografischen Essay versucht, verständlich zu machen, was Stottern bedeutet. Auf den 160 Seiten reiht sich ein Vergleich an den nächsten: Stottern sei wie der Versuch, „Keilschrift zu sprechen“, wie das Stoßen an Couchtischkanten oder eine Allergie gegen Buchstaben.
Eigentlich wäre es interessant, Einblicke in das Innenleben eines Menschen zu bekommen, der bis ins Erwachsenenalter stottert und dabei eine beeindruckende Karriere als Literatur-Journalist bei Deutschlands wichtigster Wochenzeitung macht. Hugendick deutet manchmal über die bloßen Vergleiche hinaus an, was es mit jemandem macht, wenn die Wörter nicht herauskommen wollen.

Alles ach so lustig

Etwa wenn er über Mitmenschen schreibt, die versuchen, seine Sätze für ihn zu beenden: „Ich möchte lieber an einer Ampel an einer Berliner Ausfallstraße lecken, als dass jemand meinen Satz zu Ende spricht“, schreibt er dann und man ahnt wie frustrierend es sein muss, wenn ihm von seinen Gesprächspartnern nicht die paar Sekunden gegeben werden, die es kosten würde, ihn aussprechen zu lassen.
Doch in jedem Moment, in dem echte Nähe zum Autor entstehen könnte, folgt ein lockerer Wortwitz oder eine feuilletonistische Anspielung. An dieser Stelle etwa, dass er „beim Geschenkeeinpacken mindestens unter Pflegstufe drei“ falle – und man ihn ja vielleicht lieber dort unterstützen könnte als beim Beenden seiner Sätze.
Ein schneller Gag und schon ist vergessen, dass es eigentlich um ein durchaus ernstes Thema geht. So bleibt David Hugendick jedoch in seinem gesamten Buch an der Oberfläche.

Autor steht sich selbst im Weg

Wer den betont unernsten Sound mag, der das deutsche Feuilleton allgemein seit einigen Jahren prägt, wird seinen Spaß an den kleinen Beobachtungen haben, mit denen Hugendick sein Buch füllt. Etwa wenn er schreibt, dass die meisten der alltäglichen Äußerungen sowieso einen „intellektuellen Nutriscore D bis E“ hätten. Oder wenn er den „deutschen Idiotensatz“ Das wird man doch wohl noch sagen dürfen kontert mit seiner eigenen Sorge: „Das werde ich doch hoffentlich sagen können“.
Das mag witzig sein, vielleicht hilft es dem einen oder anderen sogar, leichtfertiger auf die Störung des Redeflusses zu blicken, um die es eigentlich in dem Buch geht. Nach wenigen Seiten ist es jedoch vor allem ermüdend, einem Journalisten dabei zuzusehen, wie er mit immer neuen Vergleichen wettzumachen versucht, dass er eigentlich nichts von sich, seinem Leben und seiner Innenwelt preisgeben will.
Es ist schade, dass der Autor sich hinter einer Flut von Metaphern und feuilletonistischen Finessen versteckt, statt seine Leser und Leserinnen an sich heranzulassen. Und so schöpft das sowieso schon schmale Buch leider sein Potenzial nicht aus.
Hugendicks stilistische Fähigkeiten sind unbestritten, doch wer sich echte Einblicke erhofft, wird enttäuscht. Denn der Autor steht sich selbst im Weg: Zwar nicht durch sein Stottern, aber dafür umso mehr durch seinen Hang zur permanenten Selbstironie.
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