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Lesart | Beitrag vom 19.07.2018

David Gugerli: "Wie die Welt in den Computer kam"Unsere Welt im Rechner

Von Philipp Schnee

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Cover von David Gugerlis "Wie die Welt in den Computer kam", im Hintergrund ist ein Bürocomputer von Robotron aus dem Büromschinenwerk Sömmerda im Computer- und Technikmuseum in Halle/Saale zu sehen (S. Fischer / dpa / Collage: Deutschlandradio)
Der entscheidende Dreh bei der Entstehung des PC, des personal computers, war das "personal", das "persönlich", schreibt David Gugerli. (S. Fischer / dpa / Collage: Deutschlandradio)

In den zurückliegenden Jahrzehnten entstand eine zweite Welt, die wir heute die digitale nennen. Der Historiker David Gugerli beschreibt die einzelnen Bausteine in "Wie die Welt in den Computer kam" als anregende Technikgeschichte.

Es ist ein wunderbarer Satz, mit dem der Schweizer Historiker David Gugerli beginnt: "Dieses Buch berichtet darüber, wie die Welt in den Computer gekommen ist." In der Inversion des allzu bekannten Sprachbildes wird sofort klar, was das Konzept dieses Buches sein soll: Nicht das Ding Computer kommt in die Welt, sondern unsere Außenwelt wandert nach und nach in dieses Ding. Ein Satz, der vor allem auch zu verstehen hilft, was seit einigen Jahrzehnten vor sich geht.

Immer größerer Teile unseres Lebens, unserer Welt, der Außenwelt finden in der digitalen Wirklichkeit, in diesen einst grauen Kästen und heute oft kleinen Smartphones statt. "Es ist" – so schreibt Gugerli gleich weiter – "die Geschichte eine großen Umzugs".

Um diese Geschichte zu erzählen, versucht Gugerli zu beantworten, was in der Entstehungsgeschichte des digitalen Raumes die zeitgenössischen Vorstellungen davon waren, was ein Computer ist, was er kann, was er soll. In Ankündigungen, Forschungsentwürfen und Arbeitsberichten möchte er die Konzepte für den digitalen Raum finden.

Rechenschieber statt Riesenrechner

Zu Beginn seiner Geschichte konnte der Rechner vor allem eins: ziemlich schnell und ziemlich präzise rechnen. Nur, so schreibt Gugerli, in den 1950ern gab es gar nicht den Bedarf für eine solche riesenhafte Rechenmaschine: Im Arbeitsalltag kamen die Menschen, ob Verkäufer, Techniker oder Co-Piloten, ganz unplugged gut zurecht: Mit Daumenregeln ließ sich rechnen vermeiden, mit Rechenschiebern ließen sich berufsspezifische Rechnungen tabellarisch und grafisch "vorrätig" halten oder sie wurden auf später, in die Verwaltung, verschoben.

Die (Arbeits-)welt musste zunächst auf den Computer vorbereitet werden. Die Daten und die Arbeitsabläufe mussten in der analogen Welt oft aufwändig rearrangiert werden, um dann blitzschnell im Computer bearbeitet zu werden.

Die ersten kommerziellen Rechner, so Gugerli, "rechneten" auch kaum komplizierte Aufgaben, sie sortierten und ordneten, auf französisch wurde daraus der "ordinateur", erste Modelle hießen "Data processing machine".

Der "personal computer" als allgemeiner Alleskönner

Gugerli erzählt diese Geschichten in sehr konzeptionell zugeschnittenen Kapiteln zu "Rechnen", "Programmieren", "Synchronisieren", "Verbinden". Und so erfährt man etwa auch, dass der entscheidende Dreh bei der Entstehung des PC, des personal computers, das "personal", das "persönlich" war. Die Rechner sollten auf sehr, sehr unterschiedliche Bedürfnisse und Ansprüche als allgemeine Alleskönner eingerichtet werden.

Leider ist Gugerlis Buch an einigen Stellen zu sehr Fachdiskurs. So nimmt er etwa Umdeutungen zur Rolle des ARPA-Netzwerkes oder des World-Wide-Web-Pioniers Tim Berners-Lee vor, ohne den Leser explizit darauf hinzuweisen, wer diese sind, welche Bedeutung sie hatten. Man muss das zumindest grob im Hinterkopf haben. Auch ist das Buch, so sehr es anfangs danach klingt, zu wenig ein Buch über eine Kulturtechnik, sondern dann doch eher eine Technikgeschichte, in der es viel um abstrakte Konzepte, um Speichersysteme, Programmcodes und Techniklogiken geht.

Gugerli interessiert: Was war das Ziel, die Idee, die Vorstellung, die Logik hinter entscheidenden Schritten der Entwicklung des Computers, des Digitalen, wie hat das die Welt des Digitalen geprägt. Da bleibt dann die Außenwelt doch ab und an außen vor. Wie sich die Welt, nach ihrem Umzug, gemütlich im Rechner einrichtet, hätte gerne noch mit etwas weniger Abstraktion gezeichnet werden dürfen. Trotzdem: Wer darüber hinwegsieht und -liest, bekommt in diesem Buch immer wieder tolle neue Blicke auf das, was Computer sind und sein sollten.

David Gugerli: Wie die Welt in den Computer kam. Zur Entstehung digitaler Wirklichkeit
Frankfurt am Main, S. Fischer 2018
256 Seiten, 24 Euro

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