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Tonart | Beitrag vom 29.06.2020

David Bowies & Mick Jaggers "Dancing in the Street"Wenn Weltstars alt aussehen

Von Klaus Walter

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David Bowie links in heller Jacke und Mick Jagger rechts in türkisem Hemd sind im Profil zu sehen. Beide haben den Mund offen und schauen sich an, während sie "Dancing in the street" singen. (imago stock&people)
David Bowie und Mick Jagger singen 1985 "Dancing in the Street" (imago stock&people)

David Bowie und Mick Jagger nehmen 1985 den Soulklassiker "Dancing in the Street" neu auf. Es wird zum Hit – und kann als Symbol der Hybris der Weltstars gelesen werden, während Schwarze mit dem Original von 1964 Gleichberechtigung beanspruchten.

Am 29. Juni 1985 nehmen David Bowie und Mick Jagger einen Soul-Klassiker neu auf: "Dancing in the Street." Es wird ein Nummer-eins-Hit. Aber damit nicht genug. Die beiden Weltstars wollen auch die Welt retten.

"Live Aid" steht vor der Tür. Am 13. Juli trifft sich der Hochadel der angloamerikanischen Popmusik für zwei parallel stattfindende Großkonzerte: im Londoner Wembley-Stadion und im John F. Kennedy Stadium in Philadelphia. Mit von der Partie sind Eric Clapton und Bob Dylan, die Dire Straits und Queen, Phil Collins und Sting, Madonna und Elton John und, und, und …

Für Afrika, nicht von Afrika

Mehr Männer als Frauen, mehr Weiße als Schwarze, so gut wie keine Musikerinnen und Musiker aus Afrika. Warum auch, es soll ja ein Konzert für Afrika werden, und kein Konzert von Afrika. "Feed The World" ist das Motto, Popmillionäre sammeln Geld für das hungernde Afrika – und zementieren so das Bild vom ewigen Krisenpatienten Afrika, dem notorisch Schwarzen Kontinent. 

Etwas ganz Besonderes haben sich David Bowie und Mick Jagger ausgedacht. Um der Welt zu zeigen, wie weltumspannend ihre Mission Weltrettung konzipiert ist, planen sie eine Rund-um-die-Welt-Show: David Bowie steht in London auf der Bühne, Mick Jagger in Philadelphia und gemeinsam singen sie ihren neuen Hit, "Dancing in the Street", via Satellit rund um den Globus.

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Besser können die beiden Weltstars ihren Anspruch auf Weltherrschaft nicht untermauern. Dumm nur, dass die Welt noch nicht bereit ist für die Idee. Zwischen London und Philadelphia steht eine Zeitverzögerung von einer halben Sekunde, was komisch geklungen hätte.

Hybris zweier Weltstars

Aus heutiger Sicht können wir die gescheiterte Erdumrundung von Bowie und Jagger lesen als Symbol für die Hybris von zwei weißen Weltstars. Wir sind im Jahr 1985: Die Rolling Stones haben seit Ewigkeiten keine relevante Platte mehr gemacht, David Bowie ist längst kein Trendsetter mehr.

Beide Männer sind nicht mehr jung, aber sie wollen's den Leuten noch mal zeigen, vor allem der Generation MTV: Auch mit 40 sind wir superheiß mit unseren bonbonfarbenen Teenagerfetzen, auch mit 40 können wir tanzen wie die Gockel auf der heißen Herdplatte, auch mit 40 sind wir die schärfsten Typen seit Erfindung der Sexmaschine.

Das Video zu "Dancing in the Street" landet auf Platz zwölf. Auf Platz zwölf auf der Liste der scheußlichsten Video-Clips aller Zeiten, präsentiert vom englischen New Musical Express.

Mit ihrem präpotenten Gerocke überschreiben Bowie und Jagger 1985 den Motown-Klassiker "Dancing in the Street" aus den Sechzigern. Schaut her da draußen, wir sind die Vortänzer, sagen sie.

Egalitärer Anspruch des Originals

Das Original dagegen ist ein egalitärer Aufruf – lasst uns alle tanzen auf der Straße. Martha Reeves & The Vandellas:

"Wir rufen raus in die Welt, seid ihr bereit für einen brandneuen Beat?
Der Sommer ist da und die Zeit ist reif zum Tanzen auf der Straße
Tanzen in Chicago, Tanzen auf der Straße
Unten in New Orleans, Tanzen auf der Straße
Und in New York City"

"Alles was wir brauchen ist Musik, süße Musik
Überall wird Musik sein.
Swingen, sich Wiegen, Platten spielen,
Tanzen auf der Straße"

Unbeabsichtigt hochpolitisch

Was heute auf Deutsch eher hölzern klingt, das bringt 1964 tatsächlich Millionen von Leuten zum Tanzen – und es bringt die Verhältnisse zum Tanzen. Die Verhältnisse? Die Bürgerrechtsbewegung in den USA kämpft um gleiche Rechte für alle, egal welcher Hautfarbe. Martha Reeves, die Sängerin, erinnert sich.

"Es war eine schwere Zeit in den USA, viel Gewalt, viele Aufstände. Ich glaube, die Autoren des Songs waren davon inspiriert. Wir wollten die Leute dazu bringen, zu tanzen anstatt zu kämpfen oder zu plündern. Wir waren froh, dass wir dieses Lied singen durften."

Doch es kommt anders: "Dancing in the Street" wird gegen die eigene Intention hochpolitisch. Wer öffentlich auf der Straße tanzt, macht sich sichtbar, und Sichtbarkeit ist nicht vorgesehen für schwarze Amerikanerinnen und schwarze Amerikaner in den frühen 60ern.

Bowie & Jagger-Version sieht alt aus

2020 ist das Schwarze Amerika sichtbarer denn je. Im Zeichen von #BlackLivesMatter und in Zeiten von #BlackLivesMatter sieht das "Dancing in the Street" von Bowie & Jagger aus dem Jahr 1985 dann doch älter aus als das "Dancing in the Street" von Martha Reeves & The Vandellas aus dem Jahr 1964.

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