Dauer-Verlierer mit unerschütterlichem Optimismus

Andreas Platthaus im Gespräch mit Holger Hettinger · 09.06.2009
Für den Donaldisten Andreas Platthaus besteht der Erfolg von Donald Duck darin, dass er sich nicht unterkriegen lässt. "Irgendwo ist das ein schöner Trost, wenn eine Figur wie Donald 75 Jahre alt wird und ihr ganzes Leben lang weitgehend Pech gehabt hat". Donald lasse sich von all dem Pech nicht unterkriegen und "verzweifelt keine Sekunde".
Britta Bürger: Heute vor 75 Jahren hatte Donald seinen ersten Auftritt auf der Leinwand. Doch dieses Jubiläum ist mit einer Hiobsbotschaft verbunden: In den USA werden die klassischen Disney-Comics künftig nicht mehr publiziert. Was sagen die Donaldisten dazu? Jene Fans, die Donald Ducks Leben akribisch erforschen. Mein Kollege Holger Hettinger hat mit einem Donaldisten der ersten Stunde darüber gesprochen - mit Andreas Platthaus von der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Rente für die Ente - ist das ein fatales Signal?

Andreas Platthaus: Für Amerika ganz sicherlich. Es ist natürlich ein Jammer, wenn eine der großen kulturellen Leistungen dieser Nation jetzt einfach so beerdigt wird. Auch dass es im Jubiläumsjahr passiert, ist doppelt ärgerlich, aber natürlich wäre es nächstes Jahr genauso dramatisch gewesen. Für uns Donaldisten ist das nicht so besonders tragisch, denn es ist immerhin so, dass wir einen abgeschlossenen Kanon vor uns haben. Wir arbeiten nur mit den Geschichten von Carl Barks, die erscheinen ohnehin seit 40 Jahren nicht mehr. Der gute Mann war alt und ist in Rente gegangen, jetzt geht leider Gottes die ganze Comicproduktion mit Donald in Amerika in Rente, aber damit verlieren wir nicht so richtig viel. Aber uns tut es natürlich leid für den Nachwuchs. Junge Donaldisten werden in Amerika wahrscheinlich nicht mehr heranwachsen.

Holger Hettinger: Lassen Sie uns mal ein wenig zurückblicken in die Geschichte von Donald Duck. Wann jetzt genau dieser Geburtstag war, ob im März oder im Juni 1934, darüber streiten sich die Gelehrten. Ich glaube, das Autokennzeichen von Donald Duck, die 313, gibt da entscheidende Hinweise für die März-Fraktion. Aber interessanter als solche kleinen Details ist es eigentlich, die Entwicklung dieser Figur zu sehen. Bei Mickey Mouse weiß man zum Beispiel, dass der "Steamboat Willie" ganz anders charakterlich gestrickt war als dann das spätere Serienprodukt. War das bei Donald Duck genauso, gibt's da Entwicklungen?

Platthaus: Ja durchaus. Bei Donald war es so, dass er ja überhaupt nur in die Filme eingeführt wurde 1934, weil Mickey Mouse sich gerade so stark entwickelt hat und immer braver wurde. Und man brauchte wieder so eine richtig anarchische Figur, die all die Streiche spielen konnte, die der brave Mickey mittlerweile nicht mehr machen durfte, weil die Eltern Sorge hatten, dass diese Figur auf ihre Kinder so übel wirkte. Aber die Kinder wollten natürlich den Frechdachs sehen. Und so begann Donald Duck als sehr, sehr wilder, ungebärdiger, auch als sehr, sehr jugendlich charakterisierter Antagonist zu Mickey Mouse.

Und in dem Moment, so drei, vier Jahre später, als er sich von Mickey löste, weil er mittlerweile so populär geworden war, dass er eigene Filme bekam, dass er eigene Comics bekam, da brauchte man für den natürlich auch wieder eine Welt, die mehr war als nur der Gegensatz zu etwas. Und da kam, wie in Ihrem Beitrag eben ja auch schon erwähnt, dann plötzlich die große Familie dazu, da kamen die Neffen, da kam Daisy, da kam irgendwann Dagobert. Und dementsprechend wurde Donald auch immer erwachsener, wuchs in die Rolle eine Erziehungsberechtigten hinein.

Und wenn wir uns Donald am Anfang eher als so eine Art Teenager vorstellen dürfen in den Filmen, ist er dann in den Comics, ich sag mal, Ende 30 oder Mitte 30, also mindestens 20 Jahre älter, auch etwas ruhiger geworden, viel vernünftiger und vor allem, das muss man nun auch mal sagen, viel elaborierter, denn diese Quakstimme, die wir eben gehört haben, das ist der Film-Donald, während in den Comics ein völlig normal redender, hochintelligenter Mensch agiert.

Hettinger: Wobei er immer noch ein bisschen was Anarchistisches hat: 75 Jahre alt und noch keine Minute seines Lebens 'ne Hose getragen, das ist doch schon bisschen Punk, oder?

Platthaus: Na, man sollte fairerweise sagen, dass wenn Donald Duck schwimmen geht, er durchaus manchmal Hosen trägt. Etwas paradox, aber in Entenhausen existiert die Badehose. Sie ist nicht zwingend, es gibt auch das Badehemd, das ist in gewisser Weise fakultativ, aber es gibt Momente, in denen Donald Hosen getragen hat, sie sind nur extrem rar. Wir wissen aber auch nicht ganz genau, ob dieses weiße Federkleid, was er da um seinen Unterleib herum hat, ob das nicht Hosenfunktionen hat. Es gibt zum Beispiel sehr hübsche Bilder, wo er sich in die Tasche greift, die dort sich unten befindet. Sehr interessant, man müsste gucken, was das physiognomisch bedeutet, wenn es eben keine Hose wäre.

Hettinger: Die Entwicklung von Donald vom Jahre 1934 bis dann zum Ende der Ära Carl Barks, da sind ja auch viele historische Daten drin. Wenn man sich die Jahrzehnte mal ein bisschen genauer anschaut, korreliert das Abenteuerverhalten von Donald Duck in irgendeiner Weise mit dem, was man mal so vage als Zeitgeist bezeichnen könnte?

Platthaus: Unbedingt. In den Comics vielleicht sogar etwas weniger als in den Filmen, denn die Filme wurden ganz massiv, auch gerade im Zweiten Weltkrieg, zur Propaganda eingesetzt. Donald zieht genau wie Mickey, genau wie Goofy sofort in den Krieg. Er ist als ganz normaler Soldat im Fernen Osten eingesetzt, agiert erfreulicherweise nur in sehr, sehr obskuren Filmen, auch in Europa, aber hat natürlich trotzdem einige sehr unangenehme Erlebnisse dabei.

In den Comics gibt es allerdings auch einiges, was auf den Zeitgeist oder auf die Zeitläufe rekurriert. Beispielsweise wird der Vietnamkrieg bei Carl Barks einmal thematisiert, natürlich nicht mit dem Namen Vietnam, der asiatische Staat, um den es da geht, heißt Chaotistan, aber es geht dort genauso zu wie in Vietnam - sehr, sehr übel, bürgerkriegsartig, die amerikanische Botschaft wird gesprengt und Donald zusammen mit Dagobert und den Neffen ist mitten drin.

Hettinger: Es ist ja eigenartig, dass ausgerechnet diese Figur des Donald so große Faszinationskraft auf Leserinnen und Leser aller Altersgruppen ausübt, denn eigentlich kriegt er doch immer nur auf die Mütze, ist doch der geborene Verlierer, es gelingt ihm wenig, es gibt immer andere Figuren, die viel mehr Glück haben als er - Gustav, um da eine Figur herauszupicken. Dann ist er mit diesem furchtbar reichen Onkel gestraft. Wie kommt das, dass ausgerechnet dieser doch eher glücklos agierende Mensch so einen großen Zulauf in der Fangemeinde hatte?

Platthaus: Ich glaube, es liegt, auch wenn es nicht richtig angenehm klingt, ein bisschen daran, dass wir auf ihn herabsehen können. Das ist ihm Endeffekt ein ganz ähnliches Phänomen wie Charlie Chaplin, denn es ist eine Figur, der geht es wirklich schlecht, die lebt am Rande der Gesellschaft, Donald vielleicht sogar noch weniger, aber er ist natürlich auch sehr häufig arbeitslos, verfügt über kein großes Vermögen, allen anderen geht es deutlich besser, sie haben mehr Glück, sie haben mehr Geld, sie haben die Liebe von Daisy, was man sich so vorstellen kann.

Und irgendwo ist das ein schöner Trost, wenn eine Figur wie Donald 75 Jahre alt wird und ihr ganzes Leben lang weitgehend Pech gehabt hat. Daran kann man erst mal sehen, wie gut es einem selbst geht. Das spielt eine wichtige Rolle, und natürlich der nicht zu unterschätzende Faktor, dass Donald sich davon gar nicht unterbekommen lässt. Der nimmt immer wieder von Neuem Anlauf, der ist immer wieder hundertprozentig überzeugt, dass er Erfolg haben wird. Wenn er einen neuen Beruf antritt und auch wenn er tausend Mal dabei scheitert, wenn er zum hundertsten Mal Dagobert versucht anzupumpen und kein Geld bekommt, wenn seine Neffen sich als wesentlich klüger erweisen, wenn er in allen Beschäftigungen versagt, die er hat - er versucht es in jeder Geschichte wieder von Neuem. Und das finde ich vorbildlich, und ich glaube, das ist das, was uns auch immer wieder aufbaut, dass wir sehen, da ist jemand, dem geht's so viel schlechter und der verzweifelt keine Sekunde.

Hettinger: Aber als moralische Leitlinie taugt er ja doch nicht. Wenn er wieder pleite ist, dann muss dann in aller Regel das Sparschwein seiner drei Neffen dran glauben, das ist ja eigentlich hoch problematisch, hat ihm aber anscheinend nicht geschadet, oder?

Platthaus: Nein, aber was sind wir mittlerweile für Leute, die wir über moralische Leitlinien argumentieren könnten, wenn wir sehen, was in den letzten Monaten passiert ist. Ich meine, über was für Sparschweine wurde denn alles verfügt in der ganzen Welt in den letzten Jahren. Dementsprechend, das, was Donald gemacht hat, das ist sehr, sehr kleine Münze des Betrugs oder der Immoralität.

Und nichtsdestotrotz, ja, er ist kein wahnsinnig moralischer Mensch, aber auch das ist natürlich so angenehm, dass man nicht nur unglaublich heroische Figuren wie Mickey Mouse oder Supermann in den Comics findet, sondern eben auch ein sehr, sehr weltliches Wesen wie Donald Duck, der viel näher an unserer normalen Erfahrungswelt ist als fast alle anderen Comicfiguren, denen man begegnen kann. Und ich möchte denjenigen unter unseren Hörern sehen, der sich nie an irgendwelchen Pfennigen von anderen Leuten mal vergriffen hat. Ich fürchte, ganz so hoch erheben sollten wir uns nicht. Donald ist ein ganz normaler Mensch - mit allen Schwächen, aber eben auch mit unglaublich vielen positiven Akzenten.

Hettinger: Und vor allen Dingen mit einem relativ geruhsamen Leben. Denn wenn man diesen reichen Onkel, diesen Onkel Dagobert mal sich genauer anschaut, der hat eigentlich immer Stress. Der Geldspeicher ist ständig unter Beschuss oder unter den Begehrlichkeiten der Panzerknacker aktiv. Im Vergleich dazu hat's ja Donald relativ kommod. Steht er auch so ein bisschen für die Figur, dass man auch mit sagen wir mäßigem Erfolg ein durchaus angenehmes, ruhiges, gelassenes Leben führen kann?

Platthaus: Unbedingt. Also es gibt einen großen Satz von Donald Duck über seinen reichen Onkel, man hat gerade gemeinsam die Panzerknacker abgewehrt, das gesamte Vermögen wieder zurückerobert und Donald bekommt einen Hungerlohn für diese unglaublichen Mühen, mit denen er Abermilliarden gerettet hat. Und er geht weg und dreht sich noch mal um und sagt zu Onkel Dagobert, der eben diesen wilden Kampf hinter sich hat: "Onkel Dagobert, du bist ein armer reicher Mann". Und das ist eine große Erkenntnis, denn tatsächlich ist Donald mit diesen paar Talern, die er da zur Entlohnung bekommen hat, glücklich, er geht mit den Neffen in die Eisdiele, haut das Geld auf den Kopf und hat seinen Frieden. Während Dagobert Duck wahrscheinlich schon in der nächsten Sekunde sich große Sorgen darüber machen muss, was als nächste Bedrohung kommt.

Und das ist in der Tat ein Dasein, mit dem ich nicht unbedingt tauschen möchte. Ich möchte jetzt nicht unbedingt auch Donald sein, ich würde gern neben ihm wohnen, es wäre sicher toll, ihn zum Nachbarn zu haben. Aber nichtsdestotrotz, wenn ich denn wählen müsste zwischen diesen beiden Existenzen, dann, fürchte ich, würde ich mich doch eher für Donald entscheiden.
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