Das William-Booth-Haus der Heilsarmee

    Eine Wohngemeinschaft für Süchtige

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    Die mit Ranken begrünte Fassade des William-Booth-Hauses der Heilsarmee in Berlin
    Im Berliner William-Booth-Haus hilft die Heilsarmee Menschen mit Alkoholproblemen. Für viele ist es nach etlichen Versuchen die letzte Hoffnung. © Die Heilsarmee / André Wirsig
    Von Gunnar Lammert-Türk · 27.06.2021
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    Die Ehrenamtlichen der Heilsarmee leben strikt abstinent. Aber sie helfen Menschen, die Alkoholprobleme haben – auch denen, die schon unzählige Entgiftungen hinter sich haben. Besuch in einer außergewöhnlichen Wohngemeinschaft in Berlin.
    Irena Thurmann leitet das William-Booth-Haus der Heilsarmee im Berliner Stadtteil Wilmersdorf, eine Einrichtung für wohnungslose und alkoholkranke Männer mit psychischen Problemen. Und sie weiß, was es braucht, damit ein Klient überhaupt die Chance hat, vom Alkohol wegzukommen:
    "Es muss einfach der Wunsch da sein: So will ich nicht weiterleben. Das ist schwierig, weil viele sehen das so gar nicht oder kommen an und sind sehr resigniert. Das heißt: Ich kann da sowieso nichts mehr ändern. Ich trink, seitdem ich zehn bin oder zwölf. Wir haben Klienten gehabt, die haben von Kindheit an von den Eltern bereits Alkohol bekommen, damit sie ruhig sind und sie artige Kinder sind. Das heißt, das ist etwas, das in ihrem Leben bestimmend ist. Da ist dann häufig auch diese Resignation und wir müssen erst mal daran arbeiten, diesen Wunsch zu wecken."

    Wer hierher kommt, hat es schon oft versucht

    Die Männer sind häufig gefangen in ihrem Elend. Es fällt ihnen schwer, den Wunsch nach Veränderung in sich wachzurufen und die dafür nötige Kraft zu mobilisieren. Aber ihre Not habe sie hergeführt, erzählt Irena Thurmann: "Wenn die fünfte Wohnung verloren gegangen ist und die zwanzigste Entgiftung abgebrochen wurde und keine Langzeit gemacht wurde, dann gibt es die Klienten, die sagen: 'Irgendwas muss ich ändern.' Und an der Stelle sind wir da und sagen: 'Okay, komm, hier ist die Hand. Los geht’s!'"
    Es geht langsam los. Wer hierher kommt, hat in der Regel eine lange Reihe an gescheiterten Versuchen hinter sich: unzählige Entgiftungen, Therapien, Psychiatrieaufenthalte. Er ist körperlich und seelisch tief erschöpft und braucht erst einmal Ruhe, sein eigenes Zimmer. Das wird ihm gewährt. Dann beginnt die Arbeit an der Veränderung.

    Oberstes Ziel ist Abstinenz – aber es zählt jeder kleine Schritt

    Auch die wird behutsam ins Werk gesetzt, sagt Thurmann: "Die Kontakte bauen sich dann langsam auf, über Small Talk auf dem Flur: Wir haben Post für Sie, kommen Sie zum Gespräch. Wir grillen auf dem Hof, eine Einladung zum Grillen – also das ist so ganz langsam ohne da gleich hochtherapeutisch ranzugehen."
    Ist so erstes Vertrauen aufseiten der Klienten entstanden, kann damit begonnen werden, ihrem Leben eine neue Richtung zu geben. Dabei wird auf alle Formen von Gruppenarbeit verzichtet. Die haben die Klienten meist in vorigen Therapien reichlich erfahren. Was sie brauchen, ist etwas, das sie als Einzelpersonen individuell betrifft. Zu Beginn können die Klienten nach individuellen Absprachen allein in ihren Zimmern Bier und Wein trinken.
    Oberstes Ziel ist nach einer Reduzierung die Abstinenz. Aber, sagt Irena Thurmann: "Man weiß einfach, wenn jemand eine 40-jährige Karriere hat, dann ist das nicht so schnell zu erreichen. Und ich sag meinen Mitarbeitern immer: Die kleinen Schritte zählen. Wir müssen uns bei manch einem unserer Leute einfach auch freuen, wenn sie nach einem halben Jahr selbstständig duschen gehen. Wir reden nicht darüber, dass er aufhört zu saufen, sondern der muss irgendwann anfangen, für sich selbst zu sorgen – einzukaufen, sich was zu essen zu machen. Da erhalten sie Unterstützung."

    Jeder wird genommen, wie er ist

    Für die suchtabhängigen, psychisch kranken Männer, die hierherkommen, ist das William-Booth-Haus oft die letzte Chance. Hier wird ihre Sucht zunächst als gegeben hingenommen.
    Eine solche Einrichtung zu schaffen, war für die Heilsarmee ein mutiger Schritt, denn sie ist eine strikt abstinente Organisation. Sie handelte damit im Sinne ihres Gründers, des englischen Methodistenpfarrers William Booth, der sich ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts um die sozial Verelendeten in London gekümmert hatte. Das bekannte Motto der Heilsarmee "Suppe, Seife, Seelenheil" findet so eine zeitgemäße Umsetzung.
    Ein ehemaliger Obdachlose sitzt zusammen mit einem Hund im Arm auf einem Bett in einem Zimmer des William-Booth-Haus der Heilsarmee in Berlin.
    Der ehemalige Obdachlose Jürgen K. wurde zusammen mit seinem Hund Snoopy vom William-Booth-Haus in eine eigene Wohnung vermittelt.© Die Heilsarmee / André Wirsig
    Wer hier Hilfe sucht, sagt Irena Thurmann, "der muss hier nicht herkommen, frisch geduscht und gewaschen, mit einem Koffer voller schöner Sachen, sondern der kann hier auch stinkend, sturzbetrunken ankommen, sich im Hausflur übergeben. Der wird einfach so genommen, wie er ist. Also da orientieren wir uns ein bisschen an der Bibel: Jesus hätte jeden genommen, der hätte nicht gesagt: Geh mal vorher duschen. Das tun wir auch nicht."

    Oft ist die Sucht mit einer psychischen Erkrankung verbunden

    Diese Haltung schätzen die Männer, die sich hier aufhalten. Einer von ihnen ist Andreas Kaiser. Nach einer qualvollen Aufeinanderfolge von Entgiftungen, Therapien und schweren Rückfällen kam er in die Einrichtung. Nach ein paar Jahren konnte er in ein Wohnprojekt der Heilsarmee umziehen. Inzwischen hat er eine eigene Wohnung.
    Er ist einer von vielen, bei denen die Sucht eng mit einer psychischen Erkrankung verbunden war: "Ich habe das schon mit acht, neun Jahren gehabt, diese Angstzustände. Ich hyperventiliere, ich werde ohnmächtig, ich kriege plötzlich keine Luft mehr. Erstickungsängste. Dann falle ich plötzlich um auf der Straße. Und dann fang ich an, Alkohol zu trinken, wenn ich so eine Panik kriege. So bin ich damals auch zum Alkohol gekommen. Ich habe schon mit 15, 16 angefangen, meine Ängste mit Alkohol zu bekämpfen."
    Diese Ängste bestimmten sein ganzes Leben: In den Schulpausen schloss er sich auf der Toilette ein. Er wechselte viermal die Schule, blieb zweimal sitzen. Ging nach der achten Klasse ab, ohne lesen und schreiben zu können. Konnte nicht mit Bus und Bahn fahren.

    Er trinkt noch immer – aber nur an einem Tag in der Woche

    Inzwischen trinkt er nur noch an einem Tag in der Woche, und in Maßen. Die übrigen vier Tage hilft er dem Hausmeister im William-Booth-Haus, mit dem er sich noch immer verbunden fühlt. Kaiser achtet strikt darauf, seine Lebensordnung aufrechtzuerhalten.
    "Ich arbeite bis Donnerstag. Dann kann ich am Wochenende was machen, aber so, dass ich Montag wieder arbeiten kann. Also diese Strukturierung will ich schon haben. Ich will nicht, dass der Alkohol mein Leben bestimmt, sondern dass ich im Leben noch etwas mache. Ich muss jetzt sehen, dass ich noch im Leben was Schönes mache", sagt er.
    Bis Andreas Kaiser an diesen Punkt kam, musste er auch in der Zeit im William-Booth-Haus manchen Rückschlag einstecken. Irena Thurmann kennt diese Berg- und Talfahrten ihrer Klienten. Sie und ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen besitzen die innere Haltung, damit umzugehen und nicht aufzugeben.
    "Wenn so eine Beziehung gewachsen ist und mir sagt ein Klient: ‚Ich trinke jetzt wirklich nicht mehr, ich verspreche Ihnen, ich trinke nie wieder, weil ich kann das nicht mehr, ich will das nicht mehr.‘ Und dann wird er doch rückfällig, dann ist das Erste, was man wissen muss: Der macht das nicht, um mich zu ärgern", sagt Irena Thurmann.
    "Sondern er macht es, weil er krank ist. Und ich glaube, wenn man das begriffen hat, dann kommt man mit allem anderen auch klar und dann wächst dieses Vergeben auch aus der Erfahrung. Das wächst, die Erfahrung wächst einfach."
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